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Donnerstag, 16. Juli 2026

Getarnt und meist stumm

Ein Zitat

Auf dem Foto versteckt sich ein heimliches Lebewesen im Unterholz. Kein Kobold, aber ein … gibt sich die Ehre.
Foto © Jörg Niederer
"Süsse Ruh', süsser Taumel im Gras, / Von des Krautes Arom umhaucht …" Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Entdeckt

Hast du mich gleich gesehen, oder suchst du mich noch? Vielleicht ist dir mein goldiges Augenlied aufgefallen. Vielleicht auch die leichte Farbnuance zum letztjährigen Herbstlaub. Es ist ja auch mein Ziel, dass du mich nicht entdeckst, wenn du auf dem Waldweg an mir vorübergehst. Los geht das Jahr für mich schon sehr früh, noch ehe der letzte Schnee geschmolzen ist. Man könnte sagen, ich bin einer der ersten meiner Tierzunft. Dann besuche ich die Teiche, dann kann man mich auch hören. Sonst bin ich nicht sehr gesprächig und verbringe auch nicht mehr viel Zeit am Wasser. Im Wald dagegen bin ich immer einmal wieder zu entdecken. Da liebe ich die feuchteren Stellen. Weisst du nun, wer ich bin? Oder soll ich noch sagen, dass man mich auch immer wieder mit Königshäusern in Verbindung bringt. Wenigstens in den Märchen. Meine Angst ist übrigens sprichwörtlich. "Sei kein Frosch", heisst es dann. Darf ich mich vorstellen: Ich bin der Grasfrosch.

Jörg Niederer

Dienstag, 26. Mai 2026

Waldlicht und Waldschatten

Ein Zitat

Ahornblätter werden von der Sonne spotartig durchs Blätterdach des Waldes beleuchtet.
Foto © Jörg Niederer
"Was ist das Schwerste von allem? Was dir das Leichteste dünkt, / Mit den Augen zu sehn, was vor den Augen dir liegt." Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)

Entdeckt

Nur an wenigen anderen Orten ist der Kontrast zwischen Licht und Schatten so umfangreich wie im Wald. Das zeigte sich auch wieder auf meiner Wanderung in der vergangenen Woche der Thur entlang. So meinte mein Wanderkollege René Moor, dass aktuell noch kaum eine Kamera mit diesem grossen Kontrastumfang im Wald zurecht komme. Zwar lassen sich verschieden belichtete Fotos zu einer HDR-Aufnahme zusammenfügen. Oder dann kann man die RAW-Fotodaten punktuell entsprechend den Lichtverhältnissen bis zu eine gewissen Grad anpassen. Doch wirklich zufriedenstellend sind diese Korrekturen nur selten. Ein Beispiel mag das Bild des Wanderwagens sein, das ich im Blogbeitrag vom 22. Mai 2026 gepostet haben. Man beachte die Lichtspitzen am Treppenende, die absolut keine Zeichnung mehr aufweisen.

Auch das Blattwerk des Ahorns auf der hier abgebildeten Fotografie musste ich in einer Partie durch Teile eines zweiten Fotos überschreiben, um den ganzen Lichtzauber einzufangen. Geschickt angewendet können Licht und Schatten aber wunderbare Gestaltungsmittel sein, um einem gewöhnlichen Objekt Zauber zu verleihen.

Wie heisst es doch: Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Es gibt immer Bereiche des Lebens, welche im Dunkel bleiben. Denn der Schatten selbst bedarf des Lichts. Im Wald wäre es nicht halb so schön, gäbe es da kein Licht-Schatten-Spiel.

Jörg Niederer

Mittwoch, 1. April 2026

Morchelglück

Ein Zitat

Eine Speise-Morchel wächst im Unterholz bei den Sandsteinhöhlen von Staffelbach.
Foto © Jörg Niederer
"Es fiel einmal ein Kuckucksei / Vom Baum herab und ging entzwei. / Im Ei da war ein Krokodil: / Am ersten Tag war's im April." Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Hingesehen

Ich bin kein Pilzsammler und daher auch nicht besonders versiert, die essbaren aufzuspüren. Aber gelegentlich laufe ich ihnen unerwartet über den Weg. So auch bei diesem Speise-Morchel, den meine Frau als erste entdeckte, direkt am Waldweg zu den Sandsteinhöhlen von Staffelbach. Zwischenzeitlich weiss ich, dass ich ihn hätte pflücken dürfen. Er gefällt mir aber besser da, wo er aus dem Boden lugt.

Morcheln sollten immer gut durchgekocht werden, da sie sonst vorübergehende gesundheitliche Probleme verursachen. Das habe ich beim recherchieren neu gelernt und werde es in Zukunft beherzigen. Der Nutzen von Morcheln im Wald: Sie zersetzen organisches Material.

Entdeckt habe ich den Pilz übrigens am vergangenen Samstag. Er ist also kein Aprilscherz.

Jörg Niederer

Mittwoch, 11. März 2026

Stern am Waldboden

Ein Zitat

Der Zweiblättrige Blaustern blüht unweit vom Hallstattgrab auf dem Sonnenberg im lichten Wald.
Foto © Jörg Niederer
"Selbst der strengste Winter hat Angst vor dem Frühling." Sprichwort aus Finnland

Hingesehen

Der Zweiblättrige Blaustern blüht noch etwas früher als die Veilchen. In Auenwäldern kann er grosse blaue Teppiche bilden. Unweit vom Hallstattgrab (Siehe Beitrag von gestern!) bei Reinach blüht er nur in wenigen Exemplaren. Gepflückt werden sollte er auf keinen Fall, auch nicht für kleine Sträusse. Erstens ist er giftig und kann bei Hautkontakt allergische Reaktionen auslösen. Zweitens ist er geschützt, in manchen Kantonen sogar streng geschützt.

Wie andere Frühblüher ist er mit einer Zwiebel versehen. Für die eigene Verbreitung sorgt er mittels eines Tricks. Er produziert Ameisennahrung. Die Ameisen kommen und holen sich die Leckerbissen. Dabei transportieren sie gleich auch noch die Samen an andere Orte. Eine Win-Win-Situation. Ameisen haben so früh im Jahr etwas zu knabbern, und die Blausterne erschliessen sich neue Wirk- und Wachstumsstätten. Die Dritten, die etwas davon haben, sind all jede, welche sich an der Schönheit des Zweiblättrigen Blausterns erfreuen können.

Jörg Niederer

Dienstag, 10. März 2026

Hallstatt im Wynental

Ein Zitat

Das Hallstattgrab auf dem Sonnenberg bei Reinach ist leicht auffindbar und doch für viele unbekannt.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Grab ist doch immer die beste Befestigung wider die Stürme des Schicksals." Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

Hingesehen

Da, wo ich wohne, gehe ich selten in Museen. Warum eigentlich? Auf der ganzen Welt habe ich Sehenswürdigkeiten besucht, aber da, wo ich lebe, ist es, als gäbe es diese Möglichkeiten nicht.

Auch im aargauischen Reinach, wo ich vor 3 Jahrzehnten wohnte, habe ich die Museen nie besucht. Sonst hätte ich wohl früher von den Hallstattgräbern auf dem Sonnenberg erfahren. Den einen Grabhügel findet man leicht, ist er doch in den Karten verzeichnet und auch entsprechend ausgeschildert. Der zweite Tumulus ist jedoch vom Wald überwuchert und wohl nur für Insider:innen auffindbar.

Die Hallstattzeit markiert den Beginn der Eisenzeit. Sie dauerte von 800 bis 450 vor Christus, und wird von der Latènezeit abgelöst. Bei den Menschen, die in dieser Zeit von Ungarn bis Frankreich siedelten, geht man von Kelten aus. Denn anders als viele vermuten, finden sich die ersten keltischen Funde in Hallstatt, und nicht etwa im heutigen Gebiet Grossbritanniens. Mit 1200 v. Chr. datieren sie aber viel früher als die Hallstattzeit.

In der Hallstattzeit bildeten sich hierarchische Strukturen heraus. Es gibt prunkvolle Hügelgräber, in denen bedeutende Personen mit Wagen, Schwert, Dolch oder Streitaxt beigesetzt wurden. Kleinere Grabhügel wie die vom Sonnenberg oder auch vom grossen Hallstatt-Gräberfeld von Unterlunkhofen enthalten Urnen oder auch Gebeine von einem oder mehreren Verstorbenen, sowie Keramik und weitere Artefakte wie Fibeln, Schmuck und Waffen.

Von Hallstatt aus wurde in jener Zeit mit dem Salzabbau neue Handelswege erschlossen. Das belegen Fundgegenstände aus dem Mittelmeerraum und aus dem östlichen Europa.

Es waren also bewegte Zeiten, damals, als der Grabhügel etwas abseits von der nie gefundenen Siedlung der bestatteten Menschen zuoberst auf den Sonnenberg angelegt wurde. Wer damals am selben Ort lebte, wie ich Jahrhunderte später, weiss man nicht. Namen sind nicht überliefert. Aber wer sich so ein Grab leisten konnte, musste etwa Besseres gewesen sein. Vielleicht der damalige Stumpenkönig vom Hallstatt-Stumpenland im Oberen Wynental.

Jörg Niederer


Montag, 15. Dezember 2025

Ein Loblied auf das Holz

Ein Zitat

Detailansicht eines Heuschobers, der wohl auch als Stall für Ziegen oder Schafe genutzt wurde.
Foto © Jörg Niederer
"Je näher du der realen Materie kommst, Stein, Luft und Holz, Junge, desto spiritueller ist die Welt." Jack Kerouac (1922–1969)

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Gestern unterhielt ich mich kurz mit einem pensionierten Schreiner. Aktuell katalogisiert er historische Gegenstände, die zur handwerklichen oder bäuerlichen Welt von einst gehören und in einem Museum lagern. Dass er als Schreiner solche Arbeit tut, hat damit zu tun, dass früher sehr viele Gegenstände aus Holz hergestellt wurden, vom ganzen Wohnhaus über den Hobel bis zur Holzschraube, vom Schneidbrett über das Furnier bis zum Gartenmöbel, von den Intarsien über das Ehebett bis zum Cellophan.

Holz war das Plastik von einst. Holz hat aber gegenüber Kunststoffen den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass es sich natürlich zersetzt. Es verwittert. Holz bleibt nicht ewig, wird nicht zu Mikroplastik, das zunehmend unser Leben belasten. Holz altert je nach Konservierung schneller oder langsamer. An Burgruinen lassen sich die Aussparungen für die Holzbalken im Gemäuer oft noch gut erkennen, während es die Balken schon lägst nicht mehr gibt. Wenn man uraltes Holz findet, dann meist in Moorböden oder an ganz trockenen Orten in Wüsten. Unter Luftabschluss geht die Zersetzung sehr langsam voran. In Trockenheit kann Holz versteinern.

Auf dem Foto sieht man eine typische Detailansicht eines Heuschobers im Alpenraum. Vielleicht wurde er auch als Stall für Ziegen oder Schafe genutzt. Ein landwirtschaftlicher Multifunktionsraum, dessen Struktur und Hülle zu einem grossen Teil aus Holz besteht. Luftig gebaut dient ein solcher Schuppen der Zwischenlagerung und weiteren Trocknung des eingebrachten Heus. Er dient aber auch verschiedensten Wildtieren als Unterschupf, allen voran Vögeln Fledermäusen und Insekten. Oft ist leicht zu erkennen, welche Balken im Laufe der Jahrhunderte ersetzt werden mussten. Andere Bretter zeigen deutliche Spuren des Gebrauchs. Letzteres wird oft als malerisch, charaktervoll und idyllisch wahrgenommen. Balken, einst verborgen hinter Wand- und Deckenverkleidungen werden bei Renovationen oft wieder hervorgeholt, sichtbar gemacht, um einen Raum heimelig zu gestalten. Wirtshaustische zeigen stolz Spuren der Gäste vieler Jahrzehnte und Jahrhunderte.

Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, sagt man. Aber Holz ist soviel mehr. Darum gehe ich heute ein bisschen Waldbaden. Oder auch ganz prosaisch gesagt: Ich gehe wandern. Einen grossen Teil davon im Wald.

Jörg Niederer

Mittwoch, 1. Oktober 2025

Waldkaviar

Ein Zitat

Der Fischeierschleimpilz (Tubifera Ferruginosa) zeigt sich auf einem alten Baumstamm in seiner vollen Schönheit.
Foto © Jörg Niederer
"Wie wenig bleibt vom Waldzauber in der Pilzsuppe übrig!" Herkunft unbekannt

Hingesehen

Auf dem fast schwarzen Holz eines alten Baustumpf leuchtet es orangefarbig. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich ein Schleimpilz in seiner ganzen Schönheit. An einer Stelle haben seine Fruchtkörper sich in Herzform versammelt. "Es sieht aus wie Kaviar", meint meine Begleiterin. "Man sollte ihn 'Kaviarschleimpilz' nennen." Und siehe da; das haben auch andere so gesehen. Der deutsche Name ist denn auch "Fischeierschleimpilz" oder "Lachseierschleimpilz".

Schleimpilze bewegen sich. Sie wandern dahin, wo sie ihre Nahrung finden. Dabei hat man auch schon erstaunliche Fähigkeiten entdeckt, so etwas wie Intelligenz. Denn in einem dreidimensionalen Labyrinth finden Schleimpilze jeweils den direktesten Weg an ein Ziel.

Auch dieser Schleimpilz bewegte sich. Nach drei Tagen hatte er sich etwa 2 Zentimeter tiefer in einen Holzspalt hineingearbeitet. Das war vor einem halben Monat. Gestern war dann vom Schleimpilz nur noch ein kümmerlicher Rest zu finden, der ein wenig aussah, wie dunkle Erde, die man an einem Randstein von der Schuhsohle abgestreift hatte. Seine Sporen werden auch von Fliegen weiterverbreitet, deren Kinderstube sie im Schleimpilz erfuhren.

Irgendwer hat auch den Geschmack des Fischeierschleimpilzes getestet. Er soll "unbedeutend" sein. Als ein Wunder der Natur ist dieser Schleimpilz aber alles andere als unbedeutend. Ein wichtiger Teil im Prozess der Zersetzung organischen Materials.

Jörg Niederer

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