Mittwoch, 8. Juli 2026

Der Schmetterling und die Cancel culture

Ein Zitat

Ein Falter der Familie Erebia, vermutlich der Mandeläugige Schwärzling, sitzt ob Saas-Grund mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Wanderweg.
Foto © Jörg Niederer
"Der Mensch hat freien Willen – d.h., er kann einwilligen ins Notwendige!" Friedrich Hebbel (1813-1863)

Entdeckt

Für einmal flatterte er nicht die ganze Zeit um uns herum, sondern sass mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Boden: ein Schmetterling aus der Familie "Erebia", vermutlich "Erebia alberganus", oder auf deutsch "Mandeläugige Mohrenfalter". Das Wort "Erebia" ist sprachlich verwandt mit dem Wort "Erebos". Damit wird die Unterwelt, auch die Finsternis oder Dunkelheit bezeichnet. Es wäre also naheliegend, wenn die rund 80 Erebia-Arten im Deutschen als "Dunkelfalter" bezeichnet würden. Stattdessen werden sie "Mohrenfalter" genannt. Vielleicht nannten die Bergbauern sie schon so, als der wissenschaftliche Name noch nicht feststand, und das Wort "Mohr" noch nicht den schalen rassistischen Beiklang hatte. Jedenfalls wehren sich viele Lepidopterolog:innen mit Händen und Füssen, eine Umbenennung vorzunehmen für diesen kleinen Schmetterling. Das musste der Ethnologe und Journalist Felix Riedel bitter erfahren, als er im Lepiforum, einem Fachforum der Schmetterlingskundler:innen vorschlug, die Mohrenfalter in Bräunlinge umzubenennen (Siehe GEO-Beitrag!).

Nun haben Schmetterlinge mit dunkelhäutigen Menschen etwas so viel oder so wenig zu tun wie mit hellhäutigen Personen. Auch sind wir heute weit entfernt davon, das Wort "Mohr" neutral zu verwenden, also im Sinn von "Dunkel". Heute schwingt immer auch eine abwertende und rassistische Bedeutung mit. Ganz ähnlich, wie beim Wort "Dirne" heute niemand – wie etwa zur Zeit Martin Luthers – eine achtenswerte Frau meint, sondern automatisch ans Rotlichtmilieu denkt. Einem Afrikaner heutzutage "Mohr" zu sagen ist etwa so verletzend, wie wenn man eine Frau heute als "Dirne" bezeichnet. Es gibt keinen "anständigen" Grund mehr, das Wort "Mohr" weiter zu verwenden, weder beim Gebäck noch bei den Schmetterlingen noch sonst wo. Warum das so schwer zu verstehen ist, entzieht sich meiner Intelligenz. Zumal im deutschsprachigen Raum diese Schmetterlinge auch etwas unbefangener "Schwärzlinge" genannt werden können und die Bezeichnung "Dunkelfalter" nebst dem von Felix Riedel vorgeschlagenen "Bräunling" auch möglich wäre. Ich jedenfalls nennen diesen Falter ab heute "Schwärzling" oder eben "Mandeläugiger Schwärzling". Das kostet mich nichts. Es kostet mich genauso wenig wie die inklusive Schreibweise. Ich bin sicher, irgendeinmal in vielen Jahren werden das auch die Lepidopterolog:innen so sehen und über ihren "erebischen" Schatten springen können.

Jörg Niederer

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