Ein Zitat
"Interviewer: 'Also Frank, du hast lange Haare. Macht dich das zu einer Frau?' Frank Zappa: 'Du hast ein Holzbein. Macht dich das zu einem Tisch?'" Frank Zappa (1940–1993)
Foto © Jörg Niederer
Entdeckt
Wer sagt denn, dass die inklusive Sprache etwas Neues ist. Diese Anschrift an einem Haus habe ich aus dem Linienbus heraus in Gammenthal (siehe Google Street View!) bei Sumiswald fotografiert. Das Geschäft gibt es nicht mehr. Die Anschrift ist geblieben. Im als behäbig und traditionell geltenden Emmental erwartet man nicht sprachlich geschlechtergerechte Feinheiten. Und doch steht da nicht nur die männliche Bezeichnung "Coiffeur" sondern explizit auch die weibliche "Coiffeuse". Heute nennt die Berufsberatung beide Formen. Doch damals, als es dieses Friseurgeschäft (auch diese Bezeichnung wird bis heute meist nur in männlicher Schreibweise verwendet) noch gab, war die Ergänzung mit der weiblichen Schreibweise wohl aussergewöhnlich. Das ist sie bist heute. Eine kurze Suche mit dem Stichwort "Coiffeur" bei Google bringt es beispielhaft für Frauenfeld an den Tag. Bei den ersten beiden so bezeichneten Dienstleistern sind es ausschliesslich Frauen, welche dort Haare schneiden und frisieren.
Anders ist es bei den Barber-Shops, die sich überall in leerstehenden Gewerberäumen breitmachen. "Barber" ist Englischen. Deutsch würde man vom "Barbier" sprechen, ein explizit von Männern ausgeübtes Gewerbe, bei dem Bärte geschnitten werden. Früher zogen die Barbiere auch Zähne. Aber das ist lange her.
Zurück zu den Hairstylisten, wie sich einige Friseure heute auch nennen. Da gibt es durchaus einige Frauen, die sich selbstbewusst als Hairstylistin bezeichnen. Klever, wer mit diesem Anspruch sein Geschäft mit "Hairdesign" bewirbt und so das Geschlechterdilemma bei der Geschäftsbezeichnung geschickt vermeidet. Beim Begriff "Coiffeur" funktioniert das nicht, wohl aber bei Friseur. Da könnte man auch von "Frisurengestaltung" (das gibt es wirklich!) schrieben, was aber wohl niemand bei der Geschäftsanschrift tut, wenn man dieses doch englisch viel stylischer umsetzen kann, und es mit "Haarsalon" noch eine weitere Option gibt.
Es bleibt. Wollen Coiffeur:innen betonen, dass sich bei ihnen im Salon Frauen und Männer von Frauen und Männern die Kopfhaare machen lassen können, ist die Geschäftsanschrift "Coiffeur und Coiffeuse" durchaus passend und auch avantgardistisch. Ob das im konservativen Emmental dazu geführt hat, dass es dieses so beschriftete lokale Geschäft heute nicht mehr gibt? Oder war es doch eher der etwas abseitige Standort an einer Ausfallstrasse von Sumiswald?
Jörg Niederer
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