Sonntag, 22. März 2026

Der Buchstabe des Gesetzes

Ein Zitat

Die Pfarrkirche Bruder Klaus in Emmenbrücke gleicht in ihrer Formgebung mitunter der Silhouette des Luzerner Hausbergs Pilatus.
Foto © Jörg Niederer
"Jetzt aber sind wir frei geworden vom Gesetz, dem gestorben, woran wir gebunden waren, sodass wir in der neuen Wirklichkeit des Geistes dienen, nicht mehr in der alten Wirklichkeit des Buchstabens." (Bibel, Römer 7,6)

Hingesehen

Zum Foto: Die Pfarreikirche Bruder Klaus in Emmenbrücke ist als schützenswert eingestuft. Der Baustil folgt der Formensprache des Dekonstruktivismus. Architekt Hans Zwimpfer (1930-2017) schuf mit Hilfe von gefalteten Dachelementen auf Stahlstützen einen Bau, der in seinen Formen mitunter an die Silhouette des Luzerner Hausbergs Pilatus erinnert.

Zum Bibelvers: Wenn ich hier das Wort "Buchstabe" – auf griechisch "gramma" – lese, erinnere ich mich daran, wie schwer ich mich früher in der Schule mit der Grammatik, mit den Regeln und Geboten der Sprache getan habe. Zwar erschlossen mir die Buchstaben die Welt der Literatur, doch zugleich zwängten sie mich ein in das Korsett von Rechtschreibung, Syntax und Sprachlehre.

Diese doppelte – negative und positive – Erfahrung ist auch dem Gesetz eigen. Gedacht, um das Leben der Menschen miteinander zu ermöglichen, wurde es zu einer einengenden, beschneidenden Instanz. Einleuchtendes wurde zur Pflicht gemacht.

Peter Bichsel beschreibt in einer Kolumne, wie er enttäuscht war darüber, dass in den USA der selbstverständliche Umgang mit Behinderten begründet wurde mit der Aussage: "Es ist Gesetz". Das Gute kann doch nicht befohlen werden. Das Gute ist nur gut, wenn der Geist uns dazu anleitet.

Heinrich Böll erzählt in der Geschichte "Mein trauriges Gesicht", wie ein Mann, der betrübt in die Welt blickte, verhaftet wurde. Auf die Frage, was er verbrochen habe, wurde ihm geantwortet: "Es gibt ein Gesetz, das verlangt, dass sie glücklich zu sein haben". Bei der Einvernahme stellt sich der Verhaftete als Vorbestrafter heraus, der nach fünfjähriger Haft gerade entlassen worden war. Gefragt nach seinem damaligen Delikt antwortete er: "Glückliches Gesicht". Das war in einer Zeit, als per Gesetz Trauer befohlen gewesen war. (Heinrich Böll, Romane und Erzählungen 1, 1947-1951, Köln S. 269-275)

Es ist schon so: Der Buchstabe des Gesetzes steht nicht im Alphabet. Schon gar nichts zu tun hat er mit der frohen, geistgewirkten Botschaft der Bibel.

Jörg Niederer

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