Ein Zitat
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| Fotos: © Jörg Niederer |
Entdeckt
Gestern beim Weiterwandern auf der Kapellentour von Aeschau nach Bowil kam ich gleich dreimal an methodistischen Wirkplätzen vorbei. Doch zuvor wurde ich von einem mir bis anhin unbekannten Altbauern und seiner Frau zum Kaffee eingeladen. Das kam so. Bei Aufstieg auf den gut 250 Metern über dem Tal der Emme gelegenen Weiler Höchi gelangte ich auf die Fahrstrasse zu Ober Fuhren. Ein kleines Auto näherte sich von hinten. Darin sass der über 80-jährige Samuel Mosimann. Mosimann, so heissen auf Fuhren fast alle. Er habe eben nach seinen fünf Bienenvölkern geschaut, sie gegen die Varroamilbe behandelt und gefüttert, erzählte er. Das Gespräch durch das geöffnete Autofenster war nur kurz. Dann fuhr er weiter. Wenige Minuten später kam ich zu den Bauernhäusern auf Ober Fuhren, wo Samuel Mosimann gerade eben sein Auto geparkt hatte. "So, jetzt können sie gleich mitkommen und mit mir einen Kaffee trinken." sagte er zu mir. Er beabsichtige das sowieso gleich zu tun. Wir stiegen etwas verwinkelt zwischen den Wohn- und Wirtschaftsgebäuden hoch in eine überdachte Gartenlaube. Dort wurde uns von Frau Mosimann Kaffee serviert. Später setzte sie sich auch noch dazu, nachdem sie die Wäsche aufgehängt hatte. Ich erzählte Samuel Mosimann von meinem Projekt der Weitwanderung von einer methodistische Liegenschaft zur nächsten, und dass ich bald auf der Höchi das Schulhaus besuchen wolle. Dort habe es wohl einst eine methodistische Sonntagschule und vermutlich aus Predigten gegeben. Samuel Mosimann bestätigte. Er sei selbst dort zur Sonntagschule gegangen. Auch seine Frau, aufgewachsen in Signau, war einst in die dortige methodistische Kapelle zur Sonntagschule gegangen. Zwar hätte sie zur reformierten Kirche gehört, doch Sonntagschule gab es nur von den Leuten aus der Kapelle.
Als ich später dann noch den letzten Anstieg hinauf zum Schulhaus Höchi nahm, wurde mir wieder einmal bewusst, wie wichtig die Sonntagschule in den Anfängen des Methodismus in der Schweiz war. Mann müsste wohl dabei von einem Alleinstellungsmerkmal sprechen. Es war die Innovation in der Kirchenlandschaft. Familien mit vielen Kindern schienen nur darauf gewartet zu haben, dass die Kinder am Sonntag etwas erleben konnten. Sonntagschulen mit 50 oder gar 100 Kindern waren keine Seltenheit. Mit den Jahren begannen dann auch die Landeskirchen mit eigenen Sonntagschulen. Zugleich veränderte sich die Demografie. Die Familien wurden kleiner. Dann zollte der christliche Glaube der Säkularisierung ihren Tribut. Eine dieser abgelegenen Landsonntagschulen nach der andern schloss ihre Pforten. Das war insofern auch für die methodistischen Gemeinden verhängnisvoll, fiel doch mit den Sonntagschulen ein wichtiger Anknüpfungspunk in die Gesellschaft hinein weg. Vermutlich ist die Tatsache, dass es zum Beispiel im Emmental und den angrenzenden Hügellandschaften heute genau noch zwei von früher zahlreichen methodistischen Gemeinden gibt, auf diese Veränderung bei den Sonntagschulen zurückzuführen.
Ein neues Alleinstellungsmerkmal mit Breitenwirkung wie einst die Sonntagschulen hat die Evangelisch-methodistische Kirche noch nicht gefunden. Doch auch die anderen Kirchen und Gemeinschaften verlieren Einfluss und suchen schon seit Jahren nach neuer Relevanz. Wie die Geschichte weitergehen wird? Ich weiss es nicht, aber es bleibt spannend.
Übrigens: Nicht nur Kirchen und Predigtplätze verschwinden. Auch Landschulhäuser werden stillgelegt, die Kinder in den Zentren zusammengezogen. Das Schulhaus Höchi ist heute ein Wohnhaus, in dem man sich eine Auszeit abseits des Trubels gönnen kann, direkt neben einer der wenigen noch aktiven und ausgezeichneten Emmentaler-Käsereien. Auch dort hatte der junge Samuel Mosimann einst Ferienvertretungen gemacht und für die 120 Kilogramm schweren Käseleibern geschaut.
Jörg Niederer

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