Freitag, 20. Februar 2026

Auf den Mensch gekommen

Ein Zitat

Ein mittelgrosser Mischlingshund begleitete mich zwischen Lelgio und Ranscea auf dem Fernwanderweg ViaGottardo.
Foto © Jörg Niederer
"Gleich wenn der Winter-Schnee auftauet und man den blossen Leib der Erde zum ersten mal wieder sieht, fängt diese Viel-Schönheit an..." Matthias Claudius (1740-1815)

Hingesehen

Plötzlich war er da. Auf der Höhe von Lelgio, da wo sich das Gehöft mit den neugierigen Ziegen befindet, stand er an meiner Seite. Der schwarze, mittelgrosse Hund mit dem einen hellen Bein sah ein bisschen so aus wie diese agilen Hirtenhunde, die geschickt ganze Schafherden dirigieren und treiben können. Ging ich voran, folgte er mir oder eilte neugierig herumschnuppernd voran. Ab und zu hob er das Bein. Blieb ich stehen, schaute er, was ich tat, kam zurück zu mir, wie als wollte er mich abholen. Er war sichtlich besorgt und ein vielfaches flinker als ich auf diesem ansteigenden Pfad. Bald machte ich mir Sorgen. Das Halsband war ein untrügliches Zeichen, dass er irgendwo da hinter mir ein Zuhause haben musste. Oder war er entlaufen und auf der Suche nach einem neuen Rudel. Was, wenn er mir bis Isone folgt, und dann ins Postauto springt? Würde man mir glauben, dass es nicht mein Hund ist, oder von mir verlangen, dass ich für ihn bezahle.

Die Aufmerksamkeit des Tieres tat gut, die stille Verständigung, seine wachsame freundliche Art. Dann war Zeit für einen kleinen Imbiss, da wo in Luera ein:e Anwohner:in in einem Kästchen am Wanderweg, direkt neben einer Gartenbank, den Fussreisenden kostenlosen Grappa offeriert. An diesem Ort überkam den Vierbeiner eine sichtliche Unruhe. Mehrfach setzte er sich hin und schaute hinunter ins Tal, an dessen Ende der Lago di Lugano blau zwischen den Bergen leuchtete. Fast etwas ärgerlich bellte der Hund ein einziges Mal, als wolle er die Seinen herbeirufen. Dann war er wieder weg. So sorgfältig er mich hinaufbegleitet hatte, so zielstrebig eilte er nun den Weg zurück, und verschwand bald schon meinen Blicken. Schade, dachte ich. Doch sogleich überkam mich auch eine gewisse Erleichterung. Der Hund hatte die Verantwortung für sein Leben wieder aus meiner Hand genommen. 

Jörg Niederer

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