Mittwoch, 11. Februar 2026

Türkische Zeitkapsel

Ein Zitat

Bahnhofszene aus der Türkei, aufgenommen um 1950 von meinem Vater Willi Niederer.
Foto © Willi Niederer/Jörg Niederer
"Wer sich am heissen Milchbrei den Mund verbrannt hat, isst sogar Joghurt, indem er es vorher anpustet." Türkisches Sprichwort

Hingesehen

Ein Foto meines Vaters, entstanden so um das Jahr 1950, als er für Bühler Uzwil in der Türkei Mühlen einrichtete. Es war die Zeit, als dort das Ein-Parteien-System endete, als die Gefahr eines Putsches in der Luft lag, als der von Kemal Atatürk errichtete laizistische Staat vorsichtig wieder dem Islam eine grössere Bedeutung einräumte und die Türkei ein Mitgliedsstaat der NATO wurde. Die Industrialisierung wurde vorangetrieben, die Türkei verschuldete sich im Ausland, die Inflation zog an. Es war auch eine Zeit, in der es unter der Regierung von Menderes 1955 zu einem Pogrom gegen orthodoxe Christen kam mit massiven Menschenrechtsverletzungen, Zerstörungen von Kirchen, christlichen Schulen und Friedhöfen.

Das war also die Zeit, in der mein Vater in der Türkei mehrere Monate arbeitete. Das Foto ist aus einem stehenden Zug heraus aufgenommen. Eine Tafel im Einstiegsbereich warnt auf Türkisch davor, bei fahrendem Zug die Tür zu öffnen. Soldaten sind am linken Bildrand zu erkennen, die meisten Männer tragen eine Schiebermütze, die Frauen und selbst kleine Kinder bedecken die Haare lose mit einem Tuch. Man trägt Stoffhose und Tschoopen, manche eine Krawatte. Möglich, dass der winkende Mann unten rechts im Bild ein Bekannter meines Vaters war. Wo sich dieser Bahnhof in der Türkei befand, weiss ich nicht. Mein Vater lebt nicht mehr, er kann es mir nicht mehr sagen.

Die Farbe täuscht. Das ursprünglich in Graustufen aufgenommene Foto wurde von einer AI coloriert. Vielleicht war an diesem Ort gar nicht blau und braun tonangebend.

Seit dieses Bild entstanden ist, sind nun schon 75 Jahre vergangen. Die Welt ist eine andere geworden. Die Menschen aber sind noch immer die Gleichen. Sie träumen, sie hoffen, sie suchen, sie arbeiten, sie reisen, sie lachen, sie weinen, sie freien, sie nörgeln, sie verachten, sie ermutigen, sie lassen sich fallen, sie stehen wieder auf, sie werden geboren und sie sterben. Und das schon seit Menschengedenken, überall, zu jeder Zeit. Heute ich, vor mir mein Vater, nach mir die Töchter und Söhne heutiger Kinder. Wird es so bleiben?

Jörg Niederer

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