Samstag, 28. Februar 2026

Das peinliche Malheur

Ein Zitat

Jörg Niederer vor dem ehemaligen Gemeindehaus der Evangelisch-methodistischen Kirche in Oberkulm.
Foto © Jörg Niederer
"Kirchenschlaf gilt als gesund. Denn wer friedlich schlummert, steht unter Gottes Schutz, das sagen auch die Psalmen. In Evessen bei Braunschweig stehen sogar zwei Betten in der Kirche für eine beschützte Bettruhe." Oliver Vorwald, Radiopastor

Hingesehen

Nach zwanzig Tagen bin ich wieder einmal auf der Kapellentour unterwegs. Oberkulm im Wynental. Hier befand sich in einem unauffälligen Doppelstockhaus, etwas zurückversetzt gelegen hinter einer direkt an der Hauptstrasse befindlichen Pizzeria, im Parterre der Gottesdienstsaal der Evangelisch-methodistischen Kirche. Die Toilette war in einem kleinen Kämmerchen des Eingangsbereichs bei der Haustür untergebracht. Es gab nur kaltes Wasser, und im Winter bestand die Gefahr, dass die Leitungen und der Allerwerteste einfroren.

Vor rund 30 Jahren besuchte nur noch eine Handvoll Frauen die Gottesdienste. Die Bibelstunde fand an einem Wochentag um 14 Uhr statt. Normaler Weise referierte die Pfarrperson so einige Minuten über den ausgesuchten Text und dann tauschte man sich darüber aus. Nun sind die ersten Stunden am Nachmittag ja durchaus fordernd, was den Aufmerksamkeitspegel der Teilnehmenden betrifft. Und so machte sich der ausgefallene Mittagsschlaf bei mir gerade dann besonders bemerkbar, wenn ich in dieser trauten Runde sass. Mit anderen Worten: Ich bin eingeschlafen. Das wäre nun nicht weiter schlimm gewesen, ist das doch auch andern immer wieder einmal passiert. Besonders Bauern hatten jeweils am Sonntagmorgen nach dem Stall in der warmen Kirche mit dem Wachbleiben zu kämpfen. Doch in besagten Fall war ich nicht einfach einer der Teilnehmenden an der Bibelstunde, sondern derjenige, der dieselbe hielt. Der Schlaf hatte mich mitten in meinen Ausführungen übermannt.

Natürlich bemerkten die Frauen das Malheur, doch taten sie so, als sei ihnen dieser Sekundenschlaf des Pfarrer nicht weiter aufgefallen. Jedoch brachte von diesem Tag an die eine Frau, die nahe dem Gemeindesaal wohnte, eine Thermosflasche voll starken Kaffees mit, um einer Wiederholung meines Missgeschicks durch eine vorgelagerte kulinarische Weckrunde vorzubeugen.

Heute gehört diese Liegenschaft nicht mehr der EMK. Der Bezirk Reinach, zu der die Kapellen in Oberkulm, Gontenschwil, Schmiedrued und Reinach gehörten, wurde auf Ende 2003 geschlossen. Damals zählte der ganze Bezirk noch 50 Mitglieder, war aber längst nicht mehr finanziell selbsttragend. Auch kam der Entschluss zur Liquidierung dieser Arbeit im Wynen- und Ruedertal nicht zuerst von den Gemeindegliedern, sondern vom damaligen gesamtkirchlichen Leitungsteam, dem sogenannten Kabinett. Es war meines Wissens die einzige so verfügte Schliessung eines ganzen Bezirks. Spätere Schliessungen von Kirchgemeinden und Bezirken erfolgten dann stärker mitbestimmt durch die Menschen vor Ort, und sie wurden auch nicht mehr in dieser Radikalität umgesetzt.

Jörg Niederer

Freitag, 27. Februar 2026

In der Arbeit gewälzt

Ein Zitat

Die Honigbienen haben die Arbeit aufgenommen und sammeln schon wieder fleissig Blütennektar von Krokus und Schneeglöckchen.
Foto © Jörg Niederer
"Die fleissigsten Bienen bekommen die süssesten Zuckertüten." Herkunft unbekannt

Hingesehen

Ende Februar und die Bienen sind schon wieder fleissig. Die Temperaturen sind auch schon auf frühlingshafte 17 Grad angestiegen. Da können die Tierchen nicht mehr stillsitzen. sie müssen raus, arbeiten, Futter für den Nachwuchs herbeischaffen.

Diese Biene auf dem Foto hat schon einiges an Nektar und Blütenpollen gesammelt. Vom Eintauchen in den Blütenzentren ist das Tierchen überpudert mit Blütenstaub.

Ob sie das mögen? Oder denken sie: "Nun muss ich mich schon wieder von oben bis unten von diesem klebrigen Zeugs befreien."

Mir kommen sie wie Kohlearbeiter vor. Schwarz von der Arbeit holen Bergleute die Dunkelheit aus aus dem Berg. Und die Bienen: Goldig von der harten Arbeit holen sie das süsse Gold der Blüten zu sich nach Hause.

Jörg Niederer 

Donnerstag, 26. Februar 2026

Kleinstadtsicht

Ein Zitat

Blick vom Turm der Friedenskirche über das Wilerwegquartier und zum Waldfriedhof Meisenhard in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Einiges spricht tatsächlich dafür, dass der Liebe Gott Schweizer sein könnte - weit weg von allem und nur zuschauen, das ist doch ebenso göttlich wie schweizerisch. … Wenn der Liebe Gott Schweizer gewesen wäre, würde er heute noch auf den richtigen Moment warten, um die Welt zu erschaffen." Hugo Loetscher (Aus: "Der Waschküchenschlüssel und andere Helvetica")

Hingesehen

Zwar die grösste Solothurner Stadt, ist Olten doch nicht mehr als eine Kleinstadt. Zentral gelegen im Mittelland lebt es sich hier gut, einmal abgesehen von den regelmässig überlasteten Strassen. Einen seltenen Ausblick über Teile der Stadt genoss ich am vergangenen Montag vom Turm der Friedenskirche. Geht mein Blick ostwärts, so sehe ich hinein in den Lebensraum meiner Kindheit. Der Zufall will es, dass das farblich auffälligste Haus auf diesem Foto einst meinen Eltern gehörte und uns als Kinderstube diente. Damals war die Farbe unserer Haushälfte noch nicht so auffallend blau gestrichen, sondern in einem dezenten Ocker gehalten. Auf der grünen Wiese am unteren Bildrand haben wir Fussball gespielt und sind auf die Kastanienbäume geklettert. Der Wald links im Bild verbirgt den Friedhof Meisenhard mit dem Krematorium und der Abdankungshalle. Dort auf dem Gottesacker liegen zwei Tanten von mir, mein Vater und meine zwei Brüder. Zu meiner Zeit gab es das grünliche Schulgebäude in Wil noch nicht. Zu sehen ist es rechts vom Kran, direkt am Waldrand gelegen. Auch all die Mehrfamilienhäuser in Richtung Wil gab es damals vor 50 Jahren noch nicht. Dort konnten wir auf Wiesen noch Drachen steigen lassen. Was es aber schon gab, war die Mietskaserne unter dem Friedhof Meisenhard, damals Wohnort für die vielen Migranten aus Italien. Was auf diesem Foto auch fehlt: Die Dampffahne vom Atomkraftwerk Gösgen-Däniken. Zurzeit muss das Werk sicherheitstechnisch aufgerüstet werden. Man hat festgestellt, dass es Mängel gibt bei der Erdbebensicherheit, und das schon, seit das Kraftwerk in Betrieb ist.

Das sind so meine auch sentimentalen Einblicke in eine typische Schweizer Kleinstadt. Wie geht es dir, wenn du auf den Ort deiner Kindheit schaust?

Jörg Niederer


Mittwoch, 25. Februar 2026

Tragkraft

Ein Zitat

Detail an einem Rustico auf der Alp Mürécc.
Fotos © Jörg Niederer
"Wenn dieses Haus solange steht bis aller Hass und Neid vergeht, dann bleibts fürwar solange stehn bis einst die Welt wird untergehn." Giebelspruch

Hingesehen

Das Wetter hat die Jahrringe herausmodelliert. Der Baumstamm selbst scheint nicht das schwere Steindach der Hütte zu tragen, da oben auf der Alp Mürécc. Doch irgend eine stabilisierende Funktion am Bau hat das Rundholz. Mir gefällt, wie der Stammquerschnitt zum Bestandteil der stirnseitigen Wand geworden ist. Er muss sich auch nicht verstecken hinter Steinen und Verputz. Er passt da hin und hinein. Er gehört zu diesem Rustico. Ohne den Baumstamm würde etwas fehlen.

Jörg Niederer

Dienstag, 24. Februar 2026

Über den Dächern

Ein Zitat

Fotos © Jörg Niederer
"Auch ein hunderttausend Fuss hoher Turm ruht auf der Erde." Sprichwort


Hingesehen

Der Turm der Friedenskirche dominiert die rechte Stadtseite von Olten. Er ist nicht gerade die Sagrada Familia Gaudi in Barcelona, weder vom Ästhetischen noch von der Turmhöhe. Doch da die Friedenskirche im Verhältnis zur Altstadt leicht erhöht steht, und der Turm doch 60 Meter in den Himmel ragt, ist es eine der höchsten Aussichtskanzeln der Stadt Olten. Das Stadthaus, immerhin 52 Meter hoch, überragt der Kirchturm locker. Vermutlich sind die zwei Türme der Römisch-katholischen Kirche St. Martin noch etwas höher. Doch ob man dort als gewöhnlicher Sterblicher auf etwa 55 Meter hinaufklettern kann wie beim Turm der Friedenskirche, entzieht sich meinen Kenntnissen.

Gestern traf ich zufällig einen alten Bekannten. Beat Bachmann arbeitete lange bei der Evangelisch-methodistischen Kirche auf dem Jugendsekretariat in Olten. Dann wechselte er als Diakonischer Mitarbeiter in die Evangelisch-Reformierte Kirchgemeinde Region Olten. Sein Arbeitsplatz befindet sich in den Räumen der Friedenskirche. So hat er auch Zugang zum Turm, und gewährte mir eine Spezialführung hinauf in windige Höhen. Von dort hat man eine atemberaubende Rundumsicht. Da ich in Olten aufgewachsen bin, etwa 300 Meter von den tief klingenden fünf Glocken der Friedenskirche entfernt, wollte ich schon immer einmal hinauf an diesen luftigen Ort. Dank Beat hat es nun geklappt und ich konnte hinunter sehen, auf die Schauplätze meines früheren Lebens. Ich hatte, so könnte man sagen, für eine kurze Viertelstunde den totalen Überblick.

Jörg Niederer

Montag, 23. Februar 2026

Der Hund in der Kirche

Ein Zitat

Statue des Heiligen Rochus mit Hund und Pestwunde in der Chiesa San Lorenzo in Isone.
Foto © Jörg Niederer
"Er sucht das Brot in der Hundehütte." Alte Redensart mit der Bedeutung, etwas Törichtes zu tun.

Hingesehen

Vor einigen Tagen schrieb ich über den Hund, der sich mir auf meiner Wanderung von Tesserete nach Isone für einige Zeit angeschlossen hatte (Siehe Beitrag vom 20. Februar 2026!). Der Zufall wollte es, dass ich zwei Stunden später in der Chiesa San Lorenzo in Isone einem weiteren Hund begegnete, was aussergewöhnlich ist, halten sich Hunde doch meist nicht in Kirchen auf.

Da war nahe beim Eingang diese Statue eines Heiligen. Es musste ein Pilger gewesen sein, war er doch mit Jakobsmuscheln geschmückt. Zu seinen Füssen entdeckte ich diesen kleinen, knuffigen Hund mit einem Brötchen im Mund. Erst dachte ich an den Apostel Jakobus, doch dann brachte mich eine Suche im Internet auf den Heiligen Rochus von Montpellier. Der Überlieferung nach lebte er in den Jahren 1295-1379. Er schloss sich den Franziskanern an. Auf einer Pilgerreise nach Rom pflegte und heilte er unterwegs Menschen, die an Pest erkrankt waren. Auch er selbst steckte sich in Piacenza mit der tödlichen Krankheit an, zog sich darauf in die Einsamkeit zurück, bis er auf wunderbare Weise wieder geheilt wurde. Danach kümmerte er sich weiter um pestkranke Menschen.

Was aber hat es mit dem Hund zu seinen Füssen auf sich? Dieser Hund eines Junkers soll ihm täglich solange Brot vorbeigebracht haben, wie seine selbstgewählte und pestbedingte Isolation gedauert habe.

Besonders in den Zeiten der Pestzüge in Europa war der Heilige Rochus ein beliebter Heiliger. Ein Revival erlebte er erst kürzlich wieder während der Corona-Pandemie.

Abwegig ist es nicht, dass Hunde Kranken dienen. Gut bekannt sind die Blindenführhunde oder Assistenzhunde von körperlich Beeinträchtigen. Seit einiger Zeit werden die Vierbeiner auch als Begleitung von an Epilepsie leidenden Menschen eingesetzt, da sie am Geruch erkennen können, wann ein weiterer Anfall kurz bevorsteht und so den oder die Erkrankte:n rechtzeitig warnen können.

Jörg Niederer

Sonntag, 22. Februar 2026

Handlungsfähig

Ein Zitat

Die Propsteikirche Santo Stefano in Tesserete.
Foto © Jörg Niederer
"Als die Leute aus Aschdod am andern Morgen hinkamen, sahen sie: Der Gott Dagon war zu Boden gestürzt! Er lag auf seinem Gesicht vor der Lade des Herrn. Da richteten sie das Standbild des Dagon wieder auf und stellten es an seinen Platz zurück." Bibel, 1. Samuel 5,3

Hingesehen

Glaubst du an den Gott der Auferstehung, oder an den Gott des dauernden Zusammenbruchs? Musst du deinen Gott immer wieder aufrichten, oder ist es dein Gott, der dich aufstellt? Verliert dein Gott immer wieder Kopf und Hände (1. Samuel 5,4), also seine Handlungsfähigkeit, oder gibt dir dein Gott Handlungsmöglichkeiten für ein gutes Leben? Gefragt ist nach deinem Gottesbild. 

Wenn wir meinen, wir müssten Gott beschützen, bewachen und kontrollieren, dann schleichen sich seltsame, unsinnige Glaubenshandlungen ein in unserem Leben. So wie es bei den Menschen von Aschdod war, die nicht mehr auf die Türschwelle zu treten wagten, auf der Dagons Kopf und Hände hingefallen waren (1. Samuel 5,5).

"Min Gott isch so gross, so stark und so mächtig, gar nüüt isch unmöglich mim Gott" heisst es in einem Kinderlied. Mein Gott braucht nicht meine Schutzmassnahmen für ihn, er beschützt mich. Darum traue ich Gott zu, ohne menschliche Hilfe Gott zu bleiben.

Zum Foto: Zu sehen ist die Propsteikirche Santo Stefano in Tesserete, deren Anfänge in das Jahr 1078 zurückreichen.

Jörg Niederer

Samstag, 21. Februar 2026

Viva l'Espresso di Tesserete!

Ein Zitat

Der versteckte und etwas düstere Eingang ins Ristorante-Bar Storni in Tesserete.
Foto © Jörg Niederer
"Mit gerade einmal der Hälfte des Budgets liesse sich noch eine rudimentäre, aber einigermassen vernünftige Information für alle vier Landesteile aufrechterhalten. Mehr nicht." Jacqueline Badran zur Halbierungsinitiative in der Sonntagszeitung vom 15. Februar 2026

Hingesehen

Ist das wirklich der Eingang ins Ristorante Storni in Tesserete. Während ich noch zweifle, kommt eine Lieferantin mit Kisten und blinzelt mir aufmunternd zu, die Tür für sie und mich zu öffnen. Weiter geht es durch einen dunklen, lichtlosen Flur dahin, wo die Geräusche herkommen. Die Gaststube ist schmal und gut besucht. An diesem Morgen, noch vor 9.00 Uhr, sind nicht viele Lokale geöffnet. Im Storni sitzen jüngere Menschen neben Pensionären. Ein Lebenskünstler mit lockigem Haar lächelt versonnen in die Welt. 

Ich bestelle bei der flinken Bedienung einen Espresso, und gehe dann auf die sauberen, etwas in die Jahre gekommenen Toiletten. Zurück am Tisch setzt sich ein älterer Herr mir gegenüber hin und beginnt sofort die Todesanzeigen in der lokalen Zeitung zu studieren. Seinen Kecks zum Kaffee überlässt er mir, fragt, ob ich in den Ferien sei.

Lange bleibe ich nicht. "Due franchi" sagt die Bedienung, als ich zahlen will. Nur zwei Franken, denke ich, wo gibt es denn sowas sonst noch. Sogar bei den Selbstbedienungsautomaten an den Bahnhöfen kommt man nicht unter CHF 3,80 weg, und in Restaurants kosten der Espresso schnell einmal fünf bis sechs Franken.

Ich gebe reichlich Trinkgeld. Als die Bedienung es merkt, vermutet sie einen Irrtum, will mir den geschenkten Franken zurückgeben. Ehrlich sind sie hier auch noch.

Auch wenn es nicht so aussieht, dieses Ristorante. Ich gebe ihm fünf Sterne.

Später lese ich, dass wir bei Annahme der Halbierungsintitative gerade einmal 35 Rappen sparen würden pro Tag. 6000 Arbeitsplätze stehen dabei auf dem Spiel und die SRG würde zu einem unbedeutenden Medium verkommen. Vernünftiger wäre es, wenn die Initianten für einen Maximalpreis von CHF 2.- pro Espresso Unterschriften gesammelt hätten. Da liegt mehr Sparpotential drin und es stehen offensichtlich weniger Arbeitsplätze auf dem Spiel, wie das Ristorante Storni in Tesserete mir vordemonstriert hat.

Jörg Niederer

Freitag, 20. Februar 2026

Auf den Mensch gekommen

Ein Zitat

Ein mittelgrosser Mischlingshund begleitete mich zwischen Lelgio und Ranscea auf dem Fernwanderweg ViaGottardo.
Foto © Jörg Niederer
"Gleich wenn der Winter-Schnee auftauet und man den blossen Leib der Erde zum ersten mal wieder sieht, fängt diese Viel-Schönheit an..." Matthias Claudius (1740-1815)

Hingesehen

Plötzlich war er da. Auf der Höhe von Lelgio, da wo sich das Gehöft mit den neugierigen Ziegen befindet, stand er an meiner Seite. Der schwarze, mittelgrosse Hund mit dem einen hellen Bein sah ein bisschen so aus wie diese agilen Hirtenhunde, die geschickt ganze Schafherden dirigieren und treiben können. Ging ich voran, folgte er mir oder eilte neugierig herumschnuppernd voran. Ab und zu hob er das Bein. Blieb ich stehen, schaute er, was ich tat, kam zurück zu mir, wie als wollte er mich abholen. Er war sichtlich besorgt und ein vielfaches flinker als ich auf diesem ansteigenden Pfad. Bald machte ich mir Sorgen. Das Halsband war ein untrügliches Zeichen, dass er irgendwo da hinter mir ein Zuhause haben musste. Oder war er entlaufen und auf der Suche nach einem neuen Rudel. Was, wenn er mir bis Isone folgt, und dann ins Postauto springt? Würde man mir glauben, dass es nicht mein Hund ist, oder von mir verlangen, dass ich für ihn bezahle.

Die Aufmerksamkeit des Tieres tat gut, die stille Verständigung, seine wachsame freundliche Art. Dann war Zeit für einen kleinen Imbiss, da wo in Luera ein:e Anwohner:in in einem Kästchen am Wanderweg, direkt neben einer Gartenbank, den Fussreisenden kostenlosen Grappa offeriert. An diesem Ort überkam den Vierbeiner eine sichtliche Unruhe. Mehrfach setzte er sich hin und schaute hinunter ins Tal, an dessen Ende der Lago di Lugano blau zwischen den Bergen leuchtete. Fast etwas ärgerlich bellte der Hund ein einziges Mal, als wolle er die Seinen herbeirufen. Dann war er wieder weg. So sorgfältig er mich hinaufbegleitet hatte, so zielstrebig eilte er nun den Weg zurück, und verschwand bald schon meinen Blicken. Schade, dachte ich. Doch sogleich überkam mich auch eine gewisse Erleichterung. Der Hund hatte die Verantwortung für sein Leben wieder aus meiner Hand genommen. 

Jörg Niederer

Donnerstag, 19. Februar 2026

So kann's gehen!

Ein Zitat

Der Monte Tamaro von Monte di Lago aus gesehen.
Foto © Jörg Niederer
"Eine Wolke kann die ganze Sonne verdunkeln." Sprichwort

Hingesehen

Am Dienstag floh ich vor dem garstigen Wetter ins Tessin. Dort legte ich ein mir noch fehlender Abschnitt auf der ViaGottardo zurück, und zwar von Tesserete hinauf zum Übergang bei Monte di Lago und via Mürécc hinunter nach Isone. Am Ausgangsort setzte ich mich bei der Bushaltestelle neben einem Paar in sauberen Winterschuhen auf die Bank. Gesprochen haben wir nicht viel. Irgendeinmal zogen sie von dannen, um kurze Zeit später mit dem Auto vor der Bushaltestelle anzuhalten. Wo ich hinwolle, haben sie mich gefragt und sogleich mitgenommen. Während der Fahrt erzählten sie mir, dass sie vorgehabt hätten etwas Sonne zu tanken, und sich als Ziel das Bergrestaurant des Monte Tamaro ausgesucht hatten. Doch oben angekommen fanden sie sich mitten in einem Sturm. Von Sonne und Fernsicht keine Spur, dafür umso mehr Fasnächtler:innen, die einen "Höllenlärm" veranstalteten. So schwebten sie mit der Gondelbahn wieder runter ins Tal. Als sie von unten dann hinaufblickten, leuchtete der Berg weiss und erhaben unter einem blauen Himmel. So kann es gehen mit dem Wetterglück.

Jörg Niederer

Mittwoch, 18. Februar 2026

Wieviel Nächstenliebe wollen wir uns leisten?

Ein Zitat

Konfettischlacht an einem Fasnachtssamstag im Bahnhof Aarau.
Foto © Jörg Niederer
"In der Nächstenliebe gibt es kein Übermass." Francis Bacon (1561–1626)

Hingesehen

Mit dem Aschermittwoch endet die Fasnacht. Die letzten Konfettischlachten sind geschlagen, die Masken werden wieder an die Wand gehängt und Aschenkreuze auf Stirn und Hände gezeichnet.

Das ist ein untrügliches Zeichen dass ein Traditionsanlass in St. Gallen für den Tag nach Aschermittwoch vor der Tür steht. Der "Ethik-Talk in der Stadt"; in diesem Jahr zum Thema: "Wieviel Nächstenliebe wollen wir uns leisten?".

Gut, ich gebe zu, das ist noch eher ein Geheimtipp, doch in den vergangenen Jahren setzte sich das Publikum doch jeweils aus 70-100 Personen zusammen.

Als Referenten eingeladen wurden Kevin Loosli, Präsident der Jungen SVP Kanton St.Gallen und Dr. Rolf Bossart (SP), Präsident des katholischen Kirchgemeindeparlaments der Stadt St. Gallen. Moderatorin Verena Birchler musste aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen, so dass nun Maria Bienentreu und Jörg Niederer ihre Aufgabe übernehmen.

Flyer zum Ethik-Talk in der Stadt St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
In einem Land, das sich traditionell als christlich versteht, muss sich auch Politik und Gesellschaft die Frage gefallen lassen, wie sehr man sich den christlichen Werten und der Nächstenliebe noch verpflichtet fühlt. Darüber werden sich die beiden Referenten in je einem 10-minütigen Vortrag positionieren. Danach gibt es eine Diskussionsrunde, bei der auch das Publikum mit einbezogen wird.

Organisiert wird der Anlass von der Christliche Sozialbewegung KAB SG und der Ökumenische Kommission GFS der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen SG/AR/AI.

Der Anlass findet am Donnerstag, dem 19. Februar 2026 um 19.30 Uhr im Festsaal St. Katharinen statt an der Katharinengasse 11 in St.Gallen. Abgerundet wird der Abend mit einem kleinen Apéro.

Hier kann man sich den Flyer dazu herunterladen.

Jörg Niederer

Dienstag, 17. Februar 2026

Wer hat denn da gekackt?

Ein Zitat

Der Warzige Drüsling sieht wie Miniatur-Wurmkot ganz in Schwarz aus, ist aber ein häufiger Baumpilz.
Foto © Jörg Niederer
"Ross und Spatz. Ein Gleichnis für viele: Des einen Kot ist des andern Brot." Waltraud Puzicha (1925-2013)

Hingesehen

Als hätten Holzwürmer es den erdgebundenen Regenwürmern gleichgetan, und ihre Darminhalte auf dem Baumstumpf aufgehäuft, so sieht es aus. Ich hatte keine Lust, diese Dinger genauer zu untersuchen. Auch berührt habe ich diese Häufchen nicht.

Zuhause dann der Abgleich der maximal 8 Zentimeter grossen Gebilde. Es handelt sich nicht um Hinterlassenschaften von Tieren, sondern um einen Pilz. Lateinisch heisst der Warzige Drüsling "Exidia nigricans". Seine Aufgabe: Weissfäule erzeugen in totem Holz, meist dem von Buchen und Birken, aber auch von anderen Laubbaumarten.

Ungeniessbar sei er, aber nicht giftig. Wie die Rose von Jericho übersteht der Warzige Drüsling Trockenzeiten. Dann sieht er aus, als wäre an der Stelle das Holz schwarz eingefärbt. Steht wieder Feuchtigkeit zur Verfügung, erwacht er zu neuem Leben.

Im Volksmund wird er auch als Hexenbutter bezeichnet. Man glaubte, Hexen würden heimlich die Kühe melken und aus der Milch diese unappetitlich aussehende, schwarze, an Hirnwindungen erinnernde "Butter" herstellen.

Jörg Niederer

Montag, 16. Februar 2026

Farbenpracht

Ein Zitat

In Arbon am Bodensee. Blau und Brauntöne verzaubern den Blick auf das Schwäbische Meer.
Foto © Jörg Niederer
"Was mein Herz wach hält, ist die bunte Stille." Claude Monet (1840–1926)

Hingesehen

Früher, wenn der See so ruhig dalag und zum Meditieren und Flanieren einlud, machte mich diese Szenerie nicht gerade unglücklich, aber sie interessierte mich auch nicht. Ich liebte den Wind, das Surfen und die Wellen. Da versprach ein flacher, ruhiger See schlichtweg Langweile, zu wenig Action.

Heute sehe ich die Farbenpracht, hervorgezaubert vom einer winterlich tiefstehenden Sonne. Ich bewundere die Braun- und Blautöne, sehe das feine Kräuseln auf der Wasseroberfläche, die gerade Linie des Horizonts, die fernen Schneeberge, rieche den leicht modrigen Duft des Wassers, lasse mich blenden von den hellen Steinen der Kiesbänke.

Mein heutiger Zugang zur Natur ist ein anderer als der von früher. Das muss am fortgeschrittenen Alter liegen, am Lebensrhythmus. Die Stille, die Inaktivität erschrecken mich nicht mehr.

Jörg Niederer

Sonntag, 15. Februar 2026

Genährte Erwartungen

Ein Zitat

"Was wir essen, hat aber keine Auswirkung auf unser Verhältnis zu Gott. Es bringt uns keinen Nachteil, wenn wir etwas Bestimmtes nicht essen. Und umgekehrt haben wir auch keinen Vorteil, wenn wir es essen." Bibel: 1. Korinther 8,8

Hingesehen

Jemand hat an die hölzerne Umzäunung vom Brügglifeld-Stadion in Aarau "MARANA THA" geschrieben.
Foto © Jörg Niederer
Zum Foto: Brügglifeld, in die Jahre gekommenes Stadion des Challenge-League-Fussballclubs FC Aarau. Jemand hat an die hölzerne Umzäunung mit weisser Farbe auf schwarzen Grund "MARANA THA" geschrieben. "Unser Herr komm!". Ist das nun eine verzweifelte Bitte eines Fussballfans um Hilfe für den Wiederaufstieg. Oder ist es eine Bitte um Christi Wiederkunft, damit die Rangierung eines Fussballclubs zur Nebensache werden kann? Aktuell ist Aarau auf dem zweiten Platz. Das wäre doch eine recht gute Ausgangslage.

Ich wechsle ausgehend vom obigen Zitat aus der Bibel zum Thema Essen:

Das ist doch einmal ein Wort für unsere Welt, in der sich immer wieder so viel ums Essen dreht. Locker füllt sich so eine Blogbeitrag mit Begriffen zur Nahrungszuname und Speise. Einige Beispiele: Esstempel, Bulimie, Starkoch, natürliche Küche, Döner-Laden, Snack, Dampfgaren, Fingerfood, Gault-Millau, Magenband, Hunger, "kleiner Hunger", vegetarisch, makrobiotisch, Lebensmittelzusatzstoffe, Masttierfarmen, Lebensmittelimporte, Warenumsatzbörse, Ackerland, Völlerei (eine Todsünde), Diät, Übergewicht, gesunde Ernährung, Blähungen ("Erkenntnis bläht auf…" 1. Kor. 8,1) ...

Endlich einmal sagt einer ein gewichtiges Wort in dieser über- und unteressbelasteten Welt. Speisethemen mögen zwar allgegenwärtig sein. Aber in einer Hinsicht spielen sie keine Rolle: "Was wir essen, hat aber keine Auswirkung auf unser Verhältnis zu Gott". Bei Gott wird kein Body-Mass-Index abgefragt, bevor er dich seiner Liebe versichert. Fettabsaugen ist keine Voraussetzung, dass du bei Gott durch die Tür treten darfst. An seinem Festbankett sind nicht nur Gourmets willkommen, die Zuchtlachs von Wildlachs am Geschmack unterscheiden können. Mit Hungerstreik kannst du bei Gott nichts erzwingen. Das ist auch gar nicht nötig. Ob du beim Essen kleckerst oder perfekte Tischmanieren hast, ändert nichts an der Einstellung von Gott zu dir.

Keine Essgewohnheit bringt dich näher zu Gott oder trägt dir ihre Verachtung ein. Denn bei Gott bist du nicht, was du isst. Bei Gott bist du - ganz ohne dass du etwas schlucken müsstest - bedingungslos angenommen.  Genau daran werde ich beim meinem nächsten Bissen denken.

Jörg Niederer

Samstag, 14. Februar 2026

Herumstocherer

Ein Zitat

In der Bucht bei Arbon suchen Bekassinen im seichten Wasser nach allerlei Getier.
Fotos © Jörg Niederer
"Arbeit ist schwer, ist oft genug ein freudloses und mühseliges Stochern; aber nicht arbeiten – das ist die Hölle."
Thomas Mann (1875-1955)

Hingesehen

Noch ein Vogel, der sich bevorzugt im seichten Schlickwasser an Seen und Flüssen aufhält: die Bekassine. In der Bucht von Arbon haben sie ihre Scheu vor den Menschen weitgehend abgelegt und suchen unbefangen nach Nahrung. Es ist ein Trupp von etwa 10-15 Vögel, die da mit ihren langen, geraden Schnäbeln nach allerlei Getier im Schlick und Erdreich suchen. Während der Grosse Brachvogel (Siehe Beitrag vom 13. Februar 2026) seine Beute vor allem mit dem Gehör aufspürt, weisst der Schnabel der Bekassinen einen beweglichen vordersten Teil auf, mit dem sie die Beute im Untergrund erspürt und ergreifen können.

Auch die Bekassine ist eine Limikolenart. Dazu zählt man die Watvögel, sowie Regenpfeifer und ihre Verwandten. Also Vögel, die ihre Nahrung im Schlamm watend suchen und finden.

In der Schweiz sind Bekassinen, bis auf etwa zwei Monate von Mitte Mai bis Mitte Juli ganzjährig zu finden. Allerdings gibt es weniger als 100 Bruten bei uns. Grund ist der Lebensraumverlust durch Landwirtschaft und Siedlungsdruck, sowie der Mangel an ausreichender Nahrung.

Jörg Niederer

Freitag, 13. Februar 2026

Der Tyrannosaurus der Regenwürmer

Ein Zitat

In der Bucht bei Arbon sucht ein Grosser Brachvogel im seichten Wasser nach allerlei Getier.
Foto © Jörg Niederer
"Langeweile ist so etwas wie die notwendige Brache für die Felder. Wir sind dauernd online, das heisst: wir werden überdüngt." Elmar Schenkel (*1953)

Hingesehen

Über den Grossen Brachvogel habe ich andern Orts schon einmal geschrieben. Dabei handelt es sich um einen Vogel in der Grösse einer Rabenkrähe. Rund 1000 dieser stattlichsten Limikolen überwintern rund um den Bodensee. Sie ernähren sich von allerlei Getier im Schlick. Aber ebenso gern suchen sie in den Wiesen nach Würmern. Vogelkenner Stephan Trösch erzählte uns an der Wasservogelführung vom vergangenen Sonntag, er habe einmal wissen wollen, wie viele Würmer all die Grossen Brachvögel innerhalb eines Tages vertilgen. So beobachtete er einen Schwarm, und stellte dabei fest, dass jedes Tier so 4 Regenwürmer pro Minute verspeist. Ein Regenwurm wiegt 1,1 bis 2 Gramm. Geht man davon aus, dass die Brachvögel pro Tag so 4 Stunden auf den Wiesen bei der Nahrungssuche verbringen, dann kann man leicht ausrechnen, was an Regenwurmmasse durch sie vertilgt wird. 4 Regenwürmer mal 60 Min mal 4 Stunden mal 1000 Vögel mal durchschnittlich 1,5 Gramm Regenwurmmasse ergibt pro Tag 1,44 Tonnen.

In Arbon am Bodensee kommt man den Vögeln recht nahe; eben auch diesem Grossen Brachvogel. Mit seinem leicht gebogenen langen Schnabel ist er unverwechselbar. In diesem Jahr habe ich ihn schon auf beiden Seiten des Zürichsees gesehen, und eben auch am Bodensee. Dort in Arbon wird er allerdings, auch wenn er sich nahe am Ufer aufhält, von den meisten Flaneur:innen übersehen. Doch wer Augen hat zum Sehen, der gehe hin und sehe!

Jörg Niederer

Donnerstag, 12. Februar 2026

Kirchenfusion

Ein Zitat

Oben: Einstige Kapelle der Bischöfliche Methodistenkirche in Aarau. Unten: Das moderne Gebäude der Evangelisch-methodistischen Kirche in Aarau mit Gottesdienst- und Nebenräumen, sowie der Pfarrwohnung.
Fotos © Jörg Niederer

"Man ist ewig das Opfer seiner eigenen Eitelkeiten."
Theodor Fontane (1819-1898)

Hingesehen

Auch bei grossen Kirchenfusionen kommt es zu den aus der Wirtschaft bekannten Begleiterscheinungen. Verschiedene Kulturen und Traditionen müssen zusammenfinden und sich im Laufe der Zeit einander angleichen. Am 23. April 1968 kam es zur Vereinigung der weltweit wirkenden Bischöflichen Methodistenkirche (The Methodist Church, MK) mit der ebenfalls weltweit präsenten Evangelischen Gemeinschaft (Evangelical United Bretheren Church, EG). Es entstand die Evangelisch-methodistische Kirche (The United Methodist Church).

In der Schweiz erfolgte die Vereinigung leicht verzögert um 1971/1972. Besonders in Städten gab es nun die Situation, dass zwei oder mehr Standorte der neu vereinten Kirche vorhanden waren. Es stellte sich die Frage, welche Kapelle aufgebeben und in welcher nun gemeinsam gefeiert werden soll. In Aarau befand sich das Gotteshaus der Bischöflichen Methodistenkirche an der Fehrstrasse 10. Eine viergeschossige Kapelle, erbaut von den Gebrüder Brändli im Heimatstil. Die Evangelische Gemeinschaft hatte ihre Kapelle am heutigen Standort der Evangelisch-methodistischen Kirche hinter dem Bahnhof Aarau. Um dem durch die Vereinigung höheren Raumbedarf gerecht zu werden, wurde die alte EG-Kapelle durch einen Neubau nach Plänen von Hans Roser ersetzt. Das war bestimmt ein kluger Zug. So mussten beide Traditionen ihre Kapellen aufgeben zugunsten einer gemeinsamen neuen, der Paulus-Kapelle. Es gab keine "Gewinner" oder "Verlierer". Wenigstens theoretisch. Denn noch jahrelang sprach man von den Unterschieden zwischen den beiden Traditionen: "Das ist eher EG-Stil!" hiess es, oder: "Die MK war schon immer politischer als die EG". Auch wurde noch jahrelang darauf geachtet, welche Pfarrpersonen aus welcher Tradition kamen und wer leitende Rollen in der Pfarrerschaft einnehmen konnte. Wohl erst meine Generation, die zur Zeit der Vereinigung im Teenageralter war, empfand sich nicht mehr der einen oder anderen Seite zugehörig. Wir waren also die ersten Evangelisch-methodistischen Christ:innen, ohne die Ballast der vergangenen Traditionen. So musste ich auch bei Altbischof Heinrich Bolleter nachfragen, zu welcher Tradition die einstige Kapelle an der Fehrstrasse gehörte.

Ein weiter Hinweis, dass eine andere Zeit in der Evangelisch-methodistischen Kirche angebrochen ist: Seit einigen Jahren spricht und schreibt man wieder unbefangen von der "Methodistenkirche"

Vereinigungen haben noch einen anderen nachteiligen Effekt. Sie führen in der Regel in der Wirtschaft zu Stellenabbau, beziehungsweise in Kirchen zu einem Verlust an Mitgliedern. Letzterer darum, weil es immer Gläubige gibt, die sich mit dieser "Zwangsheirat" nicht abfinden können oder dadurch eine Verwässerung des Glaubens befürchten. Zwar wächst die fusionierte Kirche insgesamt, doch nicht in dem Mass, wie die Zahlen beider Mitgliedskirchen zusammengenommen erwarten lassen. Statistisch bewegt sich dieser "Verlust" im 10%-Bereich beider Traditionen, wie man bei Untersuchungen in den USA festgestellt hat.

Wie auch immer: Heute ist die EMK in Aarau eine lebendige, vielfältige und multikulturelle Gemeinschaft in ökumenischer Offenheit. Sie ist ihren Weg gegangen. Auch Jugendliche sind dort zuhause, selbst wenn man zwischen Altersheim auf der einen Seite und  Freimaurerloge auf der anderen Seite "eingeklemmt" sei, wie einst ein Jugendarbeiter bedauerte.

Jörg Niederer


Mittwoch, 11. Februar 2026

Türkische Zeitkapsel

Ein Zitat

Bahnhofszene aus der Türkei, aufgenommen um 1950 von meinem Vater Willi Niederer.
Foto © Willi Niederer/Jörg Niederer
"Wer sich am heissen Milchbrei den Mund verbrannt hat, isst sogar Joghurt, indem er es vorher anpustet." Türkisches Sprichwort

Hingesehen

Ein Foto meines Vaters, entstanden so um das Jahr 1950, als er für Bühler Uzwil in der Türkei Mühlen einrichtete. Es war die Zeit, als dort das Ein-Parteien-System endete, als die Gefahr eines Putsches in der Luft lag, als der von Kemal Atatürk errichtete laizistische Staat vorsichtig wieder dem Islam eine grössere Bedeutung einräumte und die Türkei ein Mitgliedsstaat der NATO wurde. Die Industrialisierung wurde vorangetrieben, die Türkei verschuldete sich im Ausland, die Inflation zog an. Es war auch eine Zeit, in der es unter der Regierung von Menderes 1955 zu einem Pogrom gegen orthodoxe Christen kam mit massiven Menschenrechtsverletzungen, Zerstörungen von Kirchen, christlichen Schulen und Friedhöfen.

Das war also die Zeit, in der mein Vater in der Türkei mehrere Monate arbeitete. Das Foto ist aus einem stehenden Zug heraus aufgenommen. Eine Tafel im Einstiegsbereich warnt auf Türkisch davor, bei fahrendem Zug die Tür zu öffnen. Soldaten sind am linken Bildrand zu erkennen, die meisten Männer tragen eine Schiebermütze, die Frauen und selbst kleine Kinder bedecken die Haare lose mit einem Tuch. Man trägt Stoffhose und Tschoopen, manche eine Krawatte. Möglich, dass der winkende Mann unten rechts im Bild ein Bekannter meines Vaters war. Wo sich dieser Bahnhof in der Türkei befand, weiss ich nicht. Mein Vater lebt nicht mehr, er kann es mir nicht mehr sagen.

Die Farbe täuscht. Das ursprünglich in Graustufen aufgenommene Foto wurde von einer AI coloriert. Vielleicht war an diesem Ort gar nicht blau und braun tonangebend.

Seit dieses Bild entstanden ist, sind nun schon 75 Jahre vergangen. Die Welt ist eine andere geworden. Die Menschen aber sind noch immer die Gleichen. Sie träumen, sie hoffen, sie suchen, sie arbeiten, sie reisen, sie lachen, sie weinen, sie freien, sie nörgeln, sie verachten, sie ermutigen, sie lassen sich fallen, sie stehen wieder auf, sie werden geboren und sie sterben. Und das schon seit Menschengedenken, überall, zu jeder Zeit. Heute ich, vor mir mein Vater, nach mir die Töchter und Söhne heutiger Kinder. Wird es so bleiben?

Jörg Niederer

Dienstag, 10. Februar 2026

Möwenchaos

Ein Zitat

Links eine Steppenmöwe, rechts eine jugendliche Mittelmeermöwe im Flug über der Steinacher Bucht am Bodensee.
Fotos © Jörg Niederer
"Möwen sind nicht zu überhören. Ihre lauten, typischen Rufe zaubern sofort maritimes Flair. Im Sommer hört man sie überall – an Stränden und in Häfen." Aus einem Podcast-Beitrag aus Dornum von Marlene

Hingesehen

Möwen sehen alle gleich aus. Gut, da sind kleinere und grössere. Gelegentlich haben sie einen schwarzen oder braunen Kopf. Doch gerade im Winter gleichen sie sich sehr. Das ist genau die Zeit, in der sie bei uns in der Schweiz sind.

Ein Beispiel. Am Sonntag nahm ich an einer Wasservogelexkursion teil mit dem Möwenspezialisten Stephan Trösch. An einer Stelle am Steinacher Bodenseeufer sass in einiger Distanz vom Ufer eine Grossmöwe. Anhand dieser Möwe erklärte der Experte ausführlich, warum es sich um eine Steppenmöwe und nicht um eine Silbermöwe handelt. Zugleich meinte er, um sie wirklich sicher bestimmen zu können, müsse man die ausgebreiteten Flügel sehen können.

Einige Zeit später flog die Möwe auf, und liess ihren Ruf ertönen. Während sie das tat, meinte Stephan Trösch, nun habe er sich blamiert, es sei nun doch eine Silbermöwe.

Grund, dass die Bestimmung von Möwen hohe Kunst ist, liegt daran, dass manche Möwen im 2. Jahr erwachsen werden, andere erst im 3. oder gar 4. Jahr. Eine Vierjahresmöwe wechselt im Verlauf dieser vier Jahre achtmal ihr Aussehen. Dabei geht es um Nuancen. Hinzu kommen noch Unterschiede, je nach dem, woher eine Möwe ursprünglich kommt. Das nun ist Grund, dass viele Vogelkundler gar nicht erst versuchen, Möwen zu bestimmen.

Eine Steppenmöwe gab es dann doch noch zu bewundern, auch im Flug.

Grossmöwen sind heutzutage seltener geworden an den Seen der Schweiz. Durch die Klimaerwärmung finden sie weiter nördlich ihre Ruheplätze. An der Exkursion konnten wir aber doch fünf verschiedene Möwenarten beobachten. Nebst den schon erwähnten kamen noch die Mittelmeermöwe, die Lachmöwe und die Sturmmöwe hinzu. Auch zu entdecken, jedoch weit draussen auf dem See unter Trupps von Schwarzhalstauchern war noch ein Ohrentaucher und ein Rothalstaucher.

Auf der Webseite von Stephan Trösch finden sich einige Impressionen von der Exkursion.

Jörg Niederer

Montag, 9. Februar 2026

Schmucke Kapelle in Suhr

Ein Zitat

In der Kapelle der Methodistenkirche in Suhr treffen sich Menschen unter der Woche.
Fotos © Jörg Niederer
"Bei uns geht es nicht nur um ein paar Tipps fürs Leben, sondern um die Begegnung mit Gott." Von der Webseite der EMK Aarau

Hingesehen

Am Samstag wanderten wir von Aarau via Suhr das Wynental hinauf bis kurz vor Teufenthal. Zwei Kapellen der Methodistenkirche finden sich auf dieser Strecke. Einmal die Evangelisch-methodistische Kirche Aarau und die dazu gehörende Kapelle in Suhr. In Aarau gehört auch ein Wohnhaus der Kirche.

Mir hat die schmucke Kapelle in Suhr ausgezeichnet gefallen. Sie ist modern beschriftet und sehr gepflegt. Vielleicht ist sie auch deshalb so im Schuss, weil dort Anlässe unter der Woche stattfinden, und weil ein Architekturbüro dort zu finden ist. Da braucht es eine ansprechende Visitenkarte. Wer traut schon einem Architekten, würde er in einer Bruchbude wohnen.

Ab Suhr klaft wieder eine "methodistische Lücke", die erst in Luzern endet. 50 Kilometer sind es, und doch nicht ganz methodistisches Niemandsland. Im Wynental gab es einst in Gränichen, Oberkulm, Gontenschwil und Reinach weitere Kapellen. Vor Jahren lebten wir als Pfarrfamilie selbst in Reinach. Es war eine gute Zeit mit lieben Menschen. Einige Jahre, nachdem wir weggezogen waren, wurde der Bezirk, bestehend aus Reinach, Gontenschwil, Oberkulm und Schmiedrued durch die Kirchenleitung geschlossen. Es war meines Wissens das erste Mal, das gleich ein ganzer seelsorglicher Arbeitszweig der Kirche beendet wurde. Alle Gemeinden waren finanziell und auch von der Zusammensetzung nicht mehr selbst tragend und lebensfähig. So jedenfalls die damalige Einschätzung der Verantwortlichen.

Der nächste Abschnitt meiner Kapellentour wird folglich zu einer sentimentalen Reise an frühere Wirkorte. Dann werde ich auf den Wegen den Passant:innen ganz besonders bewusst ins Gesicht schauen, und mich immer Fragen: Sollte ich diesen Menschen von früher her kennen?

Jörg Niederer

Sonntag, 8. Februar 2026

Erkennen

Ein Zitat

Ausschnitt aus den Glasfenster von Ferdinand Gehr in der Kirche Heilig Geist in Suhr. Mutter Jesu und Apostel empfangen das Pfingstfeuer.
Fotos © Jörg Niederer
"Doch wer Gott liebt, der weiss: Ich bin von ihm erkannt und angenommen." Bibel: 1. Korinther 8,3

Hingesehen

Man könnte meinen, der Künstler Ferdinand Gehr (1896-1996) habe einen sehr weiblichen Jesus mit seinen Jüngern dargestellt auf den Glasfenstern in der Kirche Heilig Geist in Suhr. Doch es ist ganz anders. Hier werden die Apostel mit der Mutter Jesu vom verheissenen Pfingstfeuer erfüllt.

Nicht immer erkenne ich sofort, wie etwas gemeint ist und wer dargestellt wird. Dazu einige Gedanken.

Moderne Radaranlagen erfassen zu schnell fahrende Autos von vorn. Auf den Fotos erkennt man nicht nur die Nummernschilder, sondern auch wer hinter dem Steuer sitzt. Bei Google Maps kann man ganze Städte erkunden, als würde man gerade durch die Strassen fahren. In 99 Prozent der Fälle wurden dabei abgebildeten Menschen unkenntlich gemacht. Doch immer wieder versagt bei einzelnen Passanten die Anonymisierung. Man kann den Menschen ohne dessen Einwilligung erkennen. Menschen werden bei der Polizei erkennungsdienstlich behandelt. Prominente werden erbarmungslos von Paparazzi verfolgt, sobald sie gegen ihren Willen erkannt worden sind.

Ist es da wirklich so erstrebenswert, von Gott erkannt zu werden? Ich glaube schon, weil bei Gott Erkenntnis mit Liebe verknüpft ist.

Es gibt Erkenntnis und Erkenntnis. Es gibt, genauer gesagt, Erkenntnis und Liebe. "Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber baut auf." (1. Korinther 8,1).

Wenn in der Bibel gesagt wird, Adam habe Eva erkannt, dann ist damit der Liebesakt gemeint, die intimste Form der Vereinigung zweier Menschen.

Gottes Erkenntnis von dir schafft die Basis deiner Liebe zu Gott. Er hat dich erkannt. Er ist dir dabei sehr nahe gekommen. Er hat sich dir zu erkennen gegeben. Indem er dich angesehen hat, hast du ihn erkannt.

Gottes Handeln und Lieben geht menschlichem Handeln und Lieben voraus. Wäre er uns nicht so nahe gekommen (ohne uns dadurch in unserer Persönlichkeit und Intimsphäre zu verletzen), wir hätten von Gott nicht das Geringste erkannt. In Jesus Christus bekommt Gott ein Gesicht, wird erkennbar. Jesus Christus sagt: "Wenn ihr mich erkannt habt, dann werdet ihr auch meinen Vater erkennen." (Johannes 14,7). Das ist nicht nur Erkenntnistheorie. Das ist Anleitung zu erkennender, erfüllender Liebe. 

Jörg Niederer

Samstag, 7. Februar 2026

Eingeklemmte Natur

Ein Zitat

Zwischen Rupperswil und Hunzenschwil, gerade noch auf Boden von Rupperswil, zwischen den Autobahnen, hat der Biber mit einem Damm im Dorfbach den Wald unter Wasser gesetzt.
Fotos © Jörg Niederer
"Die Achtung vor deinem eigenen Selbst ist nächst der Religion der stärkste Damm gegen alle Laster." Francis Bacon (1561-1626)

Hingesehen

Die Gemeinden Rupperswil und Hunzenschwil werden gleich von zwei Autobahnen voneinander getrennt. Jedes der Dörfer übernimmt dabei eine Autobahn auf seinem Gemeindegebiet. Der Lärm der Autos ist dort zwischen den beiden Nationalstrassen unüberhörbar. Keine gute Wohnlage, auch wenn ein kleiner Wald den Dorfbach in seiner Mitte birgt. Genau dort, auf dem Zozelächer, haben Biber den Dorfbach mit einem sehenswerten Damm aufgestaut, und damit den Wald auf einer beachtlichen Fläche überschwemmt. An diesem unwirtlichen Ort ist es den grössten einheimischen Nagern so richtig wohl. Wobei, das kleine Waldstück bietet nicht gerade Nahrung im Überfluss. Zudem mussten einige Bäume gefällt werden, um die Passant:innen auf dem dort durchführenden Weg zu schützen.

Auf meiner Wanderung von Kapelle zu Kapelle habe ich mich über diese überraschende Entdeckung in jener dicht besiedelten Region im Mittelland sehr gefreut. Ist der Damm nicht faszinierend und genial gebaut?

Jörg Niederer

Freitag, 6. Februar 2026

Schmerzensweg - Erinnerungsweg

Ein Zitat

Eine der Kapellen der Evangelisch-methodistischen Kirche liegt in einem ruhigen Ortsteil der politischen Gemeinde Rupperswil.
Fotos © Jörg Niederer
"Es kann der Tag kommen, da all unser Gold nicht reicht, uns ein Bild von der entschwundenen Zeit zu formen." Inschrift von Unbekannt beim Dorfmuseum Rupperswil

Hingesehen

Rupperswil. Hier besitzt die Evangelisch-methodistische Kirche eine Kapelle. Aktuell wird sie als Wohnhaus und auch noch als Kirche benutzt. Jedoch besuchen die Methodist:innen, die hier einst in den Gottesdienst gingen, wie schon jene aus Bremgarten (Siehe Beitrag vom  1. Februar 2026!) und Lenzburg (Siehe Beitrag vom 4. Februar 2026!) die Anlässe der "3x3 EMK Region Lenzburg". Das ist naheliegend, im buchstäblichen Sinn. Eine Pfingstgemeinde ist heute in den Räumen in Rupperswil eingemietet.

Ich bin wieder in einer Region, in der sich die Präsenz der Methodistenkirche in verschiedenen Liegenschaften niederschlägt. Alleine auf der gestrigen Etappe der Kapellentour von Lenzburg via Rupperswil, Hunzenschwil und Rohr nach Aarau bin ich an drei methodistischen Gotteshäusern und an einer ehemaligen Kapelle vorbeigekommen.

Aber es ist auch eine Wanderung, an der mich trübe Gedanken begleiten. So steht doch Rupperswil für einen der brutalsten Morde in der Geschichte der Schweiz. Gerade lief auf SRF eine Dokumentation über dieses schreckliche Geschehen. Unter den Opfern war auch eine junge Frau, die in der 3x3-EMK-Gemeinde ein- und ausgegangen ist. Und dann bin ich auch wieder vor dem Haus in Rohr gestanden, in dem mein jüngster Bruder nicht mehr weiter leben konnte und wollte. Das war vor noch nicht einmal zwei Jahren.

Aber Rupperswil war auch ein Ort, an dem ich als etwas erfahrenerer Nachbarspfarrer einen Kollegen begleiten durfte, der eben seine ersten Schritte in dieser Aufgabe zu gehen versuchte. Heute wirken zwei seiner Brüder an massgeblichen Stellen in der Kirche mit. Er jedoch hat sich im Verlauf dieser Zeit als Pfarrervikar in Rupperswil für einen anderen Weg entschieden.

Rupperswil. Das ist auch der Standort der Zuckermühle. Da fühlt man sich als Bewohner von Frauenfeld und dessen Zuckerfabrik doch gleich irgendwie mit dem aargauischen Ort verbunden.

Ganz nebenbei konnte ich auf dieser Wanderung auch einige Dinge erledigen, die mit meinem weiteren Engagement in der Methodistenkirche zu tun haben. So besichtigte ich Lokalitäten für die kommende Tagung der Jährlichen Konferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche Schweiz-Frankreich-Nordafrika in Hunzenschwil. Dazu aber etwas mehr zu einem späteren Zeitpunkt.

Jörg Niederer

Donnerstag, 5. Februar 2026

Vor-Vor-Vor-Vor-Vorfahren

Ein Zitat

Vier grosse Steinblöcke bilden eine Reihe im Lütisbuech-Wald, unweit der Gemeindegrenze zwischen Ammerswil und Lenzburg.
Fotos © Jörg Niederer
"Praxis ist Kunst, Spekulation ist Wissenschaft, Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche." Friedrich Schleiermacher (1768-1834)

Hingesehen

Ich finde, man darf spekulieren. Die vier Steinblöcke liegen in auffällig gerader Linie an einem flachen Ort im Wald an der Gemeindegrenze von Ammerswil und Lenzburg. Es könnte eine Steinreihe sein, vielleicht keltischen Ursprungs. Die Steine könnten aber auch einfach die Gemeindegrenze nachzeichnen. Nur wenig daneben ist denn auch ein kleiner, quadratischer, neuzeitlicher Grenzstein zu finden. Oder diese Anordnung ist Zufall, eine Laune der Natur.

Beim Recherchieren gefunden habe ich nur einen Hinweis auf einen Chindlistein in Ammerswil. Das sind die Steine, von denen jüngere Frauen herunterrutschten, wenn sie sich ein Kind wünschten.

Nicht weit von diesem Ort entfernt, bei Seon, befindet sich ein Hallstadt-Grabhügel (ca. 500 v. Chr.). Dort entdeckte man auch auch bronzezeitliche Gräber (1500 v. Chr.). Ausgegraben wurden sie 1932 unter der Leitung des nationalsozialistisch gesinnten Professors Hans Reinerth.

Wie auch immer. An dem Ort, an dem ich in den ersten Monaten dieses Jahres wandernd unterwegs bin, lebten und siedelten schon Jahrtausende vor uns Menschen. Ob noch etwas von ihnen in unserem Erbgut zu finden ist? Ich meine, man darf spekulieren.

Jörg Niederer

Mittwoch, 4. Februar 2026

Es war einmal...

Ein Zitat
Heute ist die einstige Kapelle der Methodist:innen in Lenzburg ein Wohn- und Bürohaus. Viel hat sich äusserlich am Gebäude nicht verändert.
Fotos © Jörg Niederer
"Was ist Bürokratie? Eine Regelung der einzelnen Inkompetenzen im Sinne der allgemeinen Verantwortung."
Anton Kuh (1890-1941)

Hingesehen
Bei diesem Gebäude, einer ehemaligen Methodistenkapelle, kann ich das gleiche leicht angepasst schreiben wie schon im Blog vom 1. Februar 2026. Das werde ich nun auch so tun.
Einige langjährige Methodist:innen werden wissen, was auf diesem Foto zu sehen ist. Heute ist es ein Wohnhaus mit einer Wohngemeinschaft, einer weiteren Wohnung und einem Advokaturbüro. Doch zuvor war es der Versammlungsort der Methodist:innen in Lenzburg. Das Gebäude ist schon etwas betagt. Verkauft wurde es, nachdem sich mehrere Kirchgemeinden, darunter auch die Methodist:innen von Lenzburg, gemeinsam in Hunzenschwil eine Gewerbehaus kauften und seither dort gemeinsam feiern. So entstand die 3x3-Gemeinde, heute "3x3 EMK Region Lenzburg" genannt.
Gestern fand die Etappe meiner Kapellentour von Niederwil nach Lenzburg an diesem Ort sein Ende. Während ich so an der Strafanstalt, dem Schlossberg, dem Staufberg und dem Gofi vorbeizog, fielen mir Episoden und Gegebenheiten ein aus der Zeit, als wir uns in diesem Gebäude an der Ammerswilerstrasse trafen. Da sind die Alleebäume entlang der Strasse und auch die alte historische Dampfwalze direkt gegenüber besagter Liegenschaft. Auch die Diskussion kam mir in den Sinn, von der ich von meinem dort wohnhaft gewesenen Kollegen hörte. Es ging darum, ob eine Pfarrfamilie eine Geschirrspülmaschine brauche oder nicht. Nun, das ist Schnee von gestern.
Heute wird wohl weniger über Kücheneinrichtungen diskutiert als über die Frage, wie eine Kirche mit einer 300-jährigen Geschichte aktuell und relevant für die Menschen der heutigen Zeit bleiben kann. Das wird dann auch wieder Thema sein in etwa 5 Monaten am Gemeindestandort der "3x3 EKM Region Lenzburg", an der Tagung der Jährlichen Konferenz Schweiz-Frankreich-Nordafrika (Synode der Methodist:innen). Darauf bin ich gespannt.
Jörg Niederer

Dienstag, 3. Februar 2026

Der Schicksalsort von Rothrist

Ein Zitat

Im aargauischen Niederwil wummert die Fasnacht unüberhörbar weit herum.
Fotos © Jörg Niederer
"Ich weiss nicht was ich bin / Jch bin nicht, was ich weiss: / Ein ding und nit ein ding: / ein stüpffchin und ein kreiss." Angelus Silesius (1624-1677)

Hingesehen

Schon im Dickhölzli beim Eidgenössischen Waffenplatz Hinterweid waren die dumpfen Rhythmen deutlich zu hören. Doch erst als der Fasnachtswagen wummernd durch den Dorfkern von Niederwil fuhr, also etwa 4 Kilometer Distanz davon entfernt, wurde mir klar, woher diese Partyklänge gekommen waren.

Es ist Fasnacht, die närrische Zeit.

Auf meiner Kapellentour befand ich mich am vergangenen Samstag auf einer Überführungsetappe. Die nächste Liegenschaft in methodistischen Besitz erwartet mich erst etwa nach 29 Kilometern in Rupperswil. Vorerst ging es von Rottenschwil via Bremgarten (Siehe Beitrag vom 1. Februar 2026!) nach Niederwil. Auch dort, so las ich in alten Konferenzverhandlungen, gab es einst methodistische Stubenversammlungen. Wo genau, das konnte ich nicht herausfinden.

Diesem Niederwil im Bezirk Bremgarten verdank Rothrist seinen heutigen Namen. Denn bis 1890 wurde Rothrist ebenfalls nach einem dortigen Ortsteil "Niederwil" genannt. Zwei Niederwil im selben Kanton, das erschien den Verantwortlichen zu verwirrlich. Also wurde aus Niederwil bei Zofingen die Gemeinde Rothrist.

Niederwil ist in der Schweiz eine sehr geläufige Ortsbezeichnung. SchweizMobil führt gleich 22 Flur- und Ortsbezeichnungen auf mit diesem Namen. Man könnte also eine weitere Tour de Suisse kreieren, vom einen Niederwil zum nächsten.

Wer weiss, vielleicht ist das mein nächste Projekt.

Jörg Niederer

Montag, 2. Februar 2026

Der Vogel des Jahres 2026

Ein Zitat

Ein männlicher Eisvogel auf seinem Ansitz bei der Hide am Flachsee. Schön zu sehen ist der deformierte Schnabel.
Fotos © Jörg Niederer
"Wer kleinlich ist, erspäht auch im Grossen den Makel." Esther Klepgen (*1965) 

Hingesehen

In diesem Jahr darf natürlich der Eisvogel nicht fehlen. Er wurde nach Aufruf durch BirdLife Schweiz von der Bevölkerung zum "Vogel des Jahres 2026" gewählt, knapp vor der Wasseramsel, die lediglich 53 Stimmen weniger erhielt.

Der Eisvogel profitiert von renaturierten, fischreichen Wasserflächen und wohl auch vom Klimawandel. Wer mehr zu diesem farbenprächtigen Fischjäger erfahren möchte, kann auf die Webseite von BirdLife Schweiz gehen, oder dann meine früheren Beiträge dazu lesen.

Was mir aufgefallen ist. Der Eisvogel, ein Männchen, fotografiert am Flachsee entlang der Reuss, hat einen leicht deformierten Schnabel. Selbst geschlossen weisst er eine Lücke auf. Genauso, wie ein Eisvogel bei den Murgauen in Frauenfeld. Erst spekulierte ich, dass es der selbe Eisvogel sein könnte, der seinen Standort gewechselt hat. Im harten Wintern suchen die auf offenes Wasser angewiesenen Sturztaucher oft weiter entfernt bessere Reviere auf. Doch in Frauenfeld ist es ein Weibchen, das diese Schnabeldeformation aufweist.

Für die Vögel scheint diese Fehlstellung des Schnabels bei der Jagd nach Fischen kein Nachteil zu sein. Man muss halt nicht perfekt sein. Lebenstauglich ist man auch, wenn man keinen Schönheitspreis gewinnen könnte.

Jörg Niederer

Empfohlen

Der Schatten der Platane

Ein Zitat Foto © Jörg Niederer "Der morgendliche Auto-Stau: Man muss immer früher starten, um zu spät zu kommen!" Willy Meurer (1...