Ein Zitat
"Ursprünglich aus Graubünden stammend, haben Totenbeinli eine lange Tradition." Rezept auf GraubündenViva
Foto © Jörg Niederer
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Die Installation KATAPAVSIS von Werner Widmer in der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld ist zu Ende. Sie bestand aus den kultigen Haselnussstängeli von der Migros. Totenbeinli nennt sie der Volksmund. Es sei eine "Arbeit in Gedanken an die Verstorbenen, eine Hommage an den Tod, eine Ode an das Leben." In immer wieder anderen kirchlichen Zusammenhängen werden die Totenbeinli vom Künstler zu einem Klötzliparkett ausgelegt.
Als ich vergangene Woche einem Vogel nachstellte, der auf dem Kirchturm brüten soll, begann es zu regnen, und so floh ich in die Kirche und entdeckte diese schöne, meditative Installation.
"So überraschend wie bestechend ist Werner Widmers Materialwahl 'Totenbeinli': Die ursprünglich aus Graubünden stammenden Haselnussstängelchen mit der Engadiner Bezeichnung 'Oss da mort' wurden traditionell beim Totenmahl zum Kaffee gereicht. Ihre Trockenheit ist Garant für ihre lange Haltbarkeit..." So steht es in der Beschreibung.
Bei den verarbeiteten Totenbeinli handelt es sich um Ware, die längst das Verfalldatum überschritten hat. Die Stängelchen werden von Ausstellung zu Ausstellung wiederverwendet.
Diese Installation ist nicht nur eine Inspiration zur Verarbeitung des Sterbens, sondern passt auch gut zu Karfreitag. So wundert es nicht, dass das Totenbeinli-Parkett in der Stadtkirche bei den Kreuzwegdarstellungen zu finden ist. Dort wird das Gebäck zu einem meditativen Muster für die Besinnung auf den Tod von Jesus Christus am Kreuz. "Katapausis" übrigens ist Griechisch und meint Ruhe, Rast, auch Ruheplatz. Es ist ein Wort für den Ort, wo ewiger Friede herrscht, bei Gott. An diesen himmlischen Ort geht es paradoxer Weise durch Leiden hindurch. Es ist Karfreitag.
Jörg Niederer

