Freitag, 10. April 2026

Das Kirchendrama von Frauenfeld

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Der Wanderfalke hat Position bezogen vor dem Brutplatz der Turmfalken auf dem Turm der Stadtkirche Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Dass einer lächeln kann und immer lächeln / Und doch ein Schurke sein." William Shakespeare (1564-1616)

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Jahrelang wohnte in mehr oder weniger trauter Nachbarschaft zu Dohlen, Alpenseglern und Tauben ein Turmfalkenpaar im hoch aufragenden, neubarocken Turm der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld. Auch in diesem Jahr bezogen die geschickten Rütteljäger wieder ihre Vogel-Einzimmerwohnung. Doch dann kam vor einem Monat der Vogel auf dem Foto, und seither vollzieht sich ein kleines Drama in luftiger Höhe über der Thurgauer Kantonshauptstadt.

Wenn in der Politik von Falken gesprochen wird, so ist gerade auch der Wanderfalke dafür Vorbild. Er hält mit 320 km/h den Geschwindigkeitsrekord unter den Gefiederten und ist der natürliche Feind kleinerer Vögel ab etwa der Grösse von Tauben und Krähen. Er jagt im Sturzflug oder aus dem Hinterhalt und mit hoher Geschwindigkeit seine Beute in der Luft. Und ja, auch Turmfalken gehören in sein Beutespektrum.

Immer wenn ich nun in die Nähe der Stadtkirche komme, schaue ich hoch zur Luke, hinter der die Turmfalken wohl brüten. Gestern aber sass dort der Wanderfalke. Die beiden kleineren Turmfalken waren auch da. Sie duckten sich nicht weit entfernt in Nischen der Kirchenfassade. Ihnen war der Weg zu Nest versperrt. Da in den letzten Tagen bei der Kirche auch schon zwei Wanderfalken bei der Paarung beobachtet worden waren, kann es sein, dass diese dem Turmfalkenpaar den Nistplatz streitig machen. Es könnte aber auch sein, dass sie es auf den Turmfalken-Nachwuchs abgesehen haben. Bisher habe ich den Wanderfalken nicht dabei beobachtet können, wie er in den Nistkasten hineingeschlüpft wäre. Für die Turmfalken jedenfalls ist es gerade sehr ungemütlich. Wenn sie die Gefahr richtig einschätzen können, dann, so hoffen ich, werden sie sich einen andern Ort für ihr Brutgeschäft suchen.

Eine Chance gibt es aber auch an diesem Standort in der Stadtkirche für die schwächeren Turmfalken. Da der Wanderfalke ausschliesslich im ultraschnellen Flug jagt und nie seine Beute am Boden schlägt, sind sie auf den Mauersimsen und im bezogenen Nest relativ sicher.

Mal schauen, wie dieser Konflikt über unseren Köpfen weitergeht.

Jörg Niederer

Donnerstag, 9. April 2026

Jagdglück

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In den Murgauen von Frauenfeld hat der dort lebende Graureiher eine Mauereidechse erbeutet.
Foto © Jörg Niederer
"Reden wir etwa sonderbares Zeug, wenn wir behaupten, dass der Schaden eines jeden Wesens in dem besteht, was wider seine Natur geht?" Epiktet (um 50-138 n. Chr.)

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Nach so viel Kultur der letzten Tage hier mal wieder Natur. In den Murgauen von Frauenfeld konnte ich den dort residierenden Graureiher beobachten, wie er eine Eidechse erbeutete. So ist die Natur. Das Überleben des einen hängt vom Tod des andern ab.

Nebst diesem Graureiher konnte ich heute weitere Tiere beobachten. So ein Wanderfalke und zwei Turmfalken bei der Kirche St. Nikolaus in Frauenfeld. Auch Dohlen flogen ein und aus. Wenig weiter dann Storch und Saatkrähen, verschiedentlich auch Tagpfauenaugen und Mauereidechsen. Weiter entdeckte ich Bunt- und Mittelspechte, hörte den Grünspecht und den Schwarzmilan. Hinzu kamen all die anderen häufigen kleinen Sänger: Mönchsgrasmücke, Zaunkönig, Buchfink, Rotkelchen, etc. Doch, das war ein sehr belebter Fauna-Tag in Frauenfeld.

Jörg Niederer

Mittwoch, 8. April 2026

Pailletten, Bustiers und Posamenten auf der Kapellen-Empore

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Die ModeAusstellung.ch mit Kostümen und Kleidern aus den letzten 150 Jahren ist in der ehemaligen methodistischen Kapelle von Uerkheim zu besichtigen.
Foto © Jörg Niederer
"Schau aufmerksam in den Spiegel und trage nur, was wirklich zu dir passt. Kümmere dich nicht darum, ob du modisch bist." Vivienne Westwood (1941-2022)

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Eine über hundertjährige Stündeler-Kapelle mit abgedunkelten Fenstern! Was da wohl von der Öffentlichkeit verborgen werden soll? Es ist gerade 13.00 geworden an diesem wunderschönen Ostertag, als wir eintreten. Wir werden von einem älteren Herrn, der sich sogleich mit Handschlag als André Wieland vorstellt, herzlich im privaten Mode-Museum in der ehemaligen Methodisten-Kapelle von Uerkheim begrüsst. Wir werden die einzigen Besuchenden sein in den zwei Stunden, in denen wir zwischen Kleidern und Kostümen aus 150 Jahren verbringen. Bei der Frage, woher wir von dieser Modeausstellung vernommen haben, gebe ich mich als Pfarrer der Kirche zu erkennen, zu der diese Kapelle einst gehörte. Seine Frau Martha, die eigentliche Modespezialistin, wird herbeigerufen. Es entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch. Dabei erfahre ich, dass kaum noch Kontakte zu den Kirchengliedern von früher bestehen. Einmal eine kleine Wanderausstellung bei den Methodist:innen in Hunzenschwil mit mässigem Erfolg, einmal eine Organistin, die wissen wollte, wohin das Altarbild verschwunden sei, einmal eine Nachbarin, die sich schwer tut mit der Umnutzung der Kapelle. Martha Wieland ist sichtlich endtäuscht über dieses Desinteresse. Bevor aber die Führung durch die Ausstellung beginnt, gehe ich aufs stille Örtchen. Auch dort Mode. Unterwäsche aus Wolle hängt an Bügeln an der Wand. Alles ist geschmack- und liebevoll gestaltet. Die beiden haben die Kapelle eigenhändig renoviert und umgebaut. Der Dachstock wurde ausgebaut, Treppenaufgänge umplatziert, der Saal im Untergeschoss erweitert. Kaum sei dieser fertig gewesen, habe die Uerke Hochwasser geführt. Das Wasser stand 40 cm im schönen Saal.

Auf der Führung erfahren wir viel über die Mode der letzten 150 Jahre. Da gibt es die Schuh- und Kostümsammlung von Caterina Valente. Im ehemaligen Pfarrerbüro befindet sich nun die Literatursammlung und die alten Modezeitschriften. Einige sehen aus wie Kirchenbücher von früher. Wir erfahren, weshalb in den Weltkriegszeiten die Mode leichter und die Röcke kürzer wurden – der Stoff war Mangelware – auch wurde im 2. Weltkrieg Viskose mangels anderer Stoffe salonfähig. Wir bewunderten St.Galler Stickereien, bestaunten kunstvolle Posamenten, entdeckten Hüte aus Rosshaar, wunderten uns über die Vorläufer der ersten Büstenhalter, realisierten das provozierende der Mode aus der Zeit, als der Charleston als Tanz und Modestil aufkam.

Die Zeit verging wie im Flug in diesem einzigartigen Ambiente aus Mode und Kapelle. Zwei Stunden später waren wir mehr als überzeugt: es hat sich gelohnt, nach Uerkheim zur einstigen Methodistenkapelle zu reisen. Die herzliche Art der Wielands und die faszinierenden Modekleider in der liebevoll ausgebauten Kapelle; da ist die Umnutzung eines Sakralbaums mehr als gelungen. Ganz besonders den einstigen Gottesdienstbesuchenden dieses Orts sei empfohlen, einen Augenschein zu nehmen. Wielands sind begierig, mehr von den Vorbesitzenden zu erfahren. Für Modeliebhabende ist es sowieso ein Muss, in die Museums-Kapelle an der Uerke zu reisen.

Jörg Niederer

Dienstag, 7. April 2026

Auf der Kapellentour – eine Zwischenbilanz

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Hin und her führten mich die 35 Etappen auf der Kapellentour durch das Schweizer Mittelland.
"Ich glaube, die Welt ist wunderbar, und des Menschen Herz noch wunderbarer." Bettine von Arnim (1785-1859)

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Seit dem 28. Oktober bin ich immer einmal wieder tageweise unterwegs von Kapelle zu Kinderkrippe zu Altersheim zu Spital der Evangelisch-methodistischen Kirche. In 35 Etappen sind bisher 420 Kilometer schweizerisches Mittelland mit zwei Abstechern in die Alpen zusammengekommen. Im Grossraum Zürich gestartet ging es erst mal nach Glarus, dann wieder zurück in die Stadt Zürich und weiter mit einem Abstecher über Affoltern am Albis nach Aarau. Von dort führte mich der Weg nach Luzern und zurück an den Jurarand in die Stadt meiner Kindheit nach Olten. Durchschnittlich 12 Kilometer war ich dabei unterwegs. Es waren also durchaus Genusstouren. Ich bin selbst da, wo ich mich gut auskenne, mir unbekannte Wege gegangen und habe viel Neues und Faszinierendes entdeckt. Jahreszeitlich stapfte ich durch den Herbst, Winter und Frühling. Gebäude sah ich viele, die nach wie vor der Kirche und ihren "Tochtergesellschaften" gehören. Aber ich kam ebenfalls an vielen einstigen methodistischen Wirkorten vorbei, die heute nicht mehr kirchlich genutzt werden. Wenn ich mich nur schon an die Orte zurückerinnere, auf denen ich als Pfarrer die letzten 40 Jahre wirkte, dann gibt es von 19 Predigtstationen 12 nicht mehr. Umso erfreulicher waren die Begegnungen an den Orten, an denen ich auf Gemeindeglieder und Berufskolleg:innen traf. Sei es in Gottesdiensten oder zum Kaffee in einer Pfarramtsstube.

Es geht weiter. Die nächsten 100 Kilometer führen mich durch den Oberaargau und das Unteremmental nach Burgdorf. Dann geht es ins Seeland nach Biel und anschliessend über den Jura nach Basel und wieder zurück nach Zürich. Ich bin gespannt, was mich auf diesen Wegen erwartet.

Jörg Niederer

Montag, 6. April 2026

Skulpturen und Mode in methodistischen Kapellen

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Oben: die ehemalige methodistische Kapelle in Staffelbach. Unten: die ehemalige methodistische Kapelle in Uerkheim.
Foto © Jörg Niederer
"Ich plane jeden Tag in die Kirche zu gehen!" Thomas Lüscher, der heutige Besitzer der früheren Evangelisch-methodistischen Kapelle in Staffelbach.

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Gestern an Ostern ging ich in die Kirche. Für einen pensionierten Pfarrer ist das nicht aussergewöhnlich. Allerdings war es ein spezieller Kirchenbesuch. Und das kam so.

Auf meiner Wanderung von methodistischer Liegenschaft zu methodistischer Liegenschaft entdecke ich auch einige für die Evangelisch-methodistische Kirche "verflossene" Kapellen. Heute gehören sie nichtkirchlich motivierten Besitzer:innen. So ist es auch bei den Kapellen von Staffelbach und Uerkheim. Mit dem Entscheid, nur noch in Bottenwil Gemeindearbeit zu tun, wurden die beiden Kapellen verkauft. Beim Verkauf von Kapellen ist es nicht gleichgültig, an wen die einstigen gottesdienstlich genutzten Häuser weitergegeben werden. Diese Gebäude, sie stehen oft unter Denkmalschutz, wurden viele Jahre liebevoll und mit hohem finanziellem Aufwand und freiwilliger Arbeit unterhalten. Sie wegzugeben, fällt den Christ:innen, die dort ihre Kinder getauft und geheiratet haben, nicht leicht. Auch  hat es durchaus schon Beispiele gegeben, bei denen sakrale Häuser als Bordell oder als esoterischer Brennpunkte genutzt wurden. 

Nun sind solche kirchlichen Liegenschaften nicht gerade gesucht. Die Käufer:innen-Auswahl ist klein. Gerade in nicht zentral gelegenen – um nicht zu sagen abgelegenen – Regionen auf dem Land sind es Glücksfälle, wenn sich geeignete Nachbesitzer:innen finden lassen. In Staffelbach und Uerkheim ist das aus meiner Sicht ausgezeichnet gelungen.

2014 zog in Staffelbach der Holz- und Bronzebildhauer Thomas Lüscher mit seiner Familie in die Kapelle ein. Nun ist der Gottesdienstraum sein Atelier. Dort werden allerlei Kurse angeboten, Werke erstellt und im Haus wird auch gewohnt. Die Kapelle hat einen Anbau bekommen, der ein wenig aussieht wie die Berg- oder Talstation einer Gondelbahn.

Schon früher, 2010, erstanden André und Martha Wieland die Kapelle in Uerkheim. Eigenhändig bauten sie die Liegenschaft so um, dass auf vier Etagen Räume genutzt werden können. Heute ist die Kapelle ein privates Mode-Museum. Kleider der letzten 150 Jahre sind dort ausgestellt. Die Mode-Sammlung kann jeweils am 1. und 3. Sonntag des Monats von 13-17 Uhr besichtigt werden. Gestern an Ostern war der 1. Sonntag im Monat. Und so wanderten wir von Muhen nach Bottenwil, und besuchten unterwegs die Kapelle Uerkheim und ihr neues Innenleben. Dieser Besuch war so aussergewöhnlich anregend, dass es dazu eines eigenen Blogbeitrags bedarf. Das kann ich schon einmal verraten: Es lohnt sich, dorthin zu reisen und sich von Martha Wieland in die Modegeheimnisse einweihen zu lassen. Das Ambiente ist aussergewöhnlich, der Erkenntnisgewinn ebenso.

Das also war mein spezieller Oster-Kirchenbesuch.

Jörg Niederer

Sonntag, 5. April 2026

Osterlachen

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Ausschnitt aus dem Deckengemälde der Katholischen Kirche St. Stephan in Beromünster. "Steinigung des Stephanus. Stephanus bezeugt den auferstandenen Christus.
Foto © Jörg Niederer
"Herzrasen ist auch nur ein anderes Wort für Brustbehaarung." Paul Linus Urban, Das Witzebuch II, Wien

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Hat Jesus gelacht. Darüber steht in den Evangelien nichts. Einige christliche Vertreter meinten deshalb, Lachen sei verwerflich.

Es gibt aber auch die alte Tradition des Osterlachens. Dabei wird der Tod ausgelacht, der angesichts der Auferstehung Christi seine Macht eingebüsst hat. Folglich werden in den Osterpredigten Witze erzählt, um das Lachen der Ostergemeinde zu provozieren.

Unlängst habe ich die Wortspiele und den Sprachwitz von Paul Linus Urban entdeckt. Die folgenden Beispiele zitiere aus seinem Büchlein "Das Witzebuch, Band II".

"Henker findet von der Arbeit nie nach Hause. - Er kennt nur die Hinrichtung."

"Ich weiss nicht, wie sich Maler über Wasser halten. - Die müssen jeden Auftrag streichen."

"Warum sind glatzköpfige Menschen so friedlich? - Weil sie sich nicht in die Haare kriegen können."

"Wusstest du, dass man Obst nicht ungewaschen essen soll? - Schon nervig, vor jedem Apfel duschen zu gehen."

Ich wünsche euch allen frohe Ostern.

Jörg Niederer

Samstag, 4. April 2026

Karfreitagswanderung

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Im Zoar, der Evangelisch-methodistischen Kirche in Muhen feierten Menschen aus den reformierten und methodistischen Kirchen gemeinsam den Karfreitagsgottesdienst.
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin ein rechtes Rabenaas, / Ein wahrer Sündenkrüppel, / Der seine Sünden in sich frass, / Als wie der Russ' den Zwippel [gemeint ist der Rost]. / Herr Jesu, nimm mich Hund beim Ohr, / Wirf mir den Gnadenknochen vor, / Und schmeiss mich Sündenlümmel, / In deinen Gnadenhimmel." Kernlied aus einem alten schlesischen Kirchengesangbuch

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Nein, das Kernlied aus dem alten schlesischen Kirchengesangbuch haben wir nicht gesungen. Doch andere Lieder wurden angestimmt, im Zoar, dem Jugend- und Gemeindehaus der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) Muhen. Dort startete ich gestern mit dem Besuch des Gottesdienstes meine karfreitägliche Etappe der Kapellentour.

Wie auch in der Methodistenkirche in Niederzuwil sitzt man im Zoar an kleinen Vierertischchen. Der gemeinsam mit der Reformierten Kirche gestaltete Gottesdienst war gut besucht; keine der Sitzgruppen blieb leer. Geleitet wurde die Feier gleich von zwei Pfarrpersonen mit methodistischen Wurzeln. Einmal von der methodistischen Pfarrerin Christine Moll, dann vom der EMK "abtrünnig" gewordenen reformierte Pfarrer Stephan Gassler. Der Gottesdienst war bewusst einfach gehalten. Eine Predigt gab es nicht. Stattdessen wurde von verschiedenen Beteiligten die ganze Passionsgeschichte aus der Bibel gelesen. Dazwischen sang die Gemeinde elektronisch begleitet passende Lieder. Das Abendmahl folgte unmittelbar auf den Leseteil, in dem das letzte Passamahl von Jesus mit den Jüngern beschrieben wird. Mit der Schilderung des Todes Jesu am Kreuz wurde die Altarkerze ausgelöscht. Der Gottesdienst endete im Schweigen.

Draussen vor der Tür konnte ich mich mit drei meiner früheren Gemeindegliedern unterhalten. Mit dem Aus der Gemeindearbeit in Schmiedrued (siehe Beitrag vom 25. März 2026!) wechselten sie in die nahe gelegene EMK Muhen. Es war schön, in die bekannten Gesichter zu blicken und einige Worte zu wechseln.

Dann ging es für mich los, direkt auf der als Wanderweg ausgeschilderten und am Zoar vorbeiführenden Strasse. Mein nächstes Ziel galt der ehemaligen Kapelle in Kölliken. Wie so viele sakrale Gebäude in der Region wird sie heute alternativ genutzt, in diesem Fall als Wohnraum. Dann warf ich einen Blick auf das Gelände der unglaublich aufwendig sanierten ehemalige Sondermülldeponie. Hier soll nun eine landwirtschaftliche Nutzfläche entstehen, die beispielhaft biodivers bewirtschaftet wird. Ich bin sehr gespannt. Der weitere Weg führte mich dann hinauf auf den Engelberg und wieder hinunter in meine Geburts- und Heimatstadt Olten. Ein kurzer Besuch bei meiner Mutter im Altersheim rundete die mit 400 Höhenmetern und 16 Kilometern Länge etwas anspruchsvollere Wanderung ab. Doch, so kann man den Karfreitag durchaus verbringen.

Jörg Niederer

Freitag, 3. April 2026

KATAPAVUSIS

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Installation von Werner Widmer mit Totenbeinli in der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Ursprünglich aus Graubünden stammend, haben Totenbeinli eine lange Tradition." Rezept auf GraubündenViva

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Die Installation KATAPAVSIS von Werner Widmer in der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld ist zu Ende. Sie bestand aus den kultigen Haselnussstängeli von der Migros. Totenbeinli nennt sie der Volksmund. Es sei eine "Arbeit in Gedanken an die Verstorbenen, eine Hommage an den Tod, eine Ode an das Leben." In immer wieder anderen kirchlichen Zusammenhängen werden die Totenbeinli vom Künstler zu einem Klötzliparkett ausgelegt.

Als ich vergangene Woche einem Vogel nachstellte, der auf dem Kirchturm brüten soll, begann es zu regnen, und so floh ich in die Kirche und entdeckte diese schöne, meditative Installation.

"So überraschend wie bestechend ist Werner Widmers Materialwahl 'Totenbeinli': Die ursprünglich aus Graubünden stammenden Haselnussstängelchen mit der Engadiner Bezeichnung 'Oss da mort' wurden traditionell beim Totenmahl zum Kaffee gereicht. Ihre Trockenheit ist Garant für ihre lange Haltbarkeit..." So steht es in der Beschreibung.

Bei den verarbeiteten Totenbeinli handelt es sich um Ware, die längst das Verfalldatum überschritten hat. Die Stängelchen werden von Ausstellung zu Ausstellung wiederverwendet.

Diese Installation ist nicht nur eine Inspiration zur Verarbeitung des Sterbens, sondern passt auch gut zu Karfreitag. So wundert es nicht, dass das Totenbeinli-Parkett in der Stadtkirche bei den Kreuzwegdarstellungen zu finden ist. Dort wird das Gebäck zu einem meditativen Muster für die Besinnung auf den Tod von Jesus Christus am Kreuz. "Katapausis" übrigens ist Griechisch und meint Ruhe, Rast, auch Ruheplatz. Es ist ein Wort für den Ort, wo ewiger Friede herrscht, bei Gott. An diesen himmlischen Ort geht es paradoxer Weise durch Leiden hindurch. Es ist Karfreitag.

Jörg Niederer

Donnerstag, 2. April 2026

Saatkrähen in der Stadt

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Eine Saatkrähe nisten mit zwei Duzend weiteren Artgenossen in dem Bäumen beim Rathausplatz Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Wie der Schnabel, so die Lieder, Wie der Flug, so das Gefieder." Johannes Daniel Falk (1768-1826)

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Gerade jetzt fallen sie in den Städten auf. Sie sammeln sich auf Bäumen an hell beleuchteten Kreuzungen. Dort bauen sie ihre Nester aus Astwerk in die Kronen, in der Regel gleich zehn, zwanzig Stück. Es ist ein Kommen und Gehen. Ständig ist ihr Krächzen zu hören. Kleinere Streitereien sind an der Tagesordnung. Wer unter ihren Nistbäumen durchgeht, ist vor biologischem Beschuss nie ganz sicher. Davon zeugen die vielen weisen Einschläge auf dem Asphalt.

Ich spreche von den Saatkrähen. Sie ziehen es vor, in Kolonien zu brüten. Das gibt einen grösseren Schutz vor Greifvögeln. In der Nacht kann sich der Uhu, des Lichts der Strassenlampen wegen, weniger unbemerkt einen der grossen schwarzen Vögel holen.

Faszinierend finde ich den fast nackten, grauen, leicht nach unten gebogenen und kräftigen Schnabel, mit dem sie in den Feldern nach allerlei Getier und Samen suchen. 

Saatkrähen sind intelligent. Das macht es schwierig, sie von einem Ort zu vertreiben. Es macht es aber auch sehr interessant, ihrem Treiben zuzuschauen.

Jörg Niederer

Mittwoch, 1. April 2026

Morchelglück

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Eine Speise-Morchel wächst im Unterholz bei den Sandsteinhöhlen von Staffelbach.
Foto © Jörg Niederer
"Es fiel einmal ein Kuckucksei / Vom Baum herab und ging entzwei. / Im Ei da war ein Krokodil: / Am ersten Tag war's im April." Joachim Ringelnatz (1883-1934)

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Ich bin kein Pilzsammler und daher auch nicht besonders versiert, die essbaren aufzuspüren. Aber gelegentlich laufe ich ihnen unerwartet über den Weg. So auch bei diesem Speise-Morchel, den meine Frau als erste entdeckte, direkt am Waldweg zu den Sandsteinhöhlen von Staffelbach. Zwischenzeitlich weiss ich, dass ich ihn hätte pflücken dürfen. Er gefällt mir aber besser da, wo er aus dem Boden lugt.

Morcheln sollten immer gut durchgekocht werden, da sie sonst vorübergehende gesundheitliche Probleme verursachen. Das habe ich beim recherchieren neu gelernt und werde es in Zukunft beherzigen. Der Nutzen von Morcheln im Wald: Sie zersetzen organisches Material.

Entdeckt habe ich den Pilz übrigens am vergangenen Samstag. Er ist also kein Aprilscherz.

Jörg Niederer

Dienstag, 31. März 2026

Feuer und Flamme

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Auf einem abgefallenen Ast wächst der Goldgelbe Zitterling, ein Pilz aus der Gattung der Zystenrindenpilze.
Foto © Jörg Niederer
"Im Frühjahr kehrt Wärme in die Glieder zurück." Vergil (70-19 v.Chr.)

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Im noch relativ monochromen Frühjahrswald fallen die knalligen Farben besonders auf. Seien es nun Blumen wie der Huflattich, das Schlüsselblümchen, das Wald-Veilchen, das Buschwindröschen, oder seien es leuchtend farbige Pilze, wie dieser Goldgelbe Zitterling.

Er gleicht einer kleinen Flamme, die sich vom abgefallenen, dürren Ast nährt. Gerade mal einen Zentimeter hoch ist er mir mit seiner Leuchtkraft sofort ins Auge gestochen.

Als ich ihn freuend über den Fund einem zufällig an diesem wenig begangenen Ort stehenden älteren Ehepaar zeigte, waren die nicht sonderlich beeindruckt. Die Frau schaute ihn nicht einmal an, der Mann brabbelte etwas von Champignon. Kauend an einem Brötchen dachte er wohl gerade vor allem ans Essen.

Dieser Zitterling wird als ungiftig, ungeniessbar bis essbar beschrieben. Geschmack habe er keinen. Suppen verleihe er Textur. Immerhin. In China, wo er auch vorkommt, wird er als immunstimulierend angewendet.

Der Pilz kann bei Trockenheit in sich zusammenfallen. Bei Feuchtigkeit findet er wieder zur alten Frische. Bis siebeneinhalb Zentimeter breit und bis fünf Zentimeter hoch kann er werden. So gesehen war mein Fund eher klein. Ein winziges Flämmchen, von dem keine Waldbrandgefahr ausgeht. Im Gegenteil. Bei mir aktivierte der Goldgelbe Zitterling die Glückshormone, was mich dort am Waldrand auch ganz ohne zu Essen lebendiger werden lies.

Jörg Niederer

Montag, 30. März 2026

Zuhause verirrt

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Jörg Niederer vor den Gebäuden der Vorstatt Chele Bottenwil, die sich zwischen Friedhof und Uerke finden.
Foto © Jörg Niederer
"Die EMK Vorstatt Chele Bottenwil ist eine aufgestellte, lebensnahe, christliche Gemeinde mit einem Altersspektrum von jungen Familien bis zu aktiven Senioren." Selbstbeschreibung der Evangelisch-methodistischen Kirche Bottenwil

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Bottenwil. Eines nachts war ich auf dem Hügelzug zwischen Wiggertal und Uerkental mit dem Mountainbike unterwegs. Damals wohnte ich in Strengelbach und meinte, die Gegend zu kennen wie meine Hosentasche. Es war die Zeit, als noch keine Federung die geländegängigen Zweiräder praxistauglicher erscheinen liessen. Auch war es stockdunkel und der Wald sah so ganz anders aus als bei Tag. Nun ist es aus wildbiologischer Sicht und auch sonst nicht besonders klug, in der Nacht herumzubiken, aber damals wusste ich das noch nicht besser. Irgendeinmal entschied ich mich, wieder heimzufahren. Ich fuhr den Berg hinunter, so rasant, wie das möglich war – und landete in Bottenwil. Das war nun definitiv die total falsche Richtung. In solchen Momenten ist man jeweils müder als wenn alles richtig gelaufen wäre, und so kämpfte ich mich frustriert die steile Strasse 150 zusätzliche Höhenmeter hinauf, um dann auf der richtigen Seite wieder hinunter zu fahren.

Bottenwil. Das war das Ziel der Etappe auf dem Kapellenweg, welche meine Frau und ich am vergangenen Samstag von Moosleerau her unter die Füsse genommen hatten. In Bottenwil gibt es zur Abwechslung mal wieder eine aktive Gemeinde der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK). Noch vor 20 Jahren gehörten zu diesem Kirchenbezirk auch die Kapellen in Staffelbach und Uerkheim. Diese sind zwischenzeitlich verkauft und werden anders genutzt. Dazu dann in späteren Beiträgen mehr. Denn die Umnutzung der beiden kirchlichen Gebäude ist originell. Soviel sei verraten: Es geht dabei um Holz und Stoff.

Zurück zur EMK in Bottenwil. Im Jahr 2018 wurde die Kapelle umgebaut und mit einem freistehenden Wohnhaus erweitert als "Vorstatt Chele Bottenwil" eingeweiht. Der neue Kapellenanbau ist originell mit Holzlatten verkleidet. Das Wohnhaus steht unmittelbar an der Uerke. Erstmals wohnte an diesem Ort auch der Gemeindepfarrer. In der Planungsphase, die sehr lange dauerte,  ich weiss davon, weil ich damals im Bau- und Verwaltungsausschuss der Kirche mitdiskutierte  wurden verschiedene Ausbaumöglichkeiten ins Auge gefasst und teilweise oder auch ganz wieder verworfen. Naheliegend, dass dieser Prozess nicht ganz ohne Spannungen abgelaufen ist. Entstanden sind grosszügige Räumlichkeiten für den Gemeindealltag.

Einige Zeit lang fanden sogar die Beisetzungsfeiern der politischen Gemeinde offiziell in dieser Kapelle statt, liegt doch der Friedhof direkt gegenüber auf der andern Strassenseite.

Heute treffen sich an diesem Ort so 35 Erwachsene und 15 Kinder im sonntäglichen Gottesdienst. Also durchaus eine lebendige Gemeindearbeit. Aktuell ist auch eine 20%-Stelle in der EMK Vorstatt Chele Bottenwil offen für eine Mitarbeiter:in Administration.

Jörg Niederer

Sonntag, 29. März 2026

Liebevoll den Weg bereiten

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28 Millionen Jahre alte Versteinerung eines Fächers der Sabal-Palme, gefunden in Ebnat-Kappel.
Foto © Jörg Niederer
"Aus vielen Gefahren hat Gott sie gerettet. Sie aber widersetzten sich hartnäckig seinem Plan und verstrickten sich immer tiefer in ihre Schuld." (Bibel: Psalm 106,43)

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Zu Palmsonntag passt die Palme. Im Botanischen Garten von St. Gallen habe ich diese Versteinerung einer Fächerpalme entdeckt. Sie ist 28 Millionen Jahre alt. Mich erinnert sie an den Versuch von Menschen, den Weg Gottes vorzuzeichnen und ihn in die Rolle eines politischen Befreiers zu pressen. Doch letztlich ist es Gott, der unsern Weg bestimmt, und das schon länger, als es Palmen gibt.

Eine Geschichte: Die kleine Spinne sass im Waschbecken. Jemand anderes hätte sie einfach runtergespült. Ich aber liebe Spinnen. So versuchte ich sie vorsichtig aus dem Gefahrenbereich zu entfernen. Doch die Spinne floh meine Hand und sprang in die Dusche. Wieder versuchte ich sie mit den Händen zu fassen. Es gelang, doch Augenblicke später seilte sie sich an seidenem Faden ab  mitten in die WC-Schüssel. Irgendwie wollte sich das kleine Tier einfach nicht retten lassen. Ich versuchte es ein drittes Mal mit einem Papierfetzen, und nun blieb die Spinne endlich ruhig, sodass ich sie in einer Blumenvitrine wieder ihrer eigenen Gefahreneinschätzung überlassen konnte.

Auch ich bin wie die kleine Spinne. da rettet mich eine liebevolle Hand aus der einen Patsche, und ich weiss nichts besseres zu tun, als im nächsten Fettnapf zu landen. Sonntag bedeutet, einfach einmal der Fürsorge des liebenden Gottes zu vertrauen. Selbst kann ich mir nicht helfen. Es ist dieser Gott, der wirklich befreit. Wo er einen Menschen hinstellt, da ist man am sicheren Ort.

Jörg Niederer

Samstag, 28. März 2026

So sieht es aus

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Primeln im Schnee beim Plättli-Zoo Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer

"Die liebe Erde hat ihr Winterkleid abgelegt..."
Ludwig Tieck (1773-1853) - oder doch eher wieder "angelegt"!

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Als hätte der Gärtner Styropor über die Primeln gestreut. Der Schnee, der in Frauenfeld gefallen ist, weist eine Konsistenz auf zwischen Flocke und Hagel. Die Primeln halten dem kalten Granulat still, warten ab, bis wieder der Frühling die Oberhand gewinnt. Lange dauert es nicht, doch heute ist es noch einmal so richtig kalt.

Jörg Niederer

Freitag, 27. März 2026

Linde(n)-Gedanken

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Blick hoch zu den Ästchen der Linde von Moosleerau.
Foto © Jörg Niederer
"Er hält sich selbst nicht für einen mutigen Menschen. Er wagt es nicht, vielleicht aus Scham, über sich selbst nachzudenken." Jörg Steiner, in: "Olduvai". Geschichten. Berlin 1985

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Die Linde von Moosleerau steht am Dorfeingang, mächtig und ausladend. Ich setze mich auf die Bank darunter, schaue hoch in die Äste, in den Himmel. Die äussersten Zweige bilden ein filigranes Netz, das sich besonders gut vor dem hellblauen Oben abzeichnet. Ich staune. Denke ich an etwas, während ich hochblicke? Denke ich über mich nach? Ich weiss nicht mehr, was mir dort unter der Linde durch den Kopf gegangen ist.

Die Linde von Moosleerau.
Foto © Jörg Niederer
In meinem Rücken der meterdicke Stamm. Da komme ich nicht so schnell ins Wanken. Da könnte ich auch mutig über mich selbst nachdenken. Immer wieder schaue ich hoch in die Baumkrone. Die Zweiglein gleichen sich verästelnden Nervenzellen eines Gehirns. Denkt die Linde mit ihrer Baumkrone? Meine Nervenzellen zeichnen auf, speichern Eindrücke, Gesichter, Geräusche, Gerüche, Gefühle. Alles ist hellwach unter der Linde.

Dann stehe ich auf, gehe weiter, lasse die Linde in ihrem Nachsinnen stehen, entschwinde ihrer Wahrnehmung.

Jörg Niederer

Donnerstag, 26. März 2026

Was ist hier falsch?

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Bei der Kiesgrube Kulmerauer Allmend ist die Dampffahne des Atomkraftwerks Gösgen-Däniken gut zu sehen.
Foto © Jörg Niederer
"Die Antwort für Energiesouveränität, Verlässlichkeit, Wertschöpfung vor Ort und günstige Strompreise ist längst erfunden und heißt erneuerbare Energien – das weiß jedes Kind." Julia Verlinden, deutsche Umweltwissenschaftlerin und Politikerin (*1979)

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Ich stehe unweit der Kiesgrube Kulmerauer Allmend. Hoch über Walde und Bohler, an einem Ort, an dem man erwartet, dass sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, fährt so alle drei Minuten ein Kipper die steile Betonstrasse hinauf oder hinunter. Kies aus der Grube wird ins Werkareal Bohler transportiert und dort zu Beton verarbeitet. Bei der Kiesgrube handelt es sich um eine wandernde Baustelle. Auf der einen Seite wird sie erweitert, auf der anderen Seite wird renaturiert. Es entsteht eine grossräumige Sekundärlandschaft. 

Von meinem Standort ist weder die Kiesgrube noch die Creabeton auf dem Bohler zu sehen. Zu sehen ist etwas anderes, das die letzten Monate weg war: Die Dampffahne aus dem Kühlturm des Atomkraftwerks Gösgen-Däniken. Zehn Monate stand das AKW still. Doch seit zwei Tagen ist es wieder in Betrieb. Es mag nun Menschen geben, die sagen: Daran ist nichts falsch, ausser dass der Betriebsstop so lange gedauert hat. Offensichtlich reichten Teile des Speisewassersystems nicht aus für einen sicheren Betrieb, und das schon viele Jahre. Es brauchte neue Ventile. Damit fielen 12% der schweizerischen Stromerzeugung ausgerechnet über die Wintermonate weg. Der Stromausfall kostet nun die Aktionäre insgesamt 500 Millionen Schweizerfranken.

Vor neun Jahren beschloss das Stimmvolk der Schweiz den Ausstieg aus der Kernenergie. Nun scheint der Wind zu drehen. Es wird wieder über neue Kernkraftwerke spekuliert. Scheinbar sei eine Mehrheit der Schweizer:innen dafür. Dahinter steht die Frage, ob es beim Ausbau der erneuerbaren Energien schnell genug vorangehe. In der Abstimmung von 2017 wurde nicht die Abschaltung der bestehenden Atomkraftwerke beschlossen, solange diese sicher betrieben werden können, sondern nur der Bau von neuen Werken verboten. Neue AKWs machen für die Erreichung der Klimaziele auch keinen Sinn, dauert die Bauzeit doch viel zu lange und die Wirkung auf die Verringerung des CO2-Ausstosses der Schweiz käme zu spät. Zudem zeigen Bauprojekte im Ausland, dass neuen AKWs kaum zu finanzieren sind. Das sind die wirtschaftlichen Gründe gegen einen Ausbau der Kernenergie. Nach wie vor ungeklärt ist die Entsorgung radioaktiver Abfälle und die zwar geringe, aber nicht ganz auszuschliessende Gefahr eines schweren Unglücks in der dichtbesiedelten Schweiz. An all dem ändert auch die Hoffnung auf neue Kleinreaktoren und weitere Technologiefortschritte nicht viel. Bei der Kernkraft wird, so könnte man sagen, der Teufel mit dem Beelzebul ausgetrieben. Das eine Übel ersetzt das andere.

Vielleicht ist es nicht falsch, dass die verbliebenen vier Kernkraftwerke noch länger in Betrieb bleiben. Das überbrückt die Zeit bis ins Jahr 2050. Bis dann sollte die Schweiz klimaneutral sein und ihren Energiebedarf ausschliesslich aus erneuerbarer, CO2-freier Energie decken. Ich werde das wohl nicht mehr erleben genauso wenig wie den Bau eines sicheren Atomendlagers. Versprochen hat man letzteres vor einem Menschenleben. Damit ist die Atomsicherheit so etwas wie eine Lebenslüge. Was also ist hier falsch?

Mittwoch, 25. März 2026

Der Flugsaurier im Ruedertal

Ein Zitat

Die ehemalige Evangelisch-methodistische Kirche in der Heggelen Schmiedrued. Einmal von oben, einmal mit Jörg Niederer von unten.
Foto © Jörg Niederer
"Der Pfarrer, der aus städtischen Landen kommt und zuständig ist für seine freie Kirche im Bezirk Kulm, lacht viel. Die Gemeinde weniger." Zitat aus einer Reportage im Tagi-Magazin 40/1995 über die Evangelisch-methodistische Kirche Schmiedrued

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Gestern ging es auf der Kapellentour weiter, von Schlierbach via Schmiedrued nach Moosleerau. In Schmiedrued steht in der Heggelen die ehemalige Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche. Das ist in jenem Tal, in dem der Schriftsteller Hermann Burger wirkte. Es ist eine sehr ländlich geprägte Region. Hier geschah es, dass ein Journalistenduo vom "Das Magazin", der Beilage des Tagesanzeigers, sich ein Bild machen wollte von der ländlich-konservativen Talschaft. Peer Teuwsen (Text) und Reto Klink (Fotos) erkundeten "Das Hinterland des Mittellands" – so der Titel der Reportage – eine gute Woche lang. Nebst vielen Ortsansässigen wollten die beiden auch einen Gottesdienst einer Freikirche miterleben. Wir Methodisten wurden ausgewählt. Es war im Sommer. Die Gemeinde war informiert über den Besuch. Ich hatte das Vergnügen, die Predigt zu halten, und natürlich wollte ich die Erwartungen und klischeehaften Vorstellungen der beiden Journalisten nicht erfüllen. Also predigte ich so, wie ich glaubte, dass sie es nicht erwarten würden. Später stand dann über diesen Gottesdienst folgendes in der Reportage (Das Magazin 40/1995): "Das gute Dutzend Besucherinnen und Besucher des Gottesdienstes zieht, die Drohungen des Alters im Rücken, mit scheuem Seitenblick an der Tafel [der Kranken und Betagten] vorbei. Pfarrer Niederer, gewandet in einem roten Veston, sagt, diese seine Gemeinde im Ruedertal sei am Aussterben. Aber schon füllt das Harmonium die Kapelle der evangelisch-methodistischen Kirche zu Schmiedrued mit Schwerem: 'Und in ew'gen Lichtgewanden der Verklärung wandelt er.' Der Chor ist schwach, aber der junge Pfarrer singt für zehn. So gestärkt hebt er an für die Predigt. Der Pfarrer erzählt die Geschichte vom Flugsaurier, der kürzlich in seinem Garten stand und sich das Grün des Rasens einverleibte. Wie vom Himmel geworfen, aus einer anderen Zeit. Ungläubige Gesichter. Und dann spricht er in die Mitte seiner Gemeinde: 'Aber wenn ihr mir diese Geschichte nicht glaubt, warum glaubt ihr denn an die Auferstehung Jesu Christi?'"

Im weiteren Verlauf habe ich dann meine Antwort auf diese Frage zu geben versucht.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie nach dem Gottesdienst der Fotojournalist unglaublich nervös war, als er mit zitternden Händen die Grossformatkamera aufstellte, und dann das Schwarzweissfoto aufnahm, das im besagten Artikel abgedruckt ist. Die meisten Menschen, die darauf zu sehen sind, leben nicht mehr. In fast jedem ihrer Häuser im Ruedertal war ich. Eine dieser Frauen hat mir vor diesem Gottesdienst gesagt: "Die Journalisten wollen uns Frommen doch nur in die Pfanne hauen".

Die Gemeindearbeit wurde später wirklich beendet. Doch die Kapelle steht immer noch. Sie ist auch noch mit "Evangelisch-methodistische Kirche" angeschrieben. Gekauft hat sie ein Harmonium-Liebhaber. Er wollte zuerst nur die drei Harmonien erstehen, die dort herumstanden. Doch dann entschloss er sich, hier ein Harmonium-Museum einzurichten, und kaufte das Haus gleich mit. Ob es das Museum wirklich auch gegeben hat, weiss ich nicht. Viel mit dem Haus anfangen konnte er nicht. Es steht ausserhalb der Bauzone. Abreissen kommt nicht in Frage. Seit meinem letzten Besuch vor einigen Jahren wurde die Eingangspartie neu gestrichen. Sonst sieht es noch so aus wie damals, vor 30 Jahren. An manchen Orten bleibt die Zeit halt stehen. Fast könnte man hier auf den Flugsaurier warten. Oder auf die Auferstehung.

Jörg Niederer

Dienstag, 24. März 2026

Schlammbach im Luzernischen

Ein Zitat

Altes Gemäuer im Zentrum der Gemeinde Schlierbach, Kanton Luzern.
Foto © Jörg Niederer
"Cool, der nächste Bus kommt in 2 Stunden!"

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Schlierbach, Kanton Luzern grenzt an Schmiedrued, Kanton Aargau. In Schmiedrued war ich einst als Pfarrer tätig. Schlierbach war mir dennoch bis vor drei Tagen absolut unbekannt. Heute werde ich von hier aus auf meiner Kapellentour weiterwandern. Das geht, weil das Postauto den kleinen Ort auf dem Hügelzug östlich des Surentals (erst!) seit dem Jahr 1979 erschliesst. Sehenswürdigkeiten gibt es da nicht gerade viele. Da wäre die Sägerei und eine in römische Zeit datierende Fundstelle. Das wäre es dann auch schon gewesen. Was es mit dem alten Gemäuer auf dem Foto auf sich hat, es steht im Zentrum des Dorfs, habe ich nicht herausgefunden. Ein Schulhaus gibt es seit 1809. Die Gemeinde selbst besteht erst seit 1844. Damals wurden die Orte Schlierbach, Etzelwil und Wetzwil zur Gemeinde Schlierbach zusammengefasst. Telefonieren kann man in Schlierbach seit 1907, mit Elektrizität erschlossen ist der Ort seit 1912. Es gibt auch ein Restaurant mit prächtiger Aussicht.

Solche Orte wie Schlierbach finden sich einige in der Schweiz. Orte, die für die Menschen, die dort leben, von Bedeutung sind. Alle anderen fragen sich, wie man an so einem Ort überhaupt lange bleiben kann. Wenigstens hat es einen Volg-Einkaufsladen. Neben seiner auffälligen Front muss man den Zugang zur Gemeindeverwaltung, sie befindet sich im selben Gebäude, richtiggehend suchen.

Für Wandernde wichtig: Sind das Gemeindehaus und das Restaurant zu, sieht es schlecht aus mit öffentlichen Toiletten. Warum ich das weiss? Dreimal darfst du raten.

Der frühere Schlierbach heisst heute Weierbach und fliesst im Risitobel ums Dorf herum. Schlierbach bedeutet: "Schlammbach". Das Dorf erbte später diesen etwas unvorteilhaften Namen. Auch das ist irgendwie überraschend.

Jörg Niederer


Montag, 23. März 2026

Schlechtes für Gutes

Ein Zitat

Der unverlangt zugesandte, 85 Gramm schwere, aus Kunststoff bestehende Multifunktionsöffner, der mich zum Spenden motivieren soll.
Foto © Jörg Niederer
"Wenigstens unser Plastikmüll reist auch dieses Jahr wieder ans Meer!" Aurel Mertz (*1989)

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Ich habe mir eine Woche Bedenkzeit genommen um abzuklären, ob ich diesen Blogbeitrag schreiben will. Denn ich finde es wichtig, was ZEWO-zertifizierte Vereine und Verbände wie der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) für Menschen tun, die Hilfe benötigen. Das gilt erst recht, da ich selbst eine fast blinde Mutter habe.

Doch was ich auf den Tod nicht ausstehen kann, ist, wenn mir mit der Spendenaufforderung irgendwelches Zeugs zugesandt wird, das ich gar nicht brauche. Und da hat der SBV mit der letzten Aussendung den Vogel abgeschossen.

Im Couvert befand sich der auf dem Foto zu sehende "praktische Multifunktionsöffner". 85 Gramm nicht genauer deklarierten Kunststoffs.

Da versuche ich im Alltag möglichst auf Kunststoffverpackungen zu verzichten, habe immer eine Tasche dabei, damit ich nicht jedes Mal im Laden einen neuen Plastikbeutel nehmen muss, verzichte weitgehend auf Autofahrten wegen des dadurch anfallenden Mikroplastiks von den Autoreifen (und auch wegen des CO2-Ausstosses), und dann dies! Vielleicht ist dieses Ding praktisch, aber ich brauche es einfach nicht und ich möchte es auch nicht zugesandt erhalten.

Wenn ich mir vorstelle, dass dieser Multifunktionsöffner vielleicht an 100'000 Adressen versandt wurde (vermutlich sind es aber noch weit mehr), dann sind das 8,5 Tonnen Kunststoff, produziert wohl irgendwo in China. Wenn ich annehme, dass mehr als die Hälfte der Haushalte, die das Ding zugesandt bekommen haben, damit nichts anfangen können, dann wurden wohl 5 Tonnen Kunststoff für die Müllhalde produziert. Weiter gehe ich nicht davon aus, dass dieses Teil, wenn es von mir auf eigene Kosten zum SVB zurückgesandt wird, dort in anderem Zusammenhang verwendet werden kann. Solche Restbestände wandern früher oder später auch in den Abfall.

Weiter mag ich es gar nicht, dass man mich mit solchen Geschenken zu ködern versucht. "Die haben mir etwas geschenkt, dann muss ich doch auch etwas spenden." Wie gesagt, diese Praxis verfolgt nicht nur der BVB, sondern unzählige Verbände und Organisationen. Aber das Zugesandte mag noch so nützlich sein, ich möchte es nicht und brauche es meist auch nicht. Was nützen mir 300 Kugelschreiber, die austrocknen, während ich den einen zum Schreiben verwende? Auch Schlüsselanhänger habe ich schon genug, und seien sie noch so schillernd. Post-It-Blöckchen reichen mir für den Rest meines Lebens, genauso wie die Glückwunsch- und Trauerkarten mit Couverts.

Ab sofort werde ich keiner Spendenaufforderung mehr nachkommen, die begleitet wird von irgend einem unverlangt zugesandten materiellen Geschenk. Ich mache bei diesem üblen, Ressourcen verschwendenden Spiel nicht mehr mit.

Und nun die Frage an euch: Wie habt ihr es so mit den Bettelbriefen und diesen "Geschenken"?

Jörg Niederer

Sonntag, 22. März 2026

Der Buchstabe des Gesetzes

Ein Zitat

Die Pfarrkirche Bruder Klaus in Emmenbrücke gleicht in ihrer Formgebung mitunter der Silhouette des Luzerner Hausbergs Pilatus.
Foto © Jörg Niederer
"Jetzt aber sind wir frei geworden vom Gesetz, dem gestorben, woran wir gebunden waren, sodass wir in der neuen Wirklichkeit des Geistes dienen, nicht mehr in der alten Wirklichkeit des Buchstabens." (Bibel, Römer 7,6)

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Zum Foto: Die Pfarreikirche Bruder Klaus in Emmenbrücke ist als schützenswert eingestuft. Der Baustil folgt der Formensprache des Dekonstruktivismus. Architekt Hans Zwimpfer (1930-2017) schuf mit Hilfe von gefalteten Dachelementen auf Stahlstützen einen Bau, der in seinen Formen mitunter an die Silhouette des Luzerner Hausbergs Pilatus erinnert.

Zum Bibelvers: Wenn ich hier das Wort "Buchstabe" – auf griechisch "gramma" – lese, erinnere ich mich daran, wie schwer ich mich früher in der Schule mit der Grammatik, mit den Regeln und Geboten der Sprache getan habe. Zwar erschlossen mir die Buchstaben die Welt der Literatur, doch zugleich zwängten sie mich ein in das Korsett von Rechtschreibung, Syntax und Sprachlehre.

Diese doppelte – negative und positive – Erfahrung ist auch dem Gesetz eigen. Gedacht, um das Leben der Menschen miteinander zu ermöglichen, wurde es zu einer einengenden, beschneidenden Instanz. Einleuchtendes wurde zur Pflicht gemacht.

Peter Bichsel beschreibt in einer Kolumne, wie er enttäuscht war darüber, dass in den USA der selbstverständliche Umgang mit Behinderten begründet wurde mit der Aussage: "Es ist Gesetz". Das Gute kann doch nicht befohlen werden. Das Gute ist nur gut, wenn der Geist uns dazu anleitet.

Heinrich Böll erzählt in der Geschichte "Mein trauriges Gesicht", wie ein Mann, der betrübt in die Welt blickte, verhaftet wurde. Auf die Frage, was er verbrochen habe, wurde ihm geantwortet: "Es gibt ein Gesetz, das verlangt, dass sie glücklich zu sein haben". Bei der Einvernahme stellt sich der Verhaftete als Vorbestrafter heraus, der nach fünfjähriger Haft gerade entlassen worden war. Gefragt nach seinem damaligen Delikt antwortete er: "Glückliches Gesicht". Das war in einer Zeit, als per Gesetz Trauer befohlen gewesen war. (Heinrich Böll, Romane und Erzählungen 1, 1947-1951, Köln S. 269-275)

Es ist schon so: Der Buchstabe des Gesetzes steht nicht im Alphabet. Schon gar nichts zu tun hat er mit der frohen, geistgewirkten Botschaft der Bibel.

Jörg Niederer

Samstag, 21. März 2026

Caribbean Village in 6207

Ein Zitat

Ein Gebäude des Caribbean Village direkt an der Bahnlinie in Nottwil leuchtet unwirklich farbig über dem Thujahag.
Foto © Jörg Niederer
"Der Zustand der gesamten menschlichen Moral lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: We ought to. But we don't." Kurt Tucholsky (1890-1935)

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Postleitzahl 6207. Diese Zahl ist vielen auf Rollstühle angewiesenen Menschen gut bekannt. Hier in 6207 Nottwil befindet sich das Schweizer Paraplegiker-Zentrum. Gestern kam ich auf einer Überführungsetappe der Kapellentour daran vorbei. Zuvor viel mir aber dieses bunte Haus auf, das direkt an der Bahnlinie über die Thujahecke hervorlugt. Es gehört zum Caribbean Village. Das scheint ein beliebte Ausgehmeile am Sempachersee zu sein. Noch ist dort für 6 Tage Winterpause. Durchgehend rollstuhlgängig scheint das Caribbean Village nicht zu sein. Und das an einem Ort, an dem das Rollstuhlaufkommen schweizweit sehr hoch (wenn nicht am Höchsten) ist.

Jörg Niederer

Freitag, 20. März 2026

Der Schatten der Platane

Ein Zitat

Eine Platane wirft ihren Schatten auf den Autoparkplatz des Denners in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Der morgendliche Auto-Stau: Man muss immer früher starten, um zu spät zu kommen!" Willy Meurer (1934 - 2018)

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Jahr für Jahr werden sie bis auf die Stümpfe zurechtgestutzt: die Platanen. Nur wenige Jahrestriebe lässt man ihnen. So entstehen diese an die Arme der Oktopusse erinnernden Schattengebilde. Erstaunlich, dass die Bäume das mit sich machen lassen.

Mir wäre es lieber, man würde den motorisierten Individualverkehr, diese Flut an Privatautos, zusammenstutzen, statt diese armen Bäume. Das Leben wäre ruhiger, sicherer, natürlicher. Aktuell wäre die perfekte Gelegenheit bei der massiven kriegsbedingten Ölknappheit, statt über die steigenden Benzinpreise zu lamentieren, Entscheide zu treffen, durch die Autofahren unattraktiver gemacht wird.

Ja, ich gebe es zu: Jeder Autostau freut mich. Man sollte sie künstlich herbeiführen. Ich bin ein Autohasser. Ich glaube, es gibt Schlimmeres. Etwa extrem zurechtgestutzte Platanen auf einem Autoparkplatz.

Jörg Niederer

Donnerstag, 19. März 2026

Kanzellandschaften

Ein Zitat

Hinter Kanzeln finden sich oft, verborgen vor den meisten Gottesdienstbesuchenden, ungeahnte Schätze.
Foto © Jörg Niederer
"Es dreht sich alles um Lirum, Larum, / um Lirum, Larum Löffelstiel, / Alles in allem, es war nicht viel." Theodor Fontane (1819-1898)

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Der März ist mein Predigtmonat. An jedem Sonntag bin ich in einer anderen Gemeinde, um dort die Verkündigung mitzugestalten. Da komme ich also auf so manche Kanzel und erblicke, was den meisten Gottesdienstbesuchenden verborgen bleibt. Das, was sich so auf Kanzeln sammelt. Was abgesehen von den Rednerpulten, die keinen Stauraum aufweisen, fast überall zu finden ist: Ein Gesangbuch, eine Bibel, oder auch mal zwei. Ebenfalls ausgesprochen häufig liegen da Streichhölzer. Weiter finden sich Zettel mit Gottesdienstabläufen oder Mitteilungen früherer Sonntage. Je nach Kinderschaar im Gottesdienst kann es auch schon einmal zerknülltes und bemaltes Papiere oder angelutschte Bonbons haben, sind doch Kanzeln ausserhalb der Gottesdienstzeit willkommene Verstecke für die Kleinen. Das heisst aber nicht, dass ich dort je einmal ein beim Versteckspiel vergessenes Kind gefunden hätte. Gelegentlich steht da auch ein Glas mit abgestandenem Wasser, oder es finden sich gebrauchte und ungebrauchte Masken aus der Coronazeit. Auch Technisches ist hier verborgen. Die Schalter für die Lichtorgel oder fürs antiquierte Mikrofon, beziehungsweise die Schalthebel für die Hörschlaufe. Eher ungewohnt in evangelischen Kirchen sind die Räucherutensilien, der Weihrauch, die entsprechenden Gefässe, die Ikone. Doch auch das kann es geben, wenn im Raum eine orthodoxe Migrationsgemeinde eingemietet ist. Auch schon finden kann man Couverts mit Geld. Dabei handelt es sich meist nicht um Bestechungsgelder für kürzere Predigten, sondern um die versprochene Gage der Sonntagsrednerin oder des Sonntagsredners. Mögliche Kollektendiebe tun daher gut daran, auch auf den Kanzeln nach Devisen zu suchen. Sie müssen ja die dazugehörige Quittung nicht unterschreiben.

Faszinierend sind auch die Sitzmöglichkeiten und die je nach dem gestaltete Barrierefreiheit. Ich bin in meinen 40 Jahren Verkündigungsdienst in Kirchen mehr als einmal, statt würdevoll die Kanzel zu besteigen, dort hinaufgestolpert. Gelegentlich steht dann der Thron des Predigers mit den hinteren beiden Stuhlbeinen haarscharf am Rand des mehr oder weniger hohen Podest, was das unerwartet hohe Unfallrisiko von Pfarrpersonen erklärt. Der Heilige Gral, wie er auf dem Foto dieser Kanzelrückseite zu entdecken ist, gehört schon eher zu den Ausnahmen bei den Kanzelausstattungen. Auch Wein habe ich in den meist abstinenten Methodistenkirchen noch nie gefunden. Anders bei angebrochener Schokolade oder Pralinen. Die nehme ich dann jeweils mit. Ich will ja nicht, dass sie dort zu schmelzen beginnt, wie die Gefühle der Kanzelschwalbe bei der Ansprache.

Kanzellandschaften haben also, wie man so sieht, einiges zu bieten. Schaut doch mal bei euch im Gottesdienstraum nach, was ihr dort an Verschollenem und Brauchbarem entdecken könnt!

Jörg Niederer

Mittwoch, 18. März 2026

Predigtplatz im Nirgendwo

Ein Zitat

In einem unscheinbaren Wohnhaus in der Agglomeration von Luzern befand sich einst ein methodistischer Predigtplatz.
Foto © Jörg Niederer
"Mir ist es nur selten gelungen eine Gelegenheit wahrzunehmen, bevor es keine mehr war." Mark Twain (1835-1910)

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Ein Wohnhaus, wie es viele gibt. Auf zwei Stockwerken vier Wohnungen. Der Ort, irgendwo im weiteren Umfeld der Stadt Luzern. Hier stehen nur noch wenige ältere Häuser, wie dieses. Rundherum sind markante Wohnüberbauungen entstanden. Der Dorfkern ist nicht fern. Ein Coop, einige kleinere Läden, ein Bistro, eine Baustelle, nichts besonderes.

In diesem Wohnhaus in einer der Wohnungen befand sich einst ein Predigtplatz der Evangelisch-methodistischen Kirche. Den Raum zur Verfügung gestellt hatten Privatpersonen. Das ist, wie auch die Arbeit in Luzern (Siehe Beitrag vom 12. März 2026), längst Geschichte.

Dass es wirklich auch so war, davon kann man in Verzeichnissen älterer Konferenzverhandlungen lesen. Die so genannten "Jährlichen Konferenzen" findet bis heute jährlich einmal während 3-4 Tagen statt. Dann wird auch Buch geführt, eine Statistik der Mitglieder erhoben und die Wirkorte festgehalten. Auf dem Arbeitsfeld Luzern gab es im Jahr 1981 nebst der Kapelle in Luzern noch vier weitere Orte des Wirkens. Weitherum in der Schweiz traf man sich in Schulhäusern, auch Gemeindehäusern, in Hotels und Restaurants, in Altersheimen, in Fabriken und Verwaltungszentren und eben auch in Privathäusern. Nach und nach sind diese "Aussenstationen" verschwunden. Die Zeiten haben sich geändert. Es geht nicht mehr darum, in jedem grösseren Dorf eine kleine Glaubensgemeinschaft zu unterhalten. Kräfte werden gebündelt, die Kirche konzentriert sich auf wenige zentrale Standorte. Die Mobilität macht es möglich. Nicht mehr der Prediger, die Predigerin reisen zu den Gläubigen. Es sind die Gläubigen, die zu den Kapellen reisen, auch einmal 50 Kilometer, mit dem Privatauto oder dem öffentlichen Verkehr.

Geblieben sind mancherorts die Hauskreise. Diese finden immer noch in Privaträumen statt. Da treffen sich 5-10 Menschen zu Gesprächen über Texte der Bibel, über Kirche und Gesellschaft. Dazu braucht es selten eine Pfarrperson. Selbst ist heute die Christin, der Christ. Gut so.

Wie es weitergehen wird mit den Kirchen, mit der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz, wir werden es sehen. Leicht haben sie es nicht mehr.

Jörg Niederer

Dienstag, 17. März 2026

Street Art

Ein Zitat

Mit wenigen Kreidestrichen wurden aus den Kaugummispuren am Aufgang zum Bahnsteig 2 und 3 in Frauenfeld Karotten.
Foto © Jörg Niederer
"Zufriedenheit ist der Stein der Weisen, der alles in Gold verwandelt das er berührt." Benjamin Franklin (1706-1790)

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Die Kaugummispuren am Boden von Bahnhöfen sind eine Plage. Solange sie frisch sind, klebt man an ihnen fest. Alt geworden sehen sie scheusslich aus und sind nur mit hohem Reinigungsaufwand wieder loszuwerden.

So ist es auch am Bahnhof Frauenfeld, da wo man die Rampe hoch aufs Perron 2 und 3 geht. Einige der Kaugummiflecken sind tropfenförmig in die Länge gezogen, nachdem Personen auf sie draufgestanden sind, so dass die Masse in Gehrichtung gedehnt wurde.

Doch gestern entdeckte ich, dass da jemand kreativ geworden war. Mit wenigen Strichen und lediglich einer grünen Kreide hatte sie oder er aus den schwarzen Verschmutzungen Karotten gezaubert. So sieht Street Art und Verwandlung aus, im wahrsten Sinn des Wortes.

Jörg Niederer

Montag, 16. März 2026

Selbstironie vom Feinsten

Ein Zitat

Der fette Frosch auf dem Fröschenbrunnen an der Ecke Eugen-Huber-Strasse/Friedhofstrasse in Zürich-Altstetten erinnert an alte Zeiten.
Foto © Jörg Niederer
"Man muss viele Frösche küssen, bis man einen Prinzen findet." Sprichwort

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Was für ein fetter Poser von einem Frosch! Dieser an eine Karikatur erinnernde Quaker steht für die Einwohner:innen von Zürich-Altstetten. Einst nannte man sie liebevoll (!) "Frösche", weil sie zwischen der Limmat und dem Ried von Albisrieden siedelten. Auf dem Kartenausschnitt von Swisstopo aus dem Jahr 1885 sind die Sumpfgebiete nördlich und südlich von Altstetten gut zu erkennen.

Ausschnitt aus der Swisstopo-Karte von 1885.
© Data: swisstopo
Der Bronzefrosch (hier ein Foto von 1934) wurde vom Zürcher Künstler Salvatore Francesco Romerio erstellt. Pikantes Detail: In Auftrag gegeben wurde die Arbeit 1933 vom letzten Gemeinderat von Altstetten anlässlich der Eingemeindung in die Stadt Zürich. 

Das nenne ich mal Selbstironie vom Feinsten. In Altstetten kann man über sich selbst lachen. Was einst als Spotbezeichnung der Dorfnachbarn gemeint war, wurde für die Altstetter:innen zu einer stolzen Selbstbezeichnung. Solche Umdeutungen im Verlauf eines Emanzipations- und Widerstandsprozesses nennt man neudeutsch "Reclaiming".

2014 wurde diese Bronzefigur doch tatsächlich entwendet. Das empfand man in Altstetten. Die "Frösche" brauchten wieder ihre identitätstiftende Brunnenfigur. Und so wurde 2016 eine originalgetreue Kopie vom Bronzefrosch an Ort und Stelle aufgestellt.

Entdeckt habe ich den Brunnen gestern, als ich in der Methodistenkirche Altstetten predigen durfte.

Auch die Methodist:innen kennen sich aus mit dem sogenannten Reclaiming. Was eins eine Spottbezeichnung der andern war, ist längst zu einer stolzen Selbstbezeichnung einer weltweiten Kirche geworden. Einige Mitglieder dieser Kirche haben sich gleich doppelt ironisch zurechtgefunden. Sie sind Frösche und Methodist:innen zugleich. Gut, dass es solche Menschen gibt.

Jörg Niederer 

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