Samstag, 21. Februar 2026

Viva l'Espresso di Tesserete!

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Der versteckte und etwas düstere Eingang ins Ristorante-Bar Storni in Tesserete.
Foto © Jörg Niederer
"Mit gerade einmal der Hälfte des Budgets liesse sich noch eine rudimentäre, aber einigermassen vernünftige Information für alle vier Landesteile aufrechterhalten. Mehr nicht." Jacqueline Badran zur Halbierungsinitiative in der Sonntagszeitung vom 15. Februar 2026

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Ist das wirklich der Eingang ins Ristorante Storni in Tesserete. Während ich noch zweifle, kommt eine Lieferantin mit Kisten und blinzelt mir aufmunternd zu, die Tür für sie und mich zu öffnen. Weiter geht es durch einen dunklen, lichtlosen Flur dahin, wo die Geräusche herkommen. Die Gaststube ist schmal und gut besucht. An diesem Morgen, noch vor 9.00 Uhr, sind nicht viele Lokale geöffnet. Im Storni sitzen jüngere Menschen neben Pensionären. Ein Lebenskünstler mit lockigem Haar lächelt versonnen in die Welt. 

Ich bestelle bei der flinken Bedienung einen Espresso, und gehe dann auf die sauberen, etwas in die Jahre gekommenen Toiletten. Zurück am Tisch setzt sich ein älterer Herr mir gegenüber hin und beginnt sofort die Todesanzeigen in der lokalen Zeitung zu studieren. Seinen Kecks zum Kaffee überlässt er mir, fragt, ob ich in den Ferien sei.

Lange bleibe ich nicht. "Due franchi" sagt die Bedienung, als ich zahlen will. Nur zwei Franken, denke ich, wo gibt es denn sowas sonst noch. Sogar bei den Selbstbedienungsautomaten an den Bahnhöfen kommt man nicht unter CHF 3,80 weg, und in Restaurants kosten der Espresso schnell einmal fünf bis sechs Franken.

Ich gebe reichlich Trinkgeld. Als die Bedienung es merkt, vermutet sie einen Irrtum, will mir den geschenkten Franken zurückgeben. Ehrlich sind sie hier auch noch.

Auch wenn es nicht so aussieht, dieses Ristorante. Ich gebe ihm fünf Sterne.

Später lese ich, dass wir bei Annahme der Halbierungsintitative gerade einmal 35 Rappen sparen würden pro Tag. 6000 Arbeitsplätze stehen dabei auf dem Spiel und die SRG würde zu einem unbedeutenden Medium verkommen. Vernünftiger wäre es, wenn die Initianten für einen Maximalpreis von CHF 2.- pro Espresso Unterschriften gesammelt hätten. Da liegt mehr Sparpotential drin und es stehen offensichtlich weniger Arbeitsplätze auf dem Spiel, wie das Ristorante Storni in Tesserete mir vordemonstriert hat.

Jörg Niederer

Freitag, 20. Februar 2026

Auf den Mensch gekommen

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Ein mittelgrosser Mischlingshund begleitete mich zwischen Lelgio und Ranscea auf dem Fernwanderweg ViaGottardo.
Foto © Jörg Niederer
"Gleich wenn der Winter-Schnee auftauet und man den blossen Leib der Erde zum ersten mal wieder sieht, fängt diese Viel-Schönheit an..." Matthias Claudius (1740-1815)

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Plötzlich war er da. Auf der Höhe von Lelgio, da wo sich das Gehöft mit den neugierigen Ziegen befindet, stand er an meiner Seite. Der schwarze, mittelgrosse Hund mit dem einen hellen Bein sah ein bisschen so aus wie diese agilen Hirtenhunde, die geschickt ganze Schafherden dirigieren und treiben können. Ging ich voran, folgte er mir oder eilte neugierig herumschnuppernd voran. Ab und zu hob er das Bein. Blieb ich stehen, schaute er, was ich tat, kam zurück zu mir, wie als wollte er mich abholen. Er war sichtlich besorgt und ein vielfaches flinker als ich auf diesem ansteigenden Pfad. Bald machte ich mir Sorgen. Das Halsband war ein untrügliches Zeichen, dass er irgendwo da hinter mir ein Zuhause haben musste. Oder war er entlaufen und auf der Suche nach einem neuen Rudel. Was, wenn er mir bis Isone folgt, und dann ins Postauto springt? Würde man mir glauben, dass es nicht mein Hund ist, oder von mir verlangen, dass ich für ihn bezahle.

Die Aufmerksamkeit des Tieres tat gut, die stille Verständigung, seine wachsame freundliche Art. Dann war Zeit für einen kleinen Imbiss, da wo in Luera ein:e Anwohner:in in einem Kästchen am Wanderweg, direkt neben einer Gartenbank, den Fussreisenden kostenlosen Grappa offeriert. An diesem Ort überkam den Vierbeiner eine sichtliche Unruhe. Mehrfach setzte er sich hin und schaute hinunter ins Tal, an dessen Ende der Lago di Lugano blau zwischen den Bergen leuchtete. Fast etwas ärgerlich bellte der Hund ein einziges Mal, als wolle er die Seinen herbeirufen. Dann war er wieder weg. So sorgfältig er mich hinaufbegleitet hatte, so zielstrebig eilte er nun den Weg zurück, und verschwand bald schon meinen Blicken. Schade, dachte ich. Doch sogleich überkam mich auch eine gewisse Erleichterung. Der Hund hatte die Verantwortung für sein Leben wieder aus meiner Hand genommen. 

Jörg Niederer

Donnerstag, 19. Februar 2026

So kann's gehen!

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Der Monte Tamaro von Monte di Lago aus gesehen.
Foto © Jörg Niederer
"Eine Wolke kann die ganze Sonne verdunkeln." Sprichwort

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Am Dienstag floh ich vor dem garstigen Wetter ins Tessin. Dort legte ich ein mir noch fehlender Abschnitt auf der ViaGottardo zurück, und zwar von Tesserete hinauf zum Übergang bei Monte di Lago und via Mürécc hinunter nach Isone. Am Ausgangsort setzte ich mich bei der Bushaltestelle neben einem Paar in sauberen Winterschuhen auf die Bank. Gesprochen haben wir nicht viel. Irgendeinmal zogen sie von dannen, um kurze Zeit später mit dem Auto vor der Bushaltestelle anzuhalten. Wo ich hinwolle, haben sie mich gefragt und sogleich mitgenommen. Während der Fahrt erzählten sie mir, dass sie vorgehabt hätten etwas Sonne zu tanken, und sich als Ziel das Bergrestaurant des Monte Tamaro ausgesucht hatten. Doch oben angekommen fanden sie sich mitten in einem Sturm. Von Sonne und Fernsicht keine Spur, dafür umso mehr Fasnächtler:innen, die einen "Höllenlärm" veranstalteten. So schwebten sie mit der Gondelbahn wieder runter ins Tal. Als sie von unten dann hinaufblickten, leuchtete der Berg weiss und erhaben unter einem blauen Himmel. So kann es gehen mit dem Wetterglück.

Jörg Niederer

Mittwoch, 18. Februar 2026

Wieviel Nächstenliebe wollen wir uns leisten?

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Konfettischlacht an einem Fasnachtssamstag im Bahnhof Aarau.
Foto © Jörg Niederer
"In der Nächstenliebe gibt es kein Übermass." Francis Bacon (1561–1626)

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Mit dem Aschermittwoch endet die Fasnacht. Die letzten Konfettischlachten sind geschlagen, die Masken werden wieder an die Wand gehängt und Aschenkreuze auf Stirn und Hände gezeichnet.

Das ist ein untrügliches Zeichen dass ein Traditionsanlass in St. Gallen für den Tag nach Aschermittwoch vor der Tür steht. Der "Ethik-Talk in der Stadt"; in diesem Jahr zum Thema: "Wieviel Nächstenliebe wollen wir uns leisten?".

Gut, ich gebe zu, das ist noch eher ein Geheimtipp, doch in den vergangenen Jahren setzte sich das Publikum doch jeweils aus 70-100 Personen zusammen.

Als Referenten eingeladen wurden Kevin Loosli, Präsident der Jungen SVP Kanton St.Gallen und Dr. Rolf Bossart (SP), Präsident des katholischen Kirchgemeindeparlaments der Stadt St. Gallen. Moderatorin Verena Birchler musste aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen, so dass nun Maria Bienentreu und Jörg Niederer ihre Aufgabe übernehmen.

Flyer zum Ethik-Talk in der Stadt St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
In einem Land, das sich traditionell als christlich versteht, muss sich auch Politik und Gesellschaft die Frage gefallen lassen, wie sehr man sich den christlichen Werten und der Nächstenliebe noch verpflichtet fühlt. Darüber werden sich die beiden Referenten in je einem 10-minütigen Vortrag positionieren. Danach gibt es eine Diskussionsrunde, bei der auch das Publikum mit einbezogen wird.

Organisiert wird der Anlass von der Christliche Sozialbewegung KAB SG und der Ökumenische Kommission GFS der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen SG/AR/AI.

Der Anlass findet am Donnerstag, dem 19. Februar 2026 um 19.30 Uhr im Festsaal St. Katharinen statt an der Katharinengasse 11 in St.Gallen. Abgerundet wird der Abend mit einem kleinen Apéro.

Hier kann man sich den Flyer dazu herunterladen.

Jörg Niederer

Dienstag, 17. Februar 2026

Wer hat denn da gekackt?

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Der Warzige Drüsling sieht wie Miniatur-Wurmkot ganz in Schwarz aus, ist aber ein häufiger Baumpilz.
Foto © Jörg Niederer
"Ross und Spatz. Ein Gleichnis für viele: Des einen Kot ist des andern Brot." Waltraud Puzicha (1925-2013)

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Als hätten Holzwürmer es den erdgebundenen Regenwürmern gleichgetan, und ihre Darminhalte auf dem Baumstumpf aufgehäuft, so sieht es aus. Ich hatte keine Lust, diese Dinger genauer zu untersuchen. Auch berührt habe ich diese Häufchen nicht.

Zuhause dann der Abgleich der maximal 8 Zentimeter grossen Gebilde. Es handelt sich nicht um Hinterlassenschaften von Tieren, sondern um einen Pilz. Lateinisch heisst der Warzige Drüsling "Exidia nigricans". Seine Aufgabe: Weissfäule erzeugen in totem Holz, meist dem von Buchen und Birken, aber auch von anderen Laubbaumarten.

Ungeniessbar sei er, aber nicht giftig. Wie die Rose von Jericho übersteht der Warzige Drüsling Trockenzeiten. Dann sieht er aus, als wäre an der Stelle das Holz schwarz eingefärbt. Steht wieder Feuchtigkeit zur Verfügung, erwacht er zu neuem Leben.

Im Volksmund wird er auch als Hexenbutter bezeichnet. Man glaubte, Hexen würden heimlich die Kühe melken und aus der Milch diese unappetitlich aussehende, schwarze, an Hirnwindungen erinnernde "Butter" herstellen.

Jörg Niederer

Montag, 16. Februar 2026

Farbenpracht

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In Arbon am Bodensee. Blau und Brauntöne verzaubern den Blick auf das Schwäbische Meer.
Foto © Jörg Niederer
"Was mein Herz wach hält, ist die bunte Stille." Claude Monet (1840–1926)

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Früher, wenn der See so ruhig dalag und zum Meditieren und Flanieren einlud, machte mich diese Szenerie nicht gerade unglücklich, aber sie interessierte mich auch nicht. Ich liebte den Wind, das Surfen und die Wellen. Da versprach ein flacher, ruhiger See schlichtweg Langweile, zu wenig Action.

Heute sehe ich die Farbenpracht, hervorgezaubert vom einer winterlich tiefstehenden Sonne. Ich bewundere die Braun- und Blautöne, sehe das feine Kräuseln auf der Wasseroberfläche, die gerade Linie des Horizonts, die fernen Schneeberge, rieche den leicht modrigen Duft des Wassers, lasse mich blenden von den hellen Steinen der Kiesbänke.

Mein heutiger Zugang zur Natur ist ein anderer als der von früher. Das muss am fortgeschrittenen Alter liegen, am Lebensrhythmus. Die Stille, die Inaktivität erschrecken mich nicht mehr.

Jörg Niederer

Sonntag, 15. Februar 2026

Genährte Erwartungen

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"Was wir essen, hat aber keine Auswirkung auf unser Verhältnis zu Gott. Es bringt uns keinen Nachteil, wenn wir etwas Bestimmtes nicht essen. Und umgekehrt haben wir auch keinen Vorteil, wenn wir es essen." Bibel: 1. Korinther 8,8

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Jemand hat an die hölzerne Umzäunung vom Brügglifeld-Stadion in Aarau "MARANA THA" geschrieben.
Foto © Jörg Niederer
Zum Foto: Brügglifeld, in die Jahre gekommenes Stadion des Challenge-League-Fussballclubs FC Aarau. Jemand hat an die hölzerne Umzäunung mit weisser Farbe auf schwarzen Grund "MARANA THA" geschrieben. "Unser Herr komm!". Ist das nun eine verzweifelte Bitte eines Fussballfans um Hilfe für den Wiederaufstieg. Oder ist es eine Bitte um Christi Wiederkunft, damit die Rangierung eines Fussballclubs zur Nebensache werden kann? Aktuell ist Aarau auf dem zweiten Platz. Das wäre doch eine recht gute Ausgangslage.

Ich wechsle ausgehend vom obigen Zitat aus der Bibel zum Thema Essen:

Das ist doch einmal ein Wort für unsere Welt, in der sich immer wieder so viel ums Essen dreht. Locker füllt sich so eine Blogbeitrag mit Begriffen zur Nahrungszuname und Speise. Einige Beispiele: Esstempel, Bulimie, Starkoch, natürliche Küche, Döner-Laden, Snack, Dampfgaren, Fingerfood, Gault-Millau, Magenband, Hunger, "kleiner Hunger", vegetarisch, makrobiotisch, Lebensmittelzusatzstoffe, Masttierfarmen, Lebensmittelimporte, Warenumsatzbörse, Ackerland, Völlerei (eine Todsünde), Diät, Übergewicht, gesunde Ernährung, Blähungen ("Erkenntnis bläht auf…" 1. Kor. 8,1) ...

Endlich einmal sagt einer ein gewichtiges Wort in dieser über- und unteressbelasteten Welt. Speisethemen mögen zwar allgegenwärtig sein. Aber in einer Hinsicht spielen sie keine Rolle: "Was wir essen, hat aber keine Auswirkung auf unser Verhältnis zu Gott". Bei Gott wird kein Body-Mass-Index abgefragt, bevor er dich seiner Liebe versichert. Fettabsaugen ist keine Voraussetzung, dass du bei Gott durch die Tür treten darfst. An seinem Festbankett sind nicht nur Gourmets willkommen, die Zuchtlachs von Wildlachs am Geschmack unterscheiden können. Mit Hungerstreik kannst du bei Gott nichts erzwingen. Das ist auch gar nicht nötig. Ob du beim Essen kleckerst oder perfekte Tischmanieren hast, ändert nichts an der Einstellung von Gott zu dir.

Keine Essgewohnheit bringt dich näher zu Gott oder trägt dir ihre Verachtung ein. Denn bei Gott bist du nicht, was du isst. Bei Gott bist du - ganz ohne dass du etwas schlucken müsstest - bedingungslos angenommen.  Genau daran werde ich beim meinem nächsten Bissen denken.

Jörg Niederer

Samstag, 14. Februar 2026

Herumstocherer

Ein Zitat

In der Bucht bei Arbon suchen Bekassinen im seichten Wasser nach allerlei Getier.
Fotos © Jörg Niederer
"Arbeit ist schwer, ist oft genug ein freudloses und mühseliges Stochern; aber nicht arbeiten – das ist die Hölle."
Thomas Mann (1875-1955)

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Noch ein Vogel, der sich bevorzugt im seichten Schlickwasser an Seen und Flüssen aufhält: die Bekassine. In der Bucht von Arbon haben sie ihre Scheu vor den Menschen weitgehend abgelegt und suchen unbefangen nach Nahrung. Es ist ein Trupp von etwa 10-15 Vögel, die da mit ihren langen, geraden Schnäbeln nach allerlei Getier im Schlick und Erdreich suchen. Während der Grosse Brachvogel (Siehe Beitrag vom 13. Februar 2026) seine Beute vor allem mit dem Gehör aufspürt, weisst der Schnabel der Bekassinen einen beweglichen vordersten Teil auf, mit dem sie die Beute im Untergrund erspürt und ergreifen können.

Auch die Bekassine ist eine Limikolenart. Dazu zählt man die Watvögel, sowie Regenpfeifer und ihre Verwandten. Also Vögel, die ihre Nahrung im Schlamm watend suchen und finden.

In der Schweiz sind Bekassinen, bis auf etwa zwei Monate von Mitte Mai bis Mitte Juli ganzjährig zu finden. Allerdings gibt es weniger als 100 Bruten bei uns. Grund ist der Lebensraumverlust durch Landwirtschaft und Siedlungsdruck, sowie der Mangel an ausreichender Nahrung.

Jörg Niederer

Freitag, 13. Februar 2026

Der Tyrannosaurus der Regenwürmer

Ein Zitat

In der Bucht bei Arbon sucht ein Grosser Brachvogel im seichten Wasser nach allerlei Getier.
Foto © Jörg Niederer
"Langeweile ist so etwas wie die notwendige Brache für die Felder. Wir sind dauernd online, das heisst: wir werden überdüngt." Elmar Schenkel (*1953)

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Über den Grossen Brachvogel habe ich andern Orts schon einmal geschrieben. Dabei handelt es sich um einen Vogel in der Grösse einer Rabenkrähe. Rund 1000 dieser stattlichsten Limikolen überwintern rund um den Bodensee. Sie ernähren sich von allerlei Getier im Schlick. Aber ebenso gern suchen sie in den Wiesen nach Würmern. Vogelkenner Stephan Trösch erzählte uns an der Wasservogelführung vom vergangenen Sonntag, er habe einmal wissen wollen, wie viele Würmer all die Grossen Brachvögel innerhalb eines Tages vertilgen. So beobachtete er einen Schwarm, und stellte dabei fest, dass jedes Tier so 4 Regenwürmer pro Minute verspeist. Ein Regenwurm wiegt 1,1 bis 2 Gramm. Geht man davon aus, dass die Brachvögel pro Tag so 4 Stunden auf den Wiesen bei der Nahrungssuche verbringen, dann kann man leicht ausrechnen, was an Regenwurmmasse durch sie vertilgt wird. 4 Regenwürmer mal 60 Min mal 4 Stunden mal 1000 Vögel mal durchschnittlich 1,5 Gramm Regenwurmmasse ergibt pro Tag 1,44 Tonnen.

In Arbon am Bodensee kommt man den Vögeln recht nahe; eben auch diesem Grossen Brachvogel. Mit seinem leicht gebogenen langen Schnabel ist er unverwechselbar. In diesem Jahr habe ich ihn schon auf beiden Seiten des Zürichsees gesehen, und eben auch am Bodensee. Dort in Arbon wird er allerdings, auch wenn er sich nahe am Ufer aufhält, von den meisten Flaneur:innen übersehen. Doch wer Augen hat zum Sehen, der gehe hin und sehe!

Jörg Niederer

Donnerstag, 12. Februar 2026

Kirchenfusion

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Oben: Einstige Kapelle der Bischöfliche Methodistenkirche in Aarau. Unten: Das moderne Gebäude der Evangelisch-methodistischen Kirche in Aarau mit Gottesdienst- und Nebenräumen, sowie der Pfarrwohnung.
Fotos © Jörg Niederer

"Man ist ewig das Opfer seiner eigenen Eitelkeiten."
Theodor Fontane (1819-1898)

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Auch bei grossen Kirchenfusionen kommt es zu den aus der Wirtschaft bekannten Begleiterscheinungen. Verschiedene Kulturen und Traditionen müssen zusammenfinden und sich im Laufe der Zeit einander angleichen. Am 23. April 1968 kam es zur Vereinigung der weltweit wirkenden Bischöflichen Methodistenkirche (The Methodist Church, MK) mit der ebenfalls weltweit präsenten Evangelischen Gemeinschaft (Evangelical United Bretheren Church, EG). Es entstand die Evangelisch-methodistische Kirche (The United Methodist Church).

In der Schweiz erfolgte die Vereinigung leicht verzögert um 1971/1972. Besonders in Städten gab es nun die Situation, dass zwei oder mehr Standorte der neu vereinten Kirche vorhanden waren. Es stellte sich die Frage, welche Kapelle aufgebeben und in welcher nun gemeinsam gefeiert werden soll. In Aarau befand sich das Gotteshaus der Bischöflichen Methodistenkirche an der Fehrstrasse 10. Eine viergeschossige Kapelle, erbaut von den Gebrüder Brändli im Heimatstil. Die Evangelische Gemeinschaft hatte ihre Kapelle am heutigen Standort der Evangelisch-methodistischen Kirche hinter dem Bahnhof Aarau. Um dem durch die Vereinigung höheren Raumbedarf gerecht zu werden, wurde die alte EG-Kapelle durch einen Neubau nach Plänen von Hans Roser ersetzt. Das war bestimmt ein kluger Zug. So mussten beide Traditionen ihre Kapellen aufgeben zugunsten einer gemeinsamen neuen, der Paulus-Kapelle. Es gab keine "Gewinner" oder "Verlierer". Wenigstens theoretisch. Denn noch jahrelang sprach man von den Unterschieden zwischen den beiden Traditionen: "Das ist eher EG-Stil!" hiess es, oder: "Die MK war schon immer politischer als die EG". Auch wurde noch jahrelang darauf geachtet, welche Pfarrpersonen aus welcher Tradition kamen und wer leitende Rollen in der Pfarrerschaft einnehmen konnte. Wohl erst meine Generation, die zur Zeit der Vereinigung im Teenageralter war, empfand sich nicht mehr der einen oder anderen Seite zugehörig. Wir waren also die ersten Evangelisch-methodistischen Christ:innen, ohne die Ballast der vergangenen Traditionen. So musste ich auch bei Altbischof Heinrich Bolleter nachfragen, zu welcher Tradition die einstige Kapelle an der Fehrstrasse gehörte.

Ein weiter Hinweis, dass eine andere Zeit in der Evangelisch-methodistischen Kirche angebrochen ist: Seit einigen Jahren spricht und schreibt man wieder unbefangen von der "Methodistenkirche"

Vereinigungen haben noch einen anderen nachteiligen Effekt. Sie führen in der Regel in der Wirtschaft zu Stellenabbau, beziehungsweise in Kirchen zu einem Verlust an Mitgliedern. Letzterer darum, weil es immer Gläubige gibt, die sich mit dieser "Zwangsheirat" nicht abfinden können oder dadurch eine Verwässerung des Glaubens befürchten. Zwar wächst die fusionierte Kirche insgesamt, doch nicht in dem Mass, wie die Zahlen beider Mitgliedskirchen zusammengenommen erwarten lassen. Statistisch bewegt sich dieser "Verlust" im 10%-Bereich beider Traditionen, wie man bei Untersuchungen in den USA festgestellt hat.

Wie auch immer: Heute ist die EMK in Aarau eine lebendige, vielfältige und multikulturelle Gemeinschaft in ökumenischer Offenheit. Sie ist ihren Weg gegangen. Auch Jugendliche sind dort zuhause, selbst wenn man zwischen Altersheim auf der einen Seite und  Freimaurerloge auf der anderen Seite "eingeklemmt" sei, wie einst ein Jugendarbeiter bedauerte.

Jörg Niederer


Mittwoch, 11. Februar 2026

Türkische Zeitkapsel

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Bahnhofszene aus der Türkei, aufgenommen um 1950 von meinem Vater Willi Niederer.
Foto © Willi Niederer/Jörg Niederer
"Wer sich am heissen Milchbrei den Mund verbrannt hat, isst sogar Joghurt, indem er es vorher anpustet." Türkisches Sprichwort

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Ein Foto meines Vaters, entstanden so um das Jahr 1950, als er für Bühler Uzwil in der Türkei Mühlen einrichtete. Es war die Zeit, als dort das Ein-Parteien-System endete, als die Gefahr eines Putsches in der Luft lag, als der von Kemal Atatürk errichtete laizistische Staat vorsichtig wieder dem Islam eine grössere Bedeutung einräumte und die Türkei ein Mitgliedsstaat der NATO wurde. Die Industrialisierung wurde vorangetrieben, die Türkei verschuldete sich im Ausland, die Inflation zog an. Es war auch eine Zeit, in der es unter der Regierung von Menderes 1955 zu einem Pogrom gegen orthodoxe Christen kam mit massiven Menschenrechtsverletzungen, Zerstörungen von Kirchen, christlichen Schulen und Friedhöfen.

Das war also die Zeit, in der mein Vater in der Türkei mehrere Monate arbeitete. Das Foto ist aus einem stehenden Zug heraus aufgenommen. Eine Tafel im Einstiegsbereich warnt auf Türkisch davor, bei fahrendem Zug die Tür zu öffnen. Soldaten sind am linken Bildrand zu erkennen, die meisten Männer tragen eine Schiebermütze, die Frauen und selbst kleine Kinder bedecken die Haare lose mit einem Tuch. Man trägt Stoffhose und Tschoopen, manche eine Krawatte. Möglich, dass der winkende Mann unten rechts im Bild ein Bekannter meines Vaters war. Wo sich dieser Bahnhof in der Türkei befand, weiss ich nicht. Mein Vater lebt nicht mehr, er kann es mir nicht mehr sagen.

Die Farbe täuscht. Das ursprünglich in Graustufen aufgenommene Foto wurde von einer AI coloriert. Vielleicht war an diesem Ort gar nicht blau und braun tonangebend.

Seit dieses Bild entstanden ist, sind nun schon 75 Jahre vergangen. Die Welt ist eine andere geworden. Die Menschen aber sind noch immer die Gleichen. Sie träumen, sie hoffen, sie suchen, sie arbeiten, sie reisen, sie lachen, sie weinen, sie freien, sie nörgeln, sie verachten, sie ermutigen, sie lassen sich fallen, sie stehen wieder auf, sie werden geboren und sie sterben. Und das schon seit Menschengedenken, überall, zu jeder Zeit. Heute ich, vor mir mein Vater, nach mir die Töchter und Söhne heutiger Kinder. Wird es so bleiben?

Jörg Niederer

Dienstag, 10. Februar 2026

Möwenchaos

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Links eine Steppenmöwe, rechts eine jugendliche Mittelmeermöwe im Flug über der Steinacher Bucht am Bodensee.
Fotos © Jörg Niederer
"Möwen sind nicht zu überhören. Ihre lauten, typischen Rufe zaubern sofort maritimes Flair. Im Sommer hört man sie überall – an Stränden und in Häfen." Aus einem Podcast-Beitrag aus Dornum von Marlene

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Möwen sehen alle gleich aus. Gut, da sind kleinere und grössere. Gelegentlich haben sie einen schwarzen oder braunen Kopf. Doch gerade im Winter gleichen sie sich sehr. Das ist genau die Zeit, in der sie bei uns in der Schweiz sind.

Ein Beispiel. Am Sonntag nahm ich an einer Wasservogelexkursion teil mit dem Möwenspezialisten Stephan Trösch. An einer Stelle am Steinacher Bodenseeufer sass in einiger Distanz vom Ufer eine Grossmöwe. Anhand dieser Möwe erklärte der Experte ausführlich, warum es sich um eine Steppenmöwe und nicht um eine Silbermöwe handelt. Zugleich meinte er, um sie wirklich sicher bestimmen zu können, müsse man die ausgebreiteten Flügel sehen können.

Einige Zeit später flog die Möwe auf, und liess ihren Ruf ertönen. Während sie das tat, meinte Stephan Trösch, nun habe er sich blamiert, es sei nun doch eine Silbermöwe.

Grund, dass die Bestimmung von Möwen hohe Kunst ist, liegt daran, dass manche Möwen im 2. Jahr erwachsen werden, andere erst im 3. oder gar 4. Jahr. Eine Vierjahresmöwe wechselt im Verlauf dieser vier Jahre achtmal ihr Aussehen. Dabei geht es um Nuancen. Hinzu kommen noch Unterschiede, je nach dem, woher eine Möwe ursprünglich kommt. Das nun ist Grund, dass viele Vogelkundler gar nicht erst versuchen, Möwen zu bestimmen.

Eine Steppenmöwe gab es dann doch noch zu bewundern, auch im Flug.

Grossmöwen sind heutzutage seltener geworden an den Seen der Schweiz. Durch die Klimaerwärmung finden sie weiter nördlich ihre Ruheplätze. An der Exkursion konnten wir aber doch fünf verschiedene Möwenarten beobachten. Nebst den schon erwähnten kamen noch die Mittelmeermöwe, die Lachmöwe und die Sturmmöwe hinzu. Auch zu entdecken, jedoch weit draussen auf dem See unter Trupps von Schwarzhalstauchern war noch ein Ohrentaucher und ein Rothalstaucher.

Auf der Webseite von Stephan Trösch finden sich einige Impressionen von der Exkursion.

Jörg Niederer

Montag, 9. Februar 2026

Schmucke Kapelle in Suhr

Ein Zitat

In der Kapelle der Methodistenkirche in Suhr treffen sich Menschen unter der Woche.
Fotos © Jörg Niederer
"Bei uns geht es nicht nur um ein paar Tipps fürs Leben, sondern um die Begegnung mit Gott." Von der Webseite der EMK Aarau

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Am Samstag wanderten wir von Aarau via Suhr das Wynental hinauf bis kurz vor Teufenthal. Zwei Kapellen der Methodistenkirche finden sich auf dieser Strecke. Einmal die Evangelisch-methodistische Kirche Aarau und die dazu gehörende Kapelle in Suhr. In Aarau gehört auch ein Wohnhaus der Kirche.

Mir hat die schmucke Kapelle in Suhr ausgezeichnet gefallen. Sie ist modern beschriftet und sehr gepflegt. Vielleicht ist sie auch deshalb so im Schuss, weil dort Anlässe unter der Woche stattfinden, und weil ein Architekturbüro dort zu finden ist. Da braucht es eine ansprechende Visitenkarte. Wer traut schon einem Architekten, würde er in einer Bruchbude wohnen.

Ab Suhr klaft wieder eine "methodistische Lücke", die erst in Luzern endet. 50 Kilometer sind es, und doch nicht ganz methodistisches Niemandsland. Im Wynental gab es einst in Gränichen, Oberkulm, Gontenschwil und Reinach weitere Kapellen. Vor Jahren lebten wir als Pfarrfamilie selbst in Reinach. Es war eine gute Zeit mit lieben Menschen. Einige Jahre, nachdem wir weggezogen waren, wurde der Bezirk, bestehend aus Reinach, Gontenschwil, Oberkulm und Schmiedrued durch die Kirchenleitung geschlossen. Es war meines Wissens das erste Mal, das gleich ein ganzer seelsorglicher Arbeitszweig der Kirche beendet wurde. Alle Gemeinden waren finanziell und auch von der Zusammensetzung nicht mehr selbst tragend und lebensfähig. So jedenfalls die damalige Einschätzung der Verantwortlichen.

Der nächste Abschnitt meiner Kapellentour wird folglich zu einer sentimentalen Reise an frühere Wirkorte. Dann werde ich auf den Wegen den Passant:innen ganz besonders bewusst ins Gesicht schauen, und mich immer Fragen: Sollte ich diesen Menschen von früher her kennen?

Jörg Niederer

Sonntag, 8. Februar 2026

Erkennen

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Ausschnitt aus den Glasfenster von Ferdinand Gehr in der Kirche Heilig Geist in Suhr. Mutter Jesu und Apostel empfangen das Pfingstfeuer.
Fotos © Jörg Niederer
"Doch wer Gott liebt, der weiss: Ich bin von ihm erkannt und angenommen." Bibel: 1. Korinther 8,3

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Man könnte meinen, der Künstler Ferdinand Gehr (1896-1996) habe einen sehr weiblichen Jesus mit seinen Jüngern dargestellt auf den Glasfenstern in der Kirche Heilig Geist in Suhr. Doch es ist ganz anders. Hier werden die Apostel mit der Mutter Jesu vom verheissenen Pfingstfeuer erfüllt.

Nicht immer erkenne ich sofort, wie etwas gemeint ist und wer dargestellt wird. Dazu einige Gedanken.

Moderne Radaranlagen erfassen zu schnell fahrende Autos von vorn. Auf den Fotos erkennt man nicht nur die Nummernschilder, sondern auch wer hinter dem Steuer sitzt. Bei Google Maps kann man ganze Städte erkunden, als würde man gerade durch die Strassen fahren. In 99 Prozent der Fälle wurden dabei abgebildeten Menschen unkenntlich gemacht. Doch immer wieder versagt bei einzelnen Passanten die Anonymisierung. Man kann den Menschen ohne dessen Einwilligung erkennen. Menschen werden bei der Polizei erkennungsdienstlich behandelt. Prominente werden erbarmungslos von Paparazzi verfolgt, sobald sie gegen ihren Willen erkannt worden sind.

Ist es da wirklich so erstrebenswert, von Gott erkannt zu werden? Ich glaube schon, weil bei Gott Erkenntnis mit Liebe verknüpft ist.

Es gibt Erkenntnis und Erkenntnis. Es gibt, genauer gesagt, Erkenntnis und Liebe. "Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber baut auf." (1. Korinther 8,1).

Wenn in der Bibel gesagt wird, Adam habe Eva erkannt, dann ist damit der Liebesakt gemeint, die intimste Form der Vereinigung zweier Menschen.

Gottes Erkenntnis von dir schafft die Basis deiner Liebe zu Gott. Er hat dich erkannt. Er ist dir dabei sehr nahe gekommen. Er hat sich dir zu erkennen gegeben. Indem er dich angesehen hat, hast du ihn erkannt.

Gottes Handeln und Lieben geht menschlichem Handeln und Lieben voraus. Wäre er uns nicht so nahe gekommen (ohne uns dadurch in unserer Persönlichkeit und Intimsphäre zu verletzen), wir hätten von Gott nicht das Geringste erkannt. In Jesus Christus bekommt Gott ein Gesicht, wird erkennbar. Jesus Christus sagt: "Wenn ihr mich erkannt habt, dann werdet ihr auch meinen Vater erkennen." (Johannes 14,7). Das ist nicht nur Erkenntnistheorie. Das ist Anleitung zu erkennender, erfüllender Liebe. 

Jörg Niederer

Samstag, 7. Februar 2026

Eingeklemmte Natur

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Zwischen Rupperswil und Hunzenschwil, gerade noch auf Boden von Rupperswil, zwischen den Autobahnen, hat der Biber mit einem Damm im Dorfbach den Wald unter Wasser gesetzt.
Fotos © Jörg Niederer
"Die Achtung vor deinem eigenen Selbst ist nächst der Religion der stärkste Damm gegen alle Laster." Francis Bacon (1561-1626)

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Die Gemeinden Rupperswil und Hunzenschwil werden gleich von zwei Autobahnen voneinander getrennt. Jedes der Dörfer übernimmt dabei eine Autobahn auf seinem Gemeindegebiet. Der Lärm der Autos ist dort zwischen den beiden Nationalstrassen unüberhörbar. Keine gute Wohnlage, auch wenn ein kleiner Wald den Dorfbach in seiner Mitte birgt. Genau dort, auf dem Zozelächer, haben Biber den Dorfbach mit einem sehenswerten Damm aufgestaut, und damit den Wald auf einer beachtlichen Fläche überschwemmt. An diesem unwirtlichen Ort ist es den grössten einheimischen Nagern so richtig wohl. Wobei, das kleine Waldstück bietet nicht gerade Nahrung im Überfluss. Zudem mussten einige Bäume gefällt werden, um die Passant:innen auf dem dort durchführenden Weg zu schützen.

Auf meiner Wanderung von Kapelle zu Kapelle habe ich mich über diese überraschende Entdeckung in jener dicht besiedelten Region im Mittelland sehr gefreut. Ist der Damm nicht faszinierend und genial gebaut?

Jörg Niederer

Freitag, 6. Februar 2026

Schmerzensweg - Erinnerungsweg

Ein Zitat

Eine der Kapellen der Evangelisch-methodistischen Kirche liegt in einem ruhigen Ortsteil der politischen Gemeinde Rupperswil.
Fotos © Jörg Niederer
"Es kann der Tag kommen, da all unser Gold nicht reicht, uns ein Bild von der entschwundenen Zeit zu formen." Inschrift von Unbekannt beim Dorfmuseum Rupperswil

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Rupperswil. Hier besitzt die Evangelisch-methodistische Kirche eine Kapelle. Aktuell wird sie als Wohnhaus und auch noch als Kirche benutzt. Jedoch besuchen die Methodist:innen, die hier einst in den Gottesdienst gingen, wie schon jene aus Bremgarten (Siehe Beitrag vom  1. Februar 2026!) und Lenzburg (Siehe Beitrag vom 4. Februar 2026!) die Anlässe der "3x3 EMK Region Lenzburg". Das ist naheliegend, im buchstäblichen Sinn. Eine Pfingstgemeinde ist heute in den Räumen in Rupperswil eingemietet.

Ich bin wieder in einer Region, in der sich die Präsenz der Methodistenkirche in verschiedenen Liegenschaften niederschlägt. Alleine auf der gestrigen Etappe der Kapellentour von Lenzburg via Rupperswil, Hunzenschwil und Rohr nach Aarau bin ich an drei methodistischen Gotteshäusern und an einer ehemaligen Kapelle vorbeigekommen.

Aber es ist auch eine Wanderung, an der mich trübe Gedanken begleiten. So steht doch Rupperswil für einen der brutalsten Morde in der Geschichte der Schweiz. Gerade lief auf SRF eine Dokumentation über dieses schreckliche Geschehen. Unter den Opfern war auch eine junge Frau, die in der 3x3-EMK-Gemeinde ein- und ausgegangen ist. Und dann bin ich auch wieder vor dem Haus in Rohr gestanden, in dem mein jüngster Bruder nicht mehr weiter leben konnte und wollte. Das war vor noch nicht einmal zwei Jahren.

Aber Rupperswil war auch ein Ort, an dem ich als etwas erfahrenerer Nachbarspfarrer einen Kollegen begleiten durfte, der eben seine ersten Schritte in dieser Aufgabe zu gehen versuchte. Heute wirken zwei seiner Brüder an massgeblichen Stellen in der Kirche mit. Er jedoch hat sich im Verlauf dieser Zeit als Pfarrervikar in Rupperswil für einen anderen Weg entschieden.

Rupperswil. Das ist auch der Standort der Zuckermühle. Da fühlt man sich als Bewohner von Frauenfeld und dessen Zuckerfabrik doch gleich irgendwie mit dem aargauischen Ort verbunden.

Ganz nebenbei konnte ich auf dieser Wanderung auch einige Dinge erledigen, die mit meinem weiteren Engagement in der Methodistenkirche zu tun haben. So besichtigte ich Lokalitäten für die kommende Tagung der Jährlichen Konferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche Schweiz-Frankreich-Nordafrika in Hunzenschwil. Dazu aber etwas mehr zu einem späteren Zeitpunkt.

Jörg Niederer

Donnerstag, 5. Februar 2026

Vor-Vor-Vor-Vor-Vorfahren

Ein Zitat

Vier grosse Steinblöcke bilden eine Reihe im Lütisbuech-Wald, unweit der Gemeindegrenze zwischen Ammerswil und Lenzburg.
Fotos © Jörg Niederer
"Praxis ist Kunst, Spekulation ist Wissenschaft, Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche." Friedrich Schleiermacher (1768-1834)

Hingesehen

Ich finde, man darf spekulieren. Die vier Steinblöcke liegen in auffällig gerader Linie an einem flachen Ort im Wald an der Gemeindegrenze von Ammerswil und Lenzburg. Es könnte eine Steinreihe sein, vielleicht keltischen Ursprungs. Die Steine könnten aber auch einfach die Gemeindegrenze nachzeichnen. Nur wenig daneben ist denn auch ein kleiner, quadratischer, neuzeitlicher Grenzstein zu finden. Oder diese Anordnung ist Zufall, eine Laune der Natur.

Beim Recherchieren gefunden habe ich nur einen Hinweis auf einen Chindlistein in Ammerswil. Das sind die Steine, von denen jüngere Frauen herunterrutschten, wenn sie sich ein Kind wünschten.

Nicht weit von diesem Ort entfernt, bei Seon, befindet sich ein Hallstadt-Grabhügel (ca. 500 v. Chr.). Dort entdeckte man auch auch bronzezeitliche Gräber (1500 v. Chr.). Ausgegraben wurden sie 1932 unter der Leitung des nationalsozialistisch gesinnten Professors Hans Reinerth.

Wie auch immer. An dem Ort, an dem ich in den ersten Monaten dieses Jahres wandernd unterwegs bin, lebten und siedelten schon Jahrtausende vor uns Menschen. Ob noch etwas von ihnen in unserem Erbgut zu finden ist? Ich meine, man darf spekulieren.

Jörg Niederer

Mittwoch, 4. Februar 2026

Es war einmal...

Ein Zitat
Heute ist die einstige Kapelle der Methodist:innen in Lenzburg ein Wohn- und Bürohaus. Viel hat sich äusserlich am Gebäude nicht verändert.
Fotos © Jörg Niederer
"Was ist Bürokratie? Eine Regelung der einzelnen Inkompetenzen im Sinne der allgemeinen Verantwortung."
Anton Kuh (1890-1941)

Hingesehen
Bei diesem Gebäude, einer ehemaligen Methodistenkapelle, kann ich das gleiche leicht angepasst schreiben wie schon im Blog vom 1. Februar 2026. Das werde ich nun auch so tun.
Einige langjährige Methodist:innen werden wissen, was auf diesem Foto zu sehen ist. Heute ist es ein Wohnhaus mit einer Wohngemeinschaft, einer weiteren Wohnung und einem Advokaturbüro. Doch zuvor war es der Versammlungsort der Methodist:innen in Lenzburg. Das Gebäude ist schon etwas betagt. Verkauft wurde es, nachdem sich mehrere Kirchgemeinden, darunter auch die Methodist:innen von Lenzburg, gemeinsam in Hunzenschwil eine Gewerbehaus kauften und seither dort gemeinsam feiern. So entstand die 3x3-Gemeinde, heute "3x3 EMK Region Lenzburg" genannt.
Gestern fand die Etappe meiner Kapellentour von Niederwil nach Lenzburg an diesem Ort sein Ende. Während ich so an der Strafanstalt, dem Schlossberg, dem Staufberg und dem Gofi vorbeizog, fielen mir Episoden und Gegebenheiten ein aus der Zeit, als wir uns in diesem Gebäude an der Ammerswilerstrasse trafen. Da sind die Alleebäume entlang der Strasse und auch die alte historische Dampfwalze direkt gegenüber besagter Liegenschaft. Auch die Diskussion kam mir in den Sinn, von der ich von meinem dort wohnhaft gewesenen Kollegen hörte. Es ging darum, ob eine Pfarrfamilie eine Geschirrspülmaschine brauche oder nicht. Nun, das ist Schnee von gestern.
Heute wird wohl weniger über Kücheneinrichtungen diskutiert als über die Frage, wie eine Kirche mit einer 300-jährigen Geschichte aktuell und relevant für die Menschen der heutigen Zeit bleiben kann. Das wird dann auch wieder Thema sein in etwa 5 Monaten am Gemeindestandort der "3x3 EKM Region Lenzburg", an der Tagung der Jährlichen Konferenz Schweiz-Frankreich-Nordafrika (Synode der Methodist:innen). Darauf bin ich gespannt.
Jörg Niederer

Dienstag, 3. Februar 2026

Der Schicksalsort von Rothrist

Ein Zitat

Im aargauischen Niederwil wummert die Fasnacht unüberhörbar weit herum.
Fotos © Jörg Niederer
"Ich weiss nicht was ich bin / Jch bin nicht, was ich weiss: / Ein ding und nit ein ding: / ein stüpffchin und ein kreiss." Angelus Silesius (1624-1677)

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Schon im Dickhölzli beim Eidgenössischen Waffenplatz Hinterweid waren die dumpfen Rhythmen deutlich zu hören. Doch erst als der Fasnachtswagen wummernd durch den Dorfkern von Niederwil fuhr, also etwa 4 Kilometer Distanz davon entfernt, wurde mir klar, woher diese Partyklänge gekommen waren.

Es ist Fasnacht, die närrische Zeit.

Auf meiner Kapellentour befand ich mich am vergangenen Samstag auf einer Überführungsetappe. Die nächste Liegenschaft in methodistischen Besitz erwartet mich erst etwa nach 29 Kilometern in Rupperswil. Vorerst ging es von Rottenschwil via Bremgarten (Siehe Beitrag vom 1. Februar 2026!) nach Niederwil. Auch dort, so las ich in alten Konferenzverhandlungen, gab es einst methodistische Stubenversammlungen. Wo genau, das konnte ich nicht herausfinden.

Diesem Niederwil im Bezirk Bremgarten verdank Rothrist seinen heutigen Namen. Denn bis 1890 wurde Rothrist ebenfalls nach einem dortigen Ortsteil "Niederwil" genannt. Zwei Niederwil im selben Kanton, das erschien den Verantwortlichen zu verwirrlich. Also wurde aus Niederwil bei Zofingen die Gemeinde Rothrist.

Niederwil ist in der Schweiz eine sehr geläufige Ortsbezeichnung. SchweizMobil führt gleich 22 Flur- und Ortsbezeichnungen auf mit diesem Namen. Man könnte also eine weitere Tour de Suisse kreieren, vom einen Niederwil zum nächsten.

Wer weiss, vielleicht ist das mein nächste Projekt.

Jörg Niederer

Montag, 2. Februar 2026

Der Vogel des Jahres 2026

Ein Zitat

Ein männlicher Eisvogel auf seinem Ansitz bei der Hide am Flachsee. Schön zu sehen ist der deformierte Schnabel.
Fotos © Jörg Niederer
"Wer kleinlich ist, erspäht auch im Grossen den Makel." Esther Klepgen (*1965) 

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In diesem Jahr darf natürlich der Eisvogel nicht fehlen. Er wurde nach Aufruf durch BirdLife Schweiz von der Bevölkerung zum "Vogel des Jahres 2026" gewählt, knapp vor der Wasseramsel, die lediglich 53 Stimmen weniger erhielt.

Der Eisvogel profitiert von renaturierten, fischreichen Wasserflächen und wohl auch vom Klimawandel. Wer mehr zu diesem farbenprächtigen Fischjäger erfahren möchte, kann auf die Webseite von BirdLife Schweiz gehen, oder dann meine früheren Beiträge dazu lesen.

Was mir aufgefallen ist. Der Eisvogel, ein Männchen, fotografiert am Flachsee entlang der Reuss, hat einen leicht deformierten Schnabel. Selbst geschlossen weisst er eine Lücke auf. Genauso, wie ein Eisvogel bei den Murgauen in Frauenfeld. Erst spekulierte ich, dass es der selbe Eisvogel sein könnte, der seinen Standort gewechselt hat. Im harten Wintern suchen die auf offenes Wasser angewiesenen Sturztaucher oft weiter entfernt bessere Reviere auf. Doch in Frauenfeld ist es ein Weibchen, das diese Schnabeldeformation aufweist.

Für die Vögel scheint diese Fehlstellung des Schnabels bei der Jagd nach Fischen kein Nachteil zu sein. Man muss halt nicht perfekt sein. Lebenstauglich ist man auch, wenn man keinen Schönheitspreis gewinnen könnte.

Jörg Niederer

Sonntag, 1. Februar 2026

Ein neuer Tag beginnt

Ein Zitat

Heute eine Zahnarztpraxis, war das abgebildete Haus einst der Versammlungsort der Methodist:innen im aargauischen Bremgarten.
Fotos © Jörg Niederer
"Ich hoffe auf den Herrn. Voller Sehnsucht hoffe ich auf ihn und warte auf sein befreiendes Wort." Bibel, Psalm 130,5 

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Einige langjährige Methodist:innen werden wissen, was auf diesem Foto zu sehen ist. Nein, ich meine jetzt nicht mich, sondern das Gebäude im Hintergrund. Heute ist es eine Zahnarztpraxis, doch zuvor war es der Versammlungsort der Methodist:innen in Bremgarten AG. Das Gebäude ist noch nicht alt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es eingeweiht worden ist. Doch wenige Jahre später entschieden sich mehrere Kirchgemeinden, gemeinsam in Hunzenschwil eine Gewerbehaus zu kaufen und in Zukunft dort gemeinsam zu feiern. Dazu gehörten auch die Methodist:innen in Bremgarten. So entstand die 3x3-Gemeinde, heute "3x3 EMK Region Lenzburg" genannt.

Nun aber zu meinem Wort zum Sonntag:

Irgendetwas ist total schief gelaufen im Leben des Menschen, der den Psalm 130 als Gebet geschrieben hat. Nun will er reinen Tisch machen. Er sucht Gott. Er weiss: Wenn dieser hart bleibt, dann hat er schlechte Karten. Und doch setzt er seine ganze Hoffnung auf Gott. Wie wenn man alles auf eine Karte setzt. Dann heisst es warten, dass diese Karte sticht. "Voller Sehnsucht warte ich auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen – ja, mehr als die Wächter auf den Morgen." (Psalm 130,6).

Ich erinnere mich an diese kalte Dunkelheit. Die Füsse in den Militärschuhen fühlten sich taub an. Die Nacht wollte und wollte nicht enden. Und dann, ganz langsam, wurde es heller. Mehr und mehr Konturen zeichneten sich ab. Der Himmel überzog sich mit leuchtenden Farben. Im Osten ging die Sonne auf. Ein neuer Tag. Ein neuer Sonntag. Ein neuer Auferstehungstag. Aufatmen.

So etwas hat wohl auch die Psalmbeterin oder der Psalmbeter erlebt. Ein Leben aus der Vergebung kann beginnen. Zum Schluss sagt sie, sagt er: "Denn beim Herrn ist Gnade zu finden, und er befreit von aller Schuld." (Psalm 130,7).

Jörg Niederer

Samstag, 31. Januar 2026

Gerechtigkeit mit und ohne Augenbinde

Ein Zitat

Die historische Justitia von Hans Dub steht seit 1994 wieder vor dem Rathaus in Zofingen. Frauen haben sie zurückgefordert.
Fotos © Jörg Niederer
"Die Gerechtigkeit ist nichts anderes als die Nächstenliebe des Weisen." Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646-1716)

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Ein wenig sieht sie aus wie aus einem Band von Asterix und Obelix entsprungen. Die Justitia von Hans (Johann) Dub (1575–1613) vor dem Rathaus Zofingen. Zwei der drei üblichen Attribute sind bei diesem Werk vorhanden. Das Richtschwert für die Entscheidungskraft und die Waage für Gerechtigkeit. Was fehlt, ist die Augenbinde für die Unparteilichkeit.

Die Justitia befand sich einst dort, wo seit 1893 der Stadtheld Niklaus Thut über Zofingen wacht. Am Frauenstreiktag vom 14. Juni 1991 verlangten die protestierenden Frauen die weibliche Justitia wieder zurück. So steht seit 1994 ein Replikat dieser Figur mit den männlichen Gesichtszügen vor dem Rathaus auf einem Sockel und zugleich auf Augenhöhe mit Niklaus Thut.

Die originale Figur befindet sich im Museum Zofingen.

Eine Augenbinden trug die Justitia erst so ab dem 15. Jahrhundert. Zuvor wurde sie oft blind dargestellt, oder hatte nur ein Auge offen. Beides symbolisierte, wie die Augenbinde, Unparteilichkeit. Doch schon immer wurde sie auch sehend und ohne Augenbinde dargestellt. Damit wird stärker betont, dass die Justitia genau hinsehen und die konkreten Lebensumstände mit ins Urteilen einbeziehen müsse.

Justitia mit und ohne Augenbinde hat also etwas mit dem Verständnis von Schuld zu tun. Soll man ohne Ansehen der Person bei allen gleich hart urteilen, oder gibt es strafmildernde Gründe in der Geschichte und den Lebensumständen eines Menschen? Soll ein Menschen, der aus Hunger stiehlt, genauso gehenkt werden wie einer, der aus Habgier stiehlt?

Ich gebe es zu. Mir leuchtet eine Justitia ohne Augenbinde mehr ein. Aber unparteiisch muss sie trotzdem sein. Gelb-orange Haare passen bestimmt nicht zu ihr.

Jörg Niederer

Freitag, 30. Januar 2026

Auf einer Million Franken sitzen bleiben

Ein Zitat

"the money bank – Ort der Begegnung" ist ein Kunstprojekt, das unter Anleitung von Heinz Aeschlimann 2013 durch sechs junge Künstler in Zofingen verwirklicht wurde.
Fotos © Jörg Niederer
"Meiner Bank ist richtiges Gendern echt wichtig. Sie unterstützt auch alle Trans-aktionen" Paul Linus Urban, Das Witzebuch, Band 2, S.97

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Auf dem Alten Postplatz, direkt neben der Raiffeisenbank in Zofingen, steht das Kunstprojekt "the money bank – Ort der Begegnung". Wer etwas über die international bekannten Werke von Heinz Aeschlimann weiss, erkennt sofort die Formsprache des Künstlers. Diese an Puzzleteile erinnernde Gestalt taucht in seinen Werken immer wieder auf. Auch die zwei Aussparrungen sind typisch. Beim vorliegenden Werk werden diese Aussparrungen durch einsehbare Behältnisse ausgefüllt. Beim Kunstwerk handelt es sich um ein Geschenk der besagten Bank an die Region Zofingen. Entstanden ist es 2013 für eine internationalen Ausschreibung im Rahnen des Förderprogramms "Artist in Residence" durch sechs junge Künstler unter der Schirmherrschaft von Heinz Aeschlimann.

Nun war es gestern bei Regen nicht sonderlich einladend, auf diesem Kunstwerk – es ist als Sitzgelegenheit gedacht, also als eine lustig gestaltete Bank – Platz zu nehmen. Sonst hätte man sich am einen Ende auf Kleingeld setzten können, und am anderen Ende auf eine Million Franken. Diese Million wurde zuvor zu feinen Schnipsel geschreddert. Vermutlich handelt es sich dabei sowieso um ausrangierte Banknoten, die nun hier im öffentlichen Raum für keinen Menschen mehr einen grossen Wert ausmachen. Würde ein "Bankräuber" diese Fitzelchen entwenden, er bliebe auf einer Million Franken sitzen, und hätte doch gar nichts davon.

Da hat eine Geldentwertung stattgefunden zugunsten einer Kunstaufwertung. Das sollte noch viel öfter geschehen.

Jörg Niederer

Donnerstag, 29. Januar 2026

Der Biber vom Bahnhof Frauenfeld

Ein Zitat

Ein Biber schwimmt direkt neben dem Bahnhof Frauenfeld in der Murg unter dem Fussgängersteg hindurch.
Fotos © Jörg Niederer
"Des Menschen Charakter ist sein Schicksal." Heraklit (um 520 - um 480 v. Chr.)

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Sonntagmorgen an der Murg, direkt beim Bahnhof Frauenfeld. Schon von weitem sehe ich ihn heranschwimmen, direkt auf den Steg zu, auf dem ich stehe. Auch ganz nahe taucht er nicht ab, schwimmt direkt unter mir hindurch. Erst auf der anderen Seite der Brücke taucht der Biber weg, und verschwindet irgendwo im Uferbereich.

Biber haben zurückgefunden in die Schweiz. Erste Auswilderungen im Jahr 1956 in Genf und an weiteren Orten haben heute zu einer Population von 4900 Tieren geführt. Überall im Schweizer Mittelland und in weiten Alpentälern sind sie heimisch geworden.

Da Biber Landschaften grossflächig umgestalten können und dabei Kulturland auch betroffen sein kann, da sie auch nicht Halt vor Obst- und anderen Bäumen machen, finden sich zunehmend Stimmen, die ihre Bejagung fordern.

Und kaum sind erste Fischotter in die Schweiz zurückgekehrt, heisst es auch von diesen Tieren, sie würden zu viel Fisch fressen, man müsse sie wieder vertreiben.

Dasselbe bei verschiedenen Wasservögeln. Diskutiert wird, ob Gänsesäger und Haubentaucher, ganz zu Schweigen von Kormoranen, wieder bejagt werden sollen, da sie zu zahlreich seien und den Fischern zu viel Fisch wegfressen. In der Konsequenz müsste es bei dieser geforderten Jagdstrategie doch auch den Eisvögeln an den Kragen gehen. Immerhin frisst ein einziger dieser farbenprächtigen Vögel täglich mindestens sechs Jungfische.

Eine diskutierte Bejagung von Kormoranen im Winter bringt aber nicht viel, weil die Vögel, die dann bei uns in der Schweiz sind, nicht die selben sind wie die, welche im Frühjahr und Sommer bei uns brüten.

Kormorane, die in grossen Kolonien brüten und mit ihrem scharfen Kot ganze Baumbestände abtöten können (genauso wie die Biber, indem diese Baumbestände unter Wasser setzen) schaffen so neue Lebensräume für andere Tiere und Pflanzen im Netzwerk der Natur.

Aufgrund von Forschungen weiss man heute, dass sich Prädatoren auf die Artenvielfalt positiv auswirken. Das gilt leider nicht für den masslos gewordenen Menschen, der mit seinem Verhalten genau diese überlebenswichtige Artenvielfalt seinen meist monetären Interessen opfert. Da könnte man nun auch den Wolf anfügen, bei dem die Bejagung schon intensiv in Gang ist, obwohl er einen zu vernachlässigenden Schaden unter Nutztieren anrichtet (es sterben vielfach mehr Schafe durch Krankheiten und durch Abstürze auf ungeschützten Alpen) und er zugleich das Schalwild besser in Schach hält als menschliche Jäger, und damit die Gesundheit des Waldes fördert.

Übrigens ist der Biber natürlich kein Prädator, sondern ein hundertprozentiger Pflanzenfresser. Er würde wohl weniger weite Ausflüge ins Zuckerrübenfeld unternehmen, wenn es da, wo er lebt, auch Wölfe gibt. Denn für diese ist ein fetter Biber ein gefundenes Fressen. (Siehe auch meine früheren Beiträge zum Biber!)

Jörg Niederer

Mittwoch, 28. Januar 2026

Auf einem Bein

Ein Zitat

"Überall geht ein frühes Ahnen dem späteren Wissen voraus." Alexander von Humboldt (1769-1859)

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Zwei Graureiher stehen nebeneinander, jeder nur auf seinem rechten Bein. Ihr Federkleid sieht einem langen Lodenmantel gleich.
Fotos © Jörg Niederer
Man kann offensichtlich auch synchron stehen (Siehe dazu auch Beitrag von gestern!). Die beiden Graureiher bei der Insel in der Steinacher Bucht tun dies reglos nebeneinander, blicken scheinbar teilnahmslos in die selbe Richtung, haben in gleicher Weise ihr Federkleid etwas aufgeplustert und den Nacken eingezogen und balancieren je nur auf dem rechten Bein. Als hätten sie sich abgesprochen. Doch wer sagt denn, dass sie sich nicht wirklich abgesprochen haben? Wir denken oft, Tiere seien mehr als wir instinktgleitet. Doch manches was sie tun und lassen, verlangt Urteilsfähigkeit. Nicht nur der Gebrauch von Werkzeug ist ein Zeichen für Intelligenz. Nur weil wir bei vielen Tieren die Sprache, die sie miteinander sprechen, nicht verstehen, heisst dies doch nicht, dass sie nicht denken können. Eher ist es ein Zeichen dafür, dass unsere Intelligenz beschränkter ist, als wir uns einbilden.

Zumindest eines haben uns die Graureiher voraus. Sie können deutlich länger auf einem Bein stehen als wohl die meisten Menschen. Ach ja, Fliegen können sie auch, und Fische mit dem Schnabel fangen, oder Mäuse unter dem Boden hören. Vielleicht haben sie noch nie ein Buch geschrieben. Na und? Brauchen sie Bücher, um ihr Leben zu meistern, dort, wo die meisten Menschen im Winter bestimmt nicht im Freien übernachten möchten.

Noch vor 250 Jahren dachte man, Tiere funktionierten wie Maschinen, und Pflanzen seien keine Lebewesen. Es musste ein Alexander von Humboldt (1769-1859) kommen, um zu erkennen, wie alles auf dieser Erde miteinander vernetzt und in dauerhaftem Dialog verbunden ist, und folglich auf Gedeih und Verderben voneinander abhängig bleibt. Und es musste ein Charles Darwin (1809-1882) kommen, um uns zu zeigen, dass wir auch in dieses Tierreich gehören und gemeinsame Vorfahren mit anderen Spezies haben. Wobei: Auch heute gibt es Menschen, die davon nichts halten. In den USA seien es über 30% der Bevölkerung, die diesen Erkenntnissen grundsätzlich misstrauen.

Dieweil stehen die beiden Graureiher nach ihren Bräuchen auf einem Bein im See. Auf mich wirken sie irgendwie weise und klug. Ob sich so Intelligenz zeigt (dass die Graureiher so wirken / dass ich das erkenne)?

Jörg Niederer

Dienstag, 27. Januar 2026

Paartanz

Ein Zitat

Zwei Lachmöwen im Gleichschritt. Blick zur Seite, Verneigung und dann los mit dem gemeinsamen Singen.
Fotos © Jörg Niederer
"Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel mit dir nichts anzufangen."
Augustinus von Hippo (354–430), Kirchenlehrer

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Ob es ein Paar ist, kann ich nicht sagen. Weibliche und männliche Lachmöwen sehen im Winter ziemlich gleich aus, sind lediglich anhand der Grösse zu unterscheiden. Hinzu kommt, dass man bei Vögeln nie ganz sicher sein kann, ob es sich um heterosexuelle Paare handelt oder um zwei Weibchen oder zwei Männchen. Jedenfalls beherrschen diese beiden Vögel den Paartanz perfekt. Blick zur Seite, dann die Verneigung und abschliessend das Einstimmen in den kichernden und lachenden Gesang. Dies wiederholen die beiden gleich einige Male, mit leichten Abweichungen von der Choreografie.

Jahrelange Übung oder spontane Performance? Auch das weiss ich nicht. Lustig anzusehen war es jedenfalls.

Es macht halt nicht nur Spass, den geschickten Tieren im Flug zuzuschauen. Und wie beim Linedance kann es sein, dass noch weitere Möwen sich an der Aufführung beteiligen.

Berühmt dafür sind die Flamingos. In diesem Filmausschnitt kann man sie bei ihrem Gruppen-Balztanz betrachten.

Jörg Niederer

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