Mittwoch, 31. Dezember 2025

Balance

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Eine Schwanzmeise turnt kopfüber an einem dünnen Ast.
Foto © Jörg Niederer
"Selig ihr, die ihr eure Sorgen loslasst, in euch kann Gott Raum finden." Armin Beuscher

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Noch einmal die Schwanzmeise (Siehe Beitrag vom 29.12.2025!). Kopfüber hängt sie an einem dünnen Ast. Das Vögelchen bleibt dabei perfekt ausbalanciert. Nichts bringt eine Schwanzmeise aus dem Gleichgewicht. Akrobatisch tanzt sie auf, unter und über ihrem Parket in den Bäumen.

Wie viele Hänger hatte ich im zu Ende gehenden Jahr? Wie geschickt habe ich mich durch meine kleine Geschichte gehangelt? Wie traumwandlerisch werde ich das kommende Jahr durchschreiten? Bringt es mehr Frieden, mehr Gesundheit, mehr Lebensfreude?

Ich wünsche uns an diesem letzten Tag im alten Jahr und an allen kommenden Tagen des neuen Jahrs Balance, und dass wir immer wissen, wo uns der Kopf steht.

Jörg Niederer

Dienstag, 30. Dezember 2025

Weisser Punkt im weiten Land

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Ein Raubwürger sitzt zuoberst auf einem Baum in der Allmend Frauenfeld und beobachtet alles, was um ihn herum geschieht.
Foto © Jörg Niederer
"... der Raubwürger ist ein Indikator für eine artenreiche Kulturlandschaft." Vogelwarte.ch

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Es ist nicht das erste Foto von einem Raubwürger in der Allmend Frauenfeld (Siehe Beiträge vom 6. Februar 2023 und 30. November 2023!). Der weiss leuchtende Vogel ist Wintergast bei uns. Sein Brutgebiet findet sich teils weit jenseits des Polarkreises. Vor einem halben Jahrhundert brütete er auch in der Schweiz. Doch während er im Winter bei uns in nachhaltig gestalteten und bewirtschafteten Räumen noch genug Nahrung findet, sieht dies für die Aufzucht von Jungtieren in den Frühjahr- und Sommermonaten schlecht aus. Zudem sind die guten Reviere im Sommer durch eine andere Würgerart, den Neuntöter (Siehe dazu Beiträge vom 8. Juli 2024 und 18. Juli 2024!), besetzt. Ganz selten verirrt sich auch ein Rotkopfwürger in die Schweiz. Auch dieser soll in der Allmend Frauenfeld schon gesichtet worden sein.

Da fliegt also dieser amselgrosse Vogel jedes Jahr quer durch Europa, einmal nach Süden, dann wieder nach Norden und findet dabei stets die richtigen Orte.

Es gab eine Zeit, da wusste man nicht, wo im Winter all die Zugvögel verschwinden. Im Mittelalter vermutete man, dass die Schwalben wie Frösche in Schlamm von Seen und Teiche überwintern. Beim Kuckuck vermutete man, dass er sich im Winter in den ähnlich aussehenden Sperber verwandelt. Doch dann wurden in Europa Störche geschossen, bei denen Pfeile aus Afrika im Hals steckten. Da realisierten die ersten Menschen, dass Vögel, darunter auch der Raubwürger, offensichtlich jährlich weite Strecken zurücklegen.

Jörg Niederer

Montag, 29. Dezember 2025

Langer Schwanz und viel zu sagen

Ein Zitat

Eine Schwanzmeise turnt auf der Suche nach Nahrung in den Ästen eines Baums herum.
Foto © Jörg Niederer
"Takt ist eine schreckliche Sache. Wenn man ihn nicht hat, regt sich jeder auf. Wenn man ihn hat, merkt es kein Mensch." Shirley MacLaine (*1934)

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Gestern waren wir wieder einmal in der Allmend Frauenfeld. Gegen Ende des Spaziergangs begegnete uns ein Trupp Schwanzmeisen. In den kahlen Ästen der Bäume suchten sie nach Insekten, Larven, kleinen Beeren und Knospen. Sehr gerne fressen sie Blatt- und Schildläuse. Dabei sprechen sie unablässig miteinander, was sie beim Einflug auch verrät. Die Winzlinge, deren Schwanzfedern länger sind als der Körper, wiegen gerade einmal 7-9 Gramm.

Nicht nur beim Futtersuchen, sondern auch bei der Aufzucht der Jungen sind Schwanzmeisen sozial. Bis zu acht mit dem brütenden Männchen verwandte Vögel helfen beim Füttern der Jungen und bei der Verteidigung der Nester. So können pro Kugelnest bis zu zwölf Junge versorgt und aufgezogen werden.

Anders als der Name suggeriert, ist die Schwanzmeise nicht mit den Meisen verwandt, sondern gehört mit den Grasmücken und Seidensängern zu einer eigenen Unterfamilie.

Jörg Niederer

Sonntag, 28. Dezember 2025

Poesiebaum

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Ein raureifbehangener Baum wie ein Stillleben der Natur. Glitzer der Sonne verfängt sich in seinen Ästen.
Foto © Jörg Niederer
"Es ist Zeit, dass man weiss! Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt, / dass der Unrast ein Herz schlägt. / Es ist Zeit, dass es Zeit wird, / Es ist Zeit." Paul Celan

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Seit einigen Tagen zum ersten Mal hat sich die Nebeldecke gelichtet. Die Sonne wirft Schatten in die schneefreien Strassenzüge. Da und dort ereignet sich Blendwerk.

Ich erinnere mich zurück an die Wanderung an die Sonne vor einigen Tagen. Dort, am Waldrand verwandelte die fahle Sonnenscheibe einen raureifbehangen Baum in Poesie. Was wird mir das Erschaffene heute werden?

Jörg Niederer

Samstag, 27. Dezember 2025

Glück

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Der Weihnachtsbaum beim Migrolino am Bahnhof Olten steht direkt neben dem Swisslos-Automaten.
Foto © Jörg Niederer
"Bevor man etwas brennend begehrt, sollte man das Glück dessen prüfen, der es bereits besitzt." François de La Rochefoucauld (1613–1680)

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Zweimal Glück. Einmal das Zufallsglück, die Lotterie, die Hoffnung auf Devisen in Millionenhöhe. Das andere Mal das Glück einer intakten Familie, der friedlichen Gemeinschaft von Menschen, der leuchtenden Kinderaugen.

So nebeneinander könnte es doppeltes Glück bedeuten. Wie viele Menschen haben bei diesem Bahnhofs-Christbaum auf das besondere Losglück gehofft? Die Hoffnung auf das grosse Geld hat ja mit Glauben so einiges zu tun. Da wurde wohl auch das eine oder andere Mal gebetet: "Du Gott gibst mit Losglück, und ich dir einen friedlichen Heiligen Abend."

So hat "mein" Kirchenvater John Wesley es nicht gemeint, wenn er "Holiness and Happiness" (Heiligkeit und Glück) in einem Atemzug nannte.

Baum und Automat stehen an einer etwas trostlos wirkenden Stelle. Kein doppeltes Glück, sondern doppelte Frustration ist wohl gar nicht so selten an diesem Ort, an dem viele vorübereilen.

Man sagt, am wenigsten gewinnt man, wenn man nicht mitspielt. Wo überall spiele ich mit? Wie spiele ich mit? Spiele ich andern übel mit, nehme ihnen das Glück? Spiele ich mir oder andern in die Tasche? Spiele ich Weihnachten, der Familie zuliebe. Werden mir in diesem Jahr all die Festtage glücken?

Bald sind wieder die Symbole des Glücks auf den Neujahrstorten zu finden. Marienkäfer und Kleeblätter und Fliegenpilze und Hufeisen und Glücksschweinchen und Kaminfeger. Wovon wir Menschen uns nicht immer wieder Glück erhoffen!

"Holiness an Happiness"; ob John Wesley recht hat, wenn er überzeugt ist, dass wahres Glück, wahre Freude nur in Christus zu finden sind?

Jörg Niederer

Freitag, 26. Dezember 2025

Zwiespalt

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Skulptur eines Engels mit gespaltenem Kopf in einem Vorgarten in Ennenda.
Foto © Jörg Niederer
"Das ist die Kirche, dass man nie allein sein muss, nicht allein in den Träumen, nicht allein in den Niederlagen." Zitat von Fulbert Steffensky am Anschlagbrett der Evangelisch-methodistischen Kirche Flawil 

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In diesen Tagen wird viel über gespaltene Gesellschaften lamentiert. Besonders die Vereinigten Staaten besteht aktuell aus zwei unvereinbar scheinenden Lagern. Zugleich sprechen bedeutende, mächtige Menschen mit gespaltener Zunge, in einer Weise, wie das zu meiner Lebzeit noch nie dagewesen ist. Einmal wird dies behauptet, dann wieder das total Entgegengesetzte. Lügen bestimmen einen Geschichtsverlauf, der Millionen von Menschen und die ganze Schöpfung gefährden.

Unlängst wanderten wir in Ennenda an dieser Skulptur vorbei. Vielleicht wurde sie von Jacky Orler geschnitzt, jene Bildhauerin, die auch den Kreisel-Fridolin gestaltet hat (Siehe Beitrag vom 4. Dezember!). Ob dabei der Spalt mitten durchs Gesicht ursprünglich ist oder erst durch Witterungseinflüsse entstand, weiss ich nicht. Diese Skulptur könnte einen Engel darstellen. Gibt es in sich gespaltene Engel? Ist das nicht eine durch und durch menschliche Eigenschaft und Unart?

Ich wünsche mir, dass so manch Zerrissenes wieder heil und ganz werden darf. Besonders in diesen Tagen kurz vor einem weiteren Jahreswechsel hoffe ich trotz aller zwiespältigen Gefühle.

Jörg Niederer

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Von der Wiege...

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Ausschnitt aus dem Altarbild von Alois Schenk (1888-1949), Kirchenmaler aus Schwäbisch Gmünd in der 1935 geweihten Dreikönigskirche von Netstal. Die Geburt Jesu und seine Kreuzigung in einem Bild.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt für einen Starken, für einen Grossen dieser Welt nur zwei Orte, an denen ihn sein Mut verlässt, vor denen er sich in tiefster Seele fürchtet, denen er scheu ausweicht. Das ist die Krippe und das Kreuz Jesu Christi." Dietrich Bonhoeffer (London 1933-1935, DBW Band 13, Seite 342f) 

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Da gibt es diese Redensart, die ein ganzes Leben in sechs Worten zusammenfasst: "Von der Wiege bis zur Bahre". Genau das ist auch dargestellt auf dem Altarbild von Alois Schenk in der 1935 eingeweihten römisch-katholischen Dreikönigskirche von Netstal. Auf den ersten Blick ist da diese idyllische Darstellung der Heiligen Familie, versammelt um das Jesuskind in der Krippe. Doch darüber steht das übergrosse Kreuz, an dem der Gekreuzigte hängt. Auf dem Bildausschnitt sind die angenagelten Füsse zu sehen.

Ein Leben lässt sich nicht denken ohne Geburt und Tod. Die Weihnachts- und die Passionsgeschichte gehören zusammen. Der Geburtsschmerz der Maria und der Schmerzensmann am Kreuz. Die Erlösung, angekündigt von den Engeln, der Tod als gnädige Erlösung von der Folter.

Wer nur Weihnachten feiert, wird der ganzen Tragweite dieses Geschehens nicht gerecht.

Dreht man sich dort beim Altar in der Dreikönigskirche um 180 Grad und schaut zum Glasfenster über der Orgel hoch, ist der König David zu sehen in friedlicher Pose mit der Harfe in der Hand. Eine Anspielung auf den Christus, den König über Himmel und Erde? Die Geschichte ist nicht in Bethlehem zu Ende erzählt, auch nicht auf Golgatha. Die Geschichte geht weiter.

Jörg Niederer

Mittwoch, 24. Dezember 2025

Licht

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An der Nebelgrenze zeichnet sich die Sonne milchig weiss ab in einer kargen Wiesenlandschaft beim Pfannenstil.
Foto © Jörg Niederer

"Das Volk, das in der Finsternis lebt, hat ein großes Licht gesehen. Es scheint hell über denen, die im düsteren Land wohnen."
Bibel, Jesaja 9,1

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Eine Weihnachtskarte ohne viel Lametta, Kerzen und Geschenkpäckchen. Auch nichts ist zu sehen von Maria, Josef und dem Kind in der Krippe. Ein minimalistisches Bild, meditativ und asketisch. Nur Hell und Dunkel und das glitzern eines schmalen Bachlaufs in der Wiese. Doch für mich ist es ein starkes Bild für das, was Weihnachten, was die Geburt Gottes in dieser Welt ausmacht.

Wir nebelgewohnten Mittellandbewohnenden sind früh am Morgen aufgebrochen. Hinauf wollten wir, möglichst dahin, wo die Sonne scheint. Der Weg durch den Wald. Immer wieder halten wir Ausschau, ob sich der Himmel öffnet. Wir kommen dahin, wo sich das Sonnenlicht zunehmend in den Milliarden von winzigen Tautröpfchen streut, mit der Folge, dass der Nebel dichter zu werden scheint. Dann zeigt sich erstmals blauer Himmel. Milchig weiss ist das Rund der Sonne zu erahnen. Wir, aus der Finsternis kommend, sehen staunend das grosse Licht. Es scheint hell über uns Nebelgeplagten auf.

Ich gebe es zu. Unsere schweizerisch-mittelländische Dunkelheit ist auszuhalten. Die Bedrohungslage an meinem Wohnort ist klein. Doch da gibt es noch unzählige, die auf der Flucht oder in Armut, auf der Strasse oder in Krankenzentren, im Kriegsgeschehen oder der Einsamkeit sehnsüchtig auf Licht am Ende des Tunnels hoffen. Hoffen wir weiter, auch wenn bis jetzt die Sonne der Gerechtigkeit noch nicht die vernebelten Gemüter auf dieser Erde zu erleuchten vermag. Hoffen wir weiter, dass es licht wird.

Jörg Niederer

Dienstag, 23. Dezember 2025

Vollpfosten

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Ein Pfosten am Weiderand in der Linthebene bei Bilten weist allerlei Flechten und Wetterspuren auf.
Foto © Jörg Niederer
"Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen 'Dies gehört mir' und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: 'Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört'." Jean Jacques Rousseau (1712–1778)

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Auch ein Vollpfosten kann ein vielfältiges Biotop für allerlei Lebensformen sein. Aber bekannt ist der Ausdruck vor allem als Beleidigung, und zwar offiziell geadelt vom Duden seit 2013. Wir haben es also mit einer relativ neuen Redewendung zu tun, wenn der Satz fällt: "Du bist so ein Vollpfosten". Gemeint ist, dass jemand richtig dumm ist. Normaler Weise kostet ein Pfosten so ab 6 bis 100 Franken, je nach Durchmesser und Holzart. Für Arjen Robben kostete der Vollpfosten, gesagt zu einem Schiedsrichter in einem Fussballspiel im Jahr 2011, 15'000 Euro Strafe. Vielleicht war das der teuerste Vollpfosten aller Zeiten.

Nach einigen Jahren sieht man dem Pfosten das Alter an. Dann ist er aus ökologischer Sicht besonders wertvoll, selbst wenn er eigentlich für seine Aufgabe zu morsch geworden sei sollte. So ein in die Jahre gekommener Vollpfosten kann zum Lebensraum werden von Moosen, Flechten, Käfern und Pilzen.

Als Luz Röhrich das Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten schrieb, gab es den Ausdruck Vollpfosten im übertragenen Sinn noch nicht. Unter seinem Eintrag zu "Pfosten" aber finden sich zwei andere Redewendungen aus dem niederdeutschen Kulturraum. "Dat Hus steiht up papierne Pöste" sagt man, wenn ein Anwesen verschuldet ist. "Dat sitt dao in de Pöste" wiederum drückt typisch familiäre Merkmale oder Verhaltensweisen aus. Sehr bekannt ist wohl auch der "Wink mit dem Zaunpfahl". Damit ist ein auch für einfache Gemüte unübersehbarer Hinweis auf einen Sachverhalt gemeint. So unübersehbar wie ein Zaunpfahl, den einer an den Kopf bekommt.

Gut möglich, dass nach den Feiertagen im ländlichen Umfeld der eine oder andere Weihnachtsbaum zu einem Pfosten weiterverarbeitet oder im Schrebergarten zur Bohnenstange wird. Wie auch immer: Ohne  Voll- oder Hohlpfosten kommt die Menschheit schon lange nicht mehr aus. Diese müssen ja nicht immer an der Spitze eines Staatswesen zu stehen kommen.

Jörg Niederer

Montag, 22. Dezember 2025

Transition einer Kirche

Ein Zitat

Das Kirchengebäude der Evangelisch-methodistischen Kirche Küsnacht ZH wird nicht mehr für Gottesdienste genutzt.
Foto © Jörg Niederer
"Es ist doch alles in dieser Welt nur Übergang. Doch wir müssen durch. Sorgen wir nur dafür, dass wir mit jedem Tage reifer und besser werden!" Luise von Mecklenburg-Strelitz (1776-1810)

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Da, wo das Küsnachter Tobel die ersten Häuser der Gemeinde Küsnacht erreicht, unweit vom Dorfmuseum in der alten Mühle, da steht die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche. Am vergangenen Samstag spazierten wir von Itschnach hinunter zu diesem Gebäude. Es war meine erste Begegnung mit diesem kirchlichen Ort. In den beiden Anschlagkästen hinter und vor der Kapelle findet sich eine Einladung zu einer "Schatzsuche auf Pfaden der christliche Spiritualität". Der Anlass muss schon länger zurückliegen. Die Fensterläden im Parterre, da wo der Kirchensaal zu vermuten ist, sind geschlossen. Die Anschrift der Kirche beim Zaun entlang der Oberen Heslibachstrasse ist in einem schon länger nicht mehr in Gebrauch befindlichen Layout gehalten. Das Haus ist aber offensichtlich bewohnt. Der Garten zeigt sich natürlich wild, so wie es heutzutage von den Umweltschutzorganisationen empfohlen wird. Da ist Raum für die Natur ums Haus, aber auch ein Sitzplatz darf nicht fehlen.

Irgendeinmal im Übergang der Jahre 2023 auf 2024 hat die Gemeinde ihre Gottesdienste und ihre Angebote in der Kleinstadt am Zürichsee eingestellt. Die Kirchgemeinde gehörte bis dahin mit Bethanien Itschnach und Zürich Zeltweg zum Evangelisch-methodistischen Bezirk "Zürich Ost".

Die Kirchenlandschaft verändert sich. Immer mehr kleine Gemeinden beenden ihre Arbeit. Das Bedürfnis in der Gesellschaft, etwas zu glauben, ist immer noch gross, doch es vollzieht sich heute in der westlichen Welt immer weniger in Institutionen. Ob sich das wieder einmal ändern wird? Ob dann der Glaubensvollzug mit heute vergleichbar sein wird?

Jörg Niederer

Sonntag, 21. Dezember 2025

Singletasking

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Oberster Ausschnitt aus einem der Kirchenfenstern der Reformierten Kirche von Küsnacht ZH. Zwei Engel unter feurigen Gestirnen. Oder schaut uns da jemand bedrohlich entgegen?
Foto © Jörg Niederer
"Kehrt um zu mir, dann will auch ich zu euch umkehren und euch helfen, ich, der Herr, der Herrscher der Welt." Bibel, Maleachi 3,7

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Manchmal will ich mehrere Dinge auf einmal tun. Dann spreche ich am Telefon und lese gleichzeitig auf dem Bildschirm irgend einen Text. vielleicht läuft noch Musik am Radio und die Frau an meiner Seite kommt ins Büro und braucht ganz dringend Auskunft.

Wem von diesen gleichzeitig ablaufenden Geschehnissen gebe ich die Hautaufmerksamkeit? Wem wende ich mich wirklich zu?

Vielleicht wartet Gott gerade in diesen Tagen, in denen wir auf seine/ihre ungeteilte Zuwendung zu den Geschöpfen hoffen, darauf, dass ich mich ganz auf ihn/sie ausrichte, und mich nicht mehr von anderen Dingen ablenken lasse.


Zum Foto: Zu sehen ist das farbige Glas im oberste Teil eines Spitzbogenfensters in der Reformierten Kirche von Küsnacht ZH. So isoliert wirken die Formen, als würde uns etwas Bedrohliches lauernd anstarren. Doch davor, zwischen der Bedrohung und mir, wachen zwei Engel. Die Verkündigung der Engel bei den Hirten (Bibel, Lukas 2,8-11) löste in der Weihnachtsgeschichte beides aus: Furcht und Freude.

Samstag, 20. Dezember 2025

Magere Ausbeute

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Zwei Tiere, die sich im Kaltbrunner Riet fotografieren liessen. Misteldrossel und Reh.
Foto © Jörg Niederer
"Zwölf gute Fotos in einem Jahr sind eine gute Ausbeute." Anselm Adams (1902-1984), US-amerikanischer Landschaftsfotograf

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Gestern schloss ich das fehlende Teilstück meiner Wanderung von methodistischer Liegenschaft zu methodistischer Liegenschaft zwischen Bilten und Schmerikon. Am Weg; das Kaltbrunner Riet mit seinen zwei Beobachtungstürmen. Beim höheren führt eine grenzwertig schmale Wendeltreppe hinauf und wieder herunter.

Auf den Abstecher zu dem artenreichen Riet beim Storchenhotspot Uznach habe ich mich besonders gefreut, und folglich auch diese langen, eher langweiligen Geraden entlang des Linthkanals in Kauf genommen. Dafür habe ich auch das schwere Teleobjektiv mitgenommen und damit gut 1,5 Kilogramm mehr über 14 Kilometern auf dem Buckel getragen.

Die Ausbeute an guten Tieraufnahmen im Kaltbrunner Riet war dann jedoch sehr bescheiden. Fünf Rehe zeigten sich auf der gemähten Schilfwiese und die Misteldrossel, eine Verwandte der Amsel. Letztere wird auch Schwarzdrossel genannt. Zumindest platzierte sich die Misteldrossel in dankenswerter Weise direkt neben einer Mistel. Gesungen hat der Vogel auch, wunderschön und aus Leibeskräften.

Störche dagegen habe ich nicht einen gesehen, Grau- und Silberreiher gab es andern Orts auf der Wanderung mehr. Pfeif-, Stock-, Reiher- und Löffelenten, Blässhühner, Teichhühner und Lachmöwen tummelten sich fernab an der Linth und im Zürichsee bei Schmerikon. Die obligaten Rabenkrähen waren natürlich auch immer irgendwo zu sehen. Einzelne von Ihnen attackierten in gewohnter Weise die Rotmilane und Bussarde. Das alles unter einem bewölkten Himmel.

Doch klagen will ich nicht. Die Bewegung in der kalten Dezemberluft hat gut getan und die Gespräche am Wegrand ebenso.

Jörg Niederer

Freitag, 19. Dezember 2025

In und vor der Residenz

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Die Residenz Bethesda Itschnach ist eines der grössten Alterszentren, das mir bekannt ist. Zum ersten Mal stand ich auf einer Wanderung am 15. Dezember 2025 davor.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn du die Hand geschlossen hältst, kann nichts Gutes hineinkommen. Die offene Hand ist gesegnet, denn sie gibt reichlich, so wie sie empfängt." Biddy Mason (1818-1891), ehemalige Sklavin und Mitgründerin der First African Methodist Episcopal Church in Los Angeles, California.

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Ausgangspunkt unserer Wanderung vom Montag war Egg. Dort gibt es eine Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche, die jedoch als Kinderkrippe genutzt wird. Sie gehört zum Distrikt Nordostschweiz, und so besuchte ich sie bereits einmal zu Fuss im Jahr 2010. Zielort der aktuellen Wanderung war die Residenz Bethesda Itschnach. Von weitem hatte ich die Gebäude auch schon gesehen, doch noch nie stand ich direkt vor diesem aus methodistischem Handeln entstandenen Werk. In meinem Geburtsjahr 1959 wurde dort mit Bauen begonnen. Es entstand ein Heim für Chronischkranke, welches 1962 zusammen mit einer Krankenpflegerinnenschule eröffnet wurde. Getragen wurde die Arbeit von Diakonissen des Diakonats Bethesda Basel.

Man könnte dieses Werk auch als Mutterhaus der Bethesda Alterszentren AG bezeichnen. Heute sind es mehrere Häuser, die sich aufteilen in die Pflegeeinrichtung Residenz Küsnacht und Panorama Park Küsnacht mit seinen Alterswohnungen. 230 Mitarbeiter:innen kümmern sich dort um die Bewohner:innen. Auch die Seelsorge ist nebst der Pflege fester Bestandteil dieses christliche Werks.

Natürlich sind wir dann auch in die Residenz eingetreten, und haben uns kurz umgesehen. Die Cafeteria war gut besucht, in der Auslage sahen wir feine Tortenstücke, doch geblieben sind wir dann doch nicht. Abschliessend habe ich dann noch das obligate Selfie vor dem Schriftzug der Residenz beziehungsweise der Liegenschaft aufgenommen. Als ich auch noch den Glockenturm fotografierte, fragte mich eine vorbeieilende Frau, wohl eine leitende Angestellte, ob ich auch im Haus fotografiert habe. Es war ihr wichtig, dass ich die Privatsphäre der Bewohnenden und ihrer Gäste respektiere. Ich konnte sie beruhigen. Das ist ja eine Selbstverständlichkeit. In der Konsequenz gibt es daher halt immer nur Fotos, auf denen methodistische Häuser ohne Menschen zu sehen sind. Oder dann müsst ihr mit meinen Gesichtszügen Vorliebe nehmen, über deren Erscheinen in der Öffentlichkeit ich nach wie vor frei verfügen kann :-).

Jörg Niederer

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Adventlicher Biohaufen


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Ein mit Tautropfen übersätes Fadengespinst eines Schimmelpilzes auf einem Kothaufen sieht aus wie ein adventlich geschmückter, glitzernder Igel.
Foto © Jörg Niederer
"Glück ist wie Glas – je heller das Glitzern, desto leichter zerbricht es." Publilius Syrus, 1. Jhd. v. Chr.

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Vielleicht war es ein Fuchs, vielleicht auch ein Hund, der dort am Mülibach seine Hinterlassenschaft liegen gelassen hatte. Bald schon breiteten sich darauf Schimmelpilze aus. Feinen Fäden wuchsen dicht beieinander in alle Himmelsrichtungen. Nichts Appetitliches. Doch dann kam die feuchte, kalte Nacht und legte kleine Tauperlen fein aufgereiht über das Gespinst. Fertig war der adventliche Biohaufen. Eine ernsthafte Konkurrenz für den mit Kristallperlen geschmückten Swarovski-Weihnachtsbaum im Zürcher Hauptbahnhof.

Faszinierend, was die Natur und das Wetter aus Dung so alles machen können. Was zufällig geworden ist, ein Mensch könnte es wohl nicht annähernd so kunstvoll wirken.

Doch nur wenige Parameter müssen ändern, und aus diesem kleinen Wunderwerk wird wieder gewöhnliche Sch…dreck am  Wanderwegrand.

Jörg Niederer


Mittwoch, 17. Dezember 2025

Sonne gefunden

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Eine Hecke bei Vorder-Guldenen im Zwielicht von Nebel und Sonne.
Foto © Jörg Niederer
"Wegen Nebel muss kein Vorhaben ausfallen." Redensart, bei der "Nebel" für einen "undurchsichtigen Grund" steht. 

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Der Spannungsbereich von Neben und Sonne ist immer wieder gut für herzerwärmende Augenblicke. Meine Tour von Kapelle zu Alterszentrum zu Kinderkrippe zu Spital zu Freizeithaus zu Kapelle, alle mit methodistischem Hintergrund, führt mich immer wieder an Orte und in Wetterumstände, die ich sonst wohl nicht entdecken würde. So auch am vergangenen Montag, als unser Weg – meine Frau begleitete mich auf diesem Abschnitt – von Egg über Vorder-und Hinter-Guldenen mit seinen wunderbaren Rietflächen und Waldlichtungen via Mülitobel hinunter ins Küsnachter Tobel und zur Bethesda Altersresidenz in Itschnach führte. Da oben auf Vorder-Guldenen stellte sich das ein, was wir nebelgeplagten Mittelländer:innen uns erhofften. Auf knapp 800 Höhenmeter erlebten wir, wie der Nebel, geblendet vom Sonnenlicht, erst einmal noch undurchdringlicher wurde. Doch dann – über uns blauer Himmel. Am Boden huschte der Schatten im Wandertempo. Warm wurde es uns für diese Viertelstunde, in der wir immer wieder ins Zwielicht von Nebel und Sonne gerieten. Nur kurz war dieses Gipfelerlebnis. Im Wald dann regneten die Bäume ihren Raureif und einige kleine Eiszapfen ab. So wurden wir nass in heiterem, nebeldiffusem Licht. Neben uns plätscherte und rauschte der Mülibach, ein Wasseramselpaar putzte sein Gefieder und weitere Vögel zwitscherten einander ihre Geschichten zu.

Jörg Niederer

Dienstag, 16. Dezember 2025

Ausgepuzzelt

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Foto des Ravensburger Puzzles, auf dem der Ort Hamnøy auf den Lofoten zu sehen ist. Das Puzzle besteht aus 3168 Teilen.
Foto © Jörg Niederer
"Leute, die Kreuzworträtsel [oder Puzzles] lösen, wissen, dass sie das Rätsel für eine Weile beiseite legen sollten, wenn sie keine Fortschritte mehr machen." Marilyn vos Savant (*1946).

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Gestern Montag, genau um 18.01 Uhr wahr es soweit. Das letzte Teil fand den Weg an seinen Platz im aus 3168 Teilen bestehenden Puzzle der Ortschaft Hamnøy auf den norwegischen Lofoten. Fertig geworden bin ich nicht ganz wie geplant auf meine Pensionierung hin (Siehe Beitrag vom 1. Februar 2025!). Es hat nun gut 105 Tage länger gedauert. Grund war eine lange Puzzlepause, in der unser Stubentisch zwar belegt, aber nicht so recht genutzt werden konnte. Die letzten drei Wochen nun habe ich mich aufgerafft, und die noch ausstehende Hälfte des Zusammensetzspiels nach und nach vollendet.

Erstaunlich, dass über diese lange Zeit keines der Teile verloren gegangen ist. Einige von ihnen lange durchaus mehrere Monate absturzgefährdet nahe der Tischkante.

Jetzt also ist das Puzzle fertig, es sieht schön aus, doch schon ist das nächste Problem da. Wer macht schon von leichter Hand nach so vielen Stunden der Konzentration, nach so intensiver Suche nach den jeweils passenden Stücken das fertige Werk wieder kaputt und verpackt es in eine Kiste? Mir fällt das schwer. Manche hängen die fertigen Puzzlebilder dann an eine Zimmerwand. Aber so wichtig ist mir diese Landschaft bei Hamnøy auch wieder nicht, dass ich sie jeden Tag anschauen möchte.

Weitere Möglichkeiten bestehen darin, dass ich das Bild noch bis zum nächsten Besuch auf dem Tisch belasse. Der kommt weihnachtsbedingt schon bald. Wir könnten es für das Festessen auch mit Karton und Tischtüchern abdecken, doch auch diese Version befriedigt mich nicht ganz.

So werde ich wohl bald wieder das Bild auseinandernehmen, und die Teile in der zugehörigen Kartonkiste verschwinden lassen. Zugleich werde ich mich fragen: Habe ich wirklich alle 3168 Teile wieder versorgt? Oder ist mir im Verlauf des Verpackungsprozesses eines abhanden gekommen. Herausfinden kann ich es nur, wenn ich die Fragmente wieder zu einem Ganzen zusammensetzte, was ich wohl bis ins Greisenalter nicht mehr tun werde. Verschenken ist auch heikel, wenn man nicht mit letzter Sicherheit weiss, ob wirklich noch alle Teile vorhanden sind.

Ganz schön viele Probleme, die sich bei dieser Freizeitbeschäftigung ergeben. Aber jetzt mal genehmige ich mir zur Feier des Erreichten einen feinen Espresso.

Jörg Niederer

Montag, 15. Dezember 2025

Ein Loblied auf das Holz

Ein Zitat

Detailansicht eines Heuschobers, der wohl auch als Stall für Ziegen oder Schafe genutzt wurde.
Foto © Jörg Niederer
"Je näher du der realen Materie kommst, Stein, Luft und Holz, Junge, desto spiritueller ist die Welt." Jack Kerouac (1922–1969)

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Gestern unterhielt ich mich kurz mit einem pensionierten Schreiner. Aktuell katalogisiert er historische Gegenstände, die zur handwerklichen oder bäuerlichen Welt von einst gehören und in einem Museum lagern. Dass er als Schreiner solche Arbeit tut, hat damit zu tun, dass früher sehr viele Gegenstände aus Holz hergestellt wurden, vom ganzen Wohnhaus über den Hobel bis zur Holzschraube, vom Schneidbrett über das Furnier bis zum Gartenmöbel, von den Intarsien über das Ehebett bis zum Cellophan.

Holz war das Plastik von einst. Holz hat aber gegenüber Kunststoffen den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass es sich natürlich zersetzt. Es verwittert. Holz bleibt nicht ewig, wird nicht zu Mikroplastik, das zunehmend unser Leben belasten. Holz altert je nach Konservierung schneller oder langsamer. An Burgruinen lassen sich die Aussparungen für die Holzbalken im Gemäuer oft noch gut erkennen, während es die Balken schon lägst nicht mehr gibt. Wenn man uraltes Holz findet, dann meist in Moorböden oder an ganz trockenen Orten in Wüsten. Unter Luftabschluss geht die Zersetzung sehr langsam voran. In Trockenheit kann Holz versteinern.

Auf dem Foto sieht man eine typische Detailansicht eines Heuschobers im Alpenraum. Vielleicht wurde er auch als Stall für Ziegen oder Schafe genutzt. Ein landwirtschaftlicher Multifunktionsraum, dessen Struktur und Hülle zu einem grossen Teil aus Holz besteht. Luftig gebaut dient ein solcher Schuppen der Zwischenlagerung und weiteren Trocknung des eingebrachten Heus. Er dient aber auch verschiedensten Wildtieren als Unterschupf, allen voran Vögeln Fledermäusen und Insekten. Oft ist leicht zu erkennen, welche Balken im Laufe der Jahrhunderte ersetzt werden mussten. Andere Bretter zeigen deutliche Spuren des Gebrauchs. Letzteres wird oft als malerisch, charaktervoll und idyllisch wahrgenommen. Balken, einst verborgen hinter Wand- und Deckenverkleidungen werden bei Renovationen oft wieder hervorgeholt, sichtbar gemacht, um einen Raum heimelig zu gestalten. Wirtshaustische zeigen stolz Spuren der Gäste vieler Jahrzehnte und Jahrhunderte.

Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, sagt man. Aber Holz ist soviel mehr. Darum gehe ich heute ein bisschen Waldbaden. Oder auch ganz prosaisch gesagt: Ich gehe wandern. Einen grossen Teil davon im Wald.

Jörg Niederer

Sonntag, 14. Dezember 2025

Geschenke

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Die Kirche St. Johann in Schaffhausen in einer Adventsnacht im Jahr 2025.
Foto © Jörg Niederer
"Ja, vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang wird mein Name bei den Völkern verehrt... Ja, bei den Völkern wird mein Name verehrt, sagt der Herr Zebaot. Ihr aber entehrt ihn, indem ihr sagt: 'Man darf den Tisch des Herrn unrein machen, und das Speiseopfer für ihn darf man vernachlässigen.'" Bibel: Maleachi 1,11+12

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Der Prophet Maleachi übt heftige Kritik an den Priestern seiner Zeit. Scheinbar nahmen die Männer im Tempel ihren Dienst für Gott nicht mehr so genau. Kranke Tiere kamen auf den Altar. Das Opfer wurde als lästige Arbeit angesehen.

Dieses skandalöse Verhalten offenbart eine Haltung. Gott ist den Menschen nicht mehr so wichtig. Gott hat an Bedeutung verloren. Aber es ist nicht Gott, der an Bedeutung verliert, sondern Menschen verlieren die Bedeutung Gottes aus den Augen. Darum wird Gottesdienst oberflächlich und geschieht ohne wirkliche Freuden.

Dazu eine Geschichte:  

An Weihnachten beschenken sich die Menschen. Einmal mehr überlegte sich John, was er wem schenken wollte. Es galt klug abzuwägen. Den Schenken war mehr als Wohltätigkeit. er wollte seine Frau, die er liebte, mit etwas Besonderem überraschen. Bei seinem Chef, den er verachtete, dachte er an einen billigen Wein. Bei den Eltern wusste er wie so oft nicht, was sie noch brauchen könnten. Doch nichts zu geben, wäre ein falsches Signal gewesen. So entschloss er sich für eine Weihnachtstorte mit persönlicher Widmung. Die selbe Sorte, die er übrigens auch den Schwiegereltern zustellen lassen wollte.

Während er so überlegte, wurde ihm bewusst, wie berechnend er schenkte. Sympathie und Antipathie spielten eine grosse Rolle. Ebenso, wieviel er an Geschenken erwarten konnte von denen, die er seinerseits beschenken wollte.

Da dämmerte ihm die Frage. Sie liess sich nicht mehr wegdenken: Was ist mir Gott wert? Was will ich für Gott investieren?

Jörg Niederer

Samstag, 13. Dezember 2025

Huhn oder Ei

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Ein Haus mit Holzerker in Ennenda. Der Erker sieht verdächtig nach einem Plumpsklo aus.
Foto © Jörg Niederer
"Gäste werden auf dem Klo nicht alt, lässt man es dunkel und auch kalt." Toilettenspruch

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Die ewige Frage: Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Es kann nicht beides zugleich gewesen sein. So gestellt ist die Frage wissenschaftlich beantwortet. Das Ei gab es bei anderen Lebensformen schon lange vor dem Huhn. Schwieriger wird es, wenn man fragt: Was war zuerst da, eine Lebensform, die Eier legt oder das Ei, aus dem die Lebensform die Eier legt, geschlüpft ist? Naturwissenschaftlich ist die Frage beantwortet. Weder das Eine noch das Andere, sondern etwas davor, aus dem Spezies und zugehöriges Ei sich nach und nach entwickelten.

Diese philosophische Frage vom Huhn und Ei kann sich mitunter auch architektonisch stellen. Etwa wie auf dem Foto vom Haus mit den Holzerker, der über dem Hauseingang thront. Der Anbau sieht verdächtig nach einem ehemaligen Plumpsklo aus. Dann wäre der Hauseingang erst später an diese Stelle verschoben worden. Denn wer will schon über die Fäkaliengrube und unter dem Lokus hindurch das Haus betreten, immer in der Gefahr, vom Hausherrn oder der Hausdame im falschen Moment (an-)getroffen zu werden. Die Verlegung des Hauseingangs unter das Klo wäre folglich zeitgleich mit dem Anschluss desselben an die Kanalisation erfolgt.

Andererseits könnte auch der Hauseingang zuerst an dieser Stelle gewesen sein und das Plumpsklo stand einst freistehend hinter dem Haus zwischen den Blumenrabatten. Bei der Sanierung der Liegenschaft wurde dann der "Holzthron" im Garten ins Haus verlegt, was am einfachsten ohne grossen Raumverlust bewerkstelligt werden konnte, indem man es über dem Hauseingang in einen netten kleinen Holzerker platzierte. Unnötig zu sagen, dass das zeitgleich mit dem Anschluss an die Kanalisation erfolgt sein musste.

Das Klo über dem Hauseingang ist ein gar nicht so abwegiger (!) Standort. An beiden Orten hält man sich relativ kurze Zeit auf und an beiden Orten ist ein (An-)Kommen und (Ab-)Gehen. Beides sind willkommene (und will-kommende) Orte, ohne die ein Haus unvollständig wäre. Und an beiden Orten erfolgt ein Übergang von privatem zum öffentlichem Raum. Geschickt geplant darf der Natur hier ihren Lauf gelassen werden. Womit ich doch noch die Kurve gekriegt habe zum eigentlichen Anliegen dieses Blogs. Zur Natur, und ihrer Koexistenz mit Kultur und Philosophie.

Jörg Niederer

Freitag, 12. Dezember 2025

Die reichste Gemeinde der Schweiz

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Die Reihenarbeiterhäuser am Kirchweg in Ennenda sind teilweise mit geschweiften Quergiebeln versehen.
Foto © Jörg Niederer
"Eine wissenschaftliche Volkskunde hat nicht die Aufgabe, die Vergangenheit zu verklären, sondern sie zu verstehen..." Hans Trümpy (1917–1989) Volkskundler aus Ennenda

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Ennenda definiert sich von Ausserhalb. Denn der Ortsnamen bezeichnete ursprünglich ein Gebiet auf der anderen Seite des Flusses. Das meinte die ursprüngliche Bezeichnung "Ennet-A", also im Dialekt "ennet em Fluss".

Dort in Ennenda mussten die Bewohnerinnen einst keine Einkommenssteuern zahlen. Ende des 19. Jahrhunderts war der Ort vielleicht die reichste Gemeinde der Schweiz, was sich anhand des prunkvollen Gemeindehauses und der Villen gut erkennen lässt. Eine blühende und erfahrene Industrie war die Grundlage dazu. So heisst es im Wikipedia-Artikel: "Die Rechnungen wurden von den Fabriken und deren Herren übernommen – selbst für das Armenwesen."

Es begann im Jahr 1616. Da waren Schiefertische das grosse Geschäft. Später wurde der Stoffdruck und die Glarner Tücher zum Exportschlager. Fast alle Industrieunternehmen im Kanton waren irgendeinmal in den Händen von Investoren aus Ennenda. Auch besassen die Industriellen grosse Teile des Klöntals.

Das war einmal. Heute hat der Schweizer Chocolatier Läderach hier seinen Sitz. Wollen die Touristen jedoch mehr Schokoladiges erleben, gehen sie ins "House of Läderach" nach Bilten.

Was es in Ennenda auch gibt: Gut erhaltene Reihen-Arbeiterhäuser am Kirchweg. Im Wikipedia-Artikel gibt es davon ein sehenswertes Luftbild von 1925, aufgenommen vom Luftfahrtspionier Walter Mittelholzer.

Auch faszinierend: Vom tiefsten Punkt der Gemeinde auf 462 m ü. M. bis zum höchsten Punkt am Schwarzstöckli auf 2348 m ü. M. geht es 1886 Meter aufwärts. Wandernd errechnet SchweizMobil zwischen den beiden Punkten eine Wanderzeit von etwas mehr als 7 Stunden bei einer Distanz von nur gerade 10,2 Kilometern. Das wäre doch einmal eine Bergtour für ambitionierte Wandernde, die dann ja auch noch den Rückweg antreten müssten.

Jörg Niederer

Donnerstag, 11. Dezember 2025

In der Talmulde

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Die Orte Ennenda und Glarus in der Wintersonne. Im Hintergrund die Berge Glärnisch und Rautispitz.
Foto © Jörg Niederer
"Gott gab die Zeit, von Eile hat Er nichts gesagt." Anschrift an einem Haus in Glarus

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Heute gibt es ein Gedicht von Jakob Vogel (1816-1899). Der Glarner hatte seine Druckerei direkt beim Landsgemeindeplatz. Genannt wurde er der "Vogel von Glarus". In dieser wunderschönen Landschaft muss wohl gedichtet werden.

"Der Tag verblüht

Der Tag verblüht / Und in der heil'gen Stille / Stirbt hin das Lied, / Das klagende, der Grille.

Kein Lüftchen geht; / Das Bächlein murmelt leise / Im Kieselbett / Die alte Wanderweise!

Die Höh'n verglühn / Und es fängt an zu dunkeln – / Am Himmel blühn / Die Sterne auf mit Funkeln!

Ruh', ringsrum Ruh'; / Ja, alles atmet Frieden: / O, gieb ihn du, / Natur, auch mir, dem Müden!"

Jörg Niederer 

 

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Erstes Hospiz im Kanton Glarus

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Das zu den Bethesda Alterszentren AG gehörende Salem in Ennenda wird aktuell umgebaut.
Foto © Jörg Niederer
"Mitgefühl bedeutet, ich kümmere mich um den Anderen - ich sorge für ihn. Wenn wir einen Menschen in unserer Institution glücklicher und freudiger machen können, so sollten wir es auf jeden Fall tun, mag er uns darum bitten oder nicht." Martin Ammann, Zentrumsleitung Alters- und Pflegezentrum Salem

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Gestern holte ich einen weiteren Abschnitt auf meinem Kapellenweg zu Häusern aus methodistischer Tradition nach. Es ging von Glarus via Ennenda nach Netstal. Diesmal war ich gemeinsam mit meiner Frau unterwegs.

Deben den bisherigen Wohnbereichen mit 70 Zimmern wurden im Neubau Salem Park 19 Alterswohnungen erstellt.
Schon nach nicht einmal zwei Kilometern Wegs kehrten wir im Salem zu einem feinen Mittagessen ein. Das Salem Ennenda gehört wie die Seerose (Siehe Beitrag vom 2. Dezember!) zu den Bethesda Alterszentren AG. Auf Einladung des dortigen Seelsorgers und Pfarrkollegen verbrachten wir eine anregende Stunde in der Cafeteria. Zum Mittagessen gab es ausgezeichnete Kürbisstrudel.

Das Salem Ennenda entstand aus einer diakonischen Pflegeeinrichtung im Jahr 1917, gegründet vom Prediger der Freien Evangelischen Gemeinde (FEG). Nach verschiedenen Ausbauten übernahm 2013 die zum Diakonat Bethesda Basel gehörend Bethesda Alterszentren das Werk. 2015 wurden bei einem Anbau weitere Zimmer erstellt. Damit gibt es im Salem Ennenda nun 70 Betten in fast ausschliesslich Einzelzimmern. Ebenfalls in den Häusern zu finden ist die Demenzabteilung mit dem passenden Namen "Vergissmeinnicht".

Eine Besonderheit ist das erste Hospiz im Kanton Glarus, das im Salem Ennenda untergebracht ist. Dort werden Menschen palliativ und seelsorglich auf ihrem letzten Lebensabschnitt begleitet. Nach einem Testbetrieb von vier Jahren hat die Glarner Regierung den dauerhaften Betrieb von drei Hospizbetten beschlossen.

Ganz neu sind seit 2025 in einem schönen Neubau, dem Salem Park, 19 Alterswohnungen entstanden. Sie runden das Angebot des Alterszentrums ab.

Ein Standortvorteil an diesem Ort ist auch die atemberaubende Berglandschaft, in der wir uns nach dem Besuch im Salem dann noch wandern weiterbewegten. Sehr empfehlenswert ist dabei der "Glarus Rundweg" auf dem Abschnitt zwischen Ennenda Oberdorf und Ännetrösligen, wobei im Winter auf die Lawinengefahr zu achten ist. Der Weg führt leicht erhöht zwischen wunderschön erstellten Trockensteinmauern östlich von Ennenda dem Hang entlang. Dabei gibt es immer wieder für die Region charakteristische Architektur zu bestaunen, und natürlich auch die Berge Glärnisch, Rautispitz, Gumenstock, Schijen und noch viele mehr.

Jörg Niederer

Dienstag, 9. Dezember 2025

Fridlis Friedhof

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Der Friedhof von Niederurnen mit seinen kahlen schneeweissen Birken. Im Hintergrund erhebt sich der Fridlispitz über dem Totenacker.
Foto © Jörg Niederer
"In dir selbst ist eine Ruhe und eine Heiligtum, in welches du dich jederzeit zurückziehen und ganz du selbst sein kannst." Hermann Hesse (1877-1962)

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Heute ist mein einhundertster Tag nach der Pensionierung. Es war bisher eine bewegte Zeit. Manche Stunde haben ich beim Herumstreifen verbracht. So bin ich auch am Friedhof Niederurnen vorbeigekommen. Jetzt im Winter leuchten die schneeweissen Birken am Rand der Gräberfelder im Sonnenlicht. Über dieser Szenerie erhebt sich der Fridlispitz. Erst als ich den Namen dieses Grenzbergs zur Linthebene buchstabierte, wurde mir bewusst, dass der Gipfel seinen Namen wohl auch vom Glarner Heiligen, von Fridolin geerbt hat.

Besagter Fridolin habe laut Legende (Siehe Beitrag vom 4. Dezember) einen adligen Toten zeitlich begrenzt auferweckt. Oft wird er daher gemeinsam mit dem Skelett des wiederbelebten Ursus dargestellt. Mir scheint, diese Totenerweckung ist eher rudimentär ausgefallen und enthält etwas viel Halloween-Grusel.

Friedhöfe sind Orte der Ruhe. So wird in der neusten Ausgabe der Kultur- und Wanderzeitschrift "Transhelvetica" zum Thema "Stille" dazu geraten, die Ruhe auch auf Friedhöfen zu suchen.

Was mich betrifft, schätze ich den Gang zwischen den Gräbern durchaus. Solange ich dort noch nicht die letzte Ruhe suche, geht der Ruhestand noch recht dynamisch weiter.

Jörg Niederer

Montag, 8. Dezember 2025

Von Flugshows und Bärenstichen

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Der Flughafen Mollis an einem ruhigen Morgen. Im Hintergrund der von Wolken teil verborgene Rautispitz-Ostgrat.
Foto © Jörg Niederer
"Als Nation können wir stolz darauf sein, dass wir weichherzig sind; aber wir können es uns nicht leisten, weich im Kopf zu sein." Franklin Delano Roosevelt (1882–1945)

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Der Flugplatz Mollis war lange Jahre ein Militärstandort. An einem ersten Flugtag im Jahr 1923 landete Walter Mittelholzer auf der damaligen Rasenpiste. Ab 1972 ist dort die Heli Linth angesiedelt, ab 1974 die Schweizerische Rettungsflugwache Rega. Bei Airshows landete hier auch schon einmal eine Lockheed Super Constellation. 2016 kamen einmal 25'000 Besucher:innen zu einer Zigermeet, wie man diese Flugvorführungen nannte. Als ich am Flugfeld vorbeiwanderte, startete ein einsamer Privatjet, und danach übten Flugschüler Landeanfüge und Starts, dieweil ein Mitarbeiter von der Rega sich an einem Heli zu schaffen machte. Sonst blieb es ruhig auf dem Rollfeld und bei den Hangars. Das gefällt mir. Da gibt es keine Reisenden mit grossen Koffern und Strohhüten. Es geht an diesem Morgen beschaulich und geruhsam zu und her.

Per Fahrrad und zu Fuss bewegt man sich über mehrere hundert Meter auf dem Gelände des Flugplatzes parallel zur Piste und passiert dabei getarnte und militärisch ausrangierte Flugzeughallen, um dann an Baustellen vorbei die ersten Häuser des Orts Mollis zu erreichen.

Mich hat fasziniert, wie sich die Wolken am Rautispitz-Ostgrat stauten und einem Schleier gleich den steilen östlichen Felsabbruch verbargen. Direkt da oben im Nebel wäre der für versierte Wandernde mit Klettererfahrung ersteigbare Bärenstichkopf. Woher er seinen Namen hat, konnte ich nicht herausfinden. Was ein Bienenstich ist, weiss ich. Einen dieser süssen Mehlspeisen gleichen Bärenstich ist mir nicht bekannt. Aber man muss ja nicht wissen, warum etwas heisst wie es heisst, um daran seine Freude zu haben.

Den Namen Mollis dagegen kann man erklären. Er kommt nicht etwa davon, dass dort mollige Menschen wohnten. Im Ortsnamen-Verzeichnis wird es so erklärt: "Mollis ist ein sekundärer Ortsname, der auf einen ursprünglichen Flurnamen vom Typus *mollĭānu(s) 'weicher, sumpfiger Boden' zurückgeht." Ob das Adjektiv "mollig" ebenfalls auf die latinische Bezeichnung von etwas Weichem zurückzuführen ist?

Jörg Niederer

Sonntag, 7. Dezember 2025

Gerechtigkeit und Frieden

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Adventsschmuck hängt goldig glitzernd über den langen Rolltreppen am Flughafen Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Güte und Treue finden zueinander. Gerechtigkeit und Frieden küssen sich. Treue wächst aus der Erde empor. Gerechtigkeit scheint vom Himmel herab." Bibel, Psalm 85,11+12

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Hass und Neid spucken sich an, aber "Gerechtigkeit und Frieden küssen sich".

Auf dem dunklen Hintergrund von Hass und Neid wird die Zärtlichkeit im Bild von Gerechtigkeit und Frieden, die sich küssen, speziell deutlich. Da geht es nicht um den Buchstaben des Gesetzes, auch nicht um die Abwesenheit von Krieg. da geht es um das verliebte Zusammensein, um die Potenzierung der Geborgenheit. Es sind Hoffnungsbilder, welche die Psalmschreibenden mitten in eine erfüllt unerfüllte Verheissung hineingesprochen haben. Israel war nach dem Exil ins Land der Väter und Mütter zurückgekehrt und fand sich dort wieder einmal mehr in einem Land, das seinen Ertrag nur im Angesicht des Schweisses und der ständigen Bedrohung durch böse Nachbarn brachte. Dahinein ist die Verheissung Gottes wie die Hand der Mutter, die dem traurigen Kind über die Wange fährt, wie der Kuss zweier Verliebter, der alle Liebesbeteuerungen und Worte übersteigt und hinter sich zurücklässt. Drei Worte treffen den Sachverhalt: "Gott ist Liebe". Das gilt auch für diese Adventszeit.

Jörg Niederer

Samstag, 6. Dezember 2025

Morscher, leuchtender Berg

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Der Mattstock zeigt seine höchsten Gipfel über dem Nebel in hellen Licht, dieweil die Welt bei Netstal noch im Schatten dämmert.
Foto © Jörg Niederer
"Oft denke ich an den Tod, den herben, / Und wie am End' ich's ausmach'?! / Ganz sanft im Schlafe möcht' ich sterben - / Und tot sein, wenn ich aufwach'!" Carl Spitzweg (1808–1885)

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Nach so viel Kultur kommt heute wieder einmal etwa Natur. Der Blog heisst ja nicht "Nicht nur Kultur", sondern "Nicht nur Natur"; also sollte die Natur doch leicht im Vorteil sein.

Bewegt man sich von Zürich her auf den Walensee zu, erhebt sich rechts von diesem ein Berg, der ein wenig aussieht wie eine Burg mit zwei Türmen an jeder Seite. Mürtschenstock wird er genannt. Er teilt sich auf in den Vorderstock (Böder), Mittstock (Fulen) und Hinterstock (Ruchen). Seine Namen hat der Berg wohl aufgrund seines geologischen Zustands. Die Kalke, aus denen er besteht, sind äusserst brüchig, beziehungsweise morsch. Genau das ist mit "Mürtschen" gemeint. Ebenso wird Ruchen mit "rau" und Fulen mit "faul" in Verbindung gebracht.

Dieser Berg zeigte am 1. Dezember morgens um halb Zehn nur gerade seine höchsten Erhebungen, als ich ihn von Ziegelbrücke aus erblickte. Was von ihm zu sehen war, leuchtete jedoch umso heller, während die restliche Welt noch in Nebel und Schatten getaucht dem Tag entgegendauerte.

So kann der Advent auch sein. In einer Welt, in der alles zu zerbröckeln scheint, erstrahlt ein Licht der Hoffnung.

Jörg Niederer

Freitag, 5. Dezember 2025

Untersuchungsverfahren

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Die Höhere Fachschule in Ziegelbrücke.
Foto © Jörg Niederer
"Der Untersuchungsausschuss gestaltet sein Verfahren nach freiem Ermessen, hat jedoch dem Beschuldigten, dem Anzeigeerstatter und dem zuständigen Pastoralen Mitglied mit Aufsichtsfunktion Gelegenheit zu persönlicher Anhörung zu geben." Kirchenordnung der Evangelisch-methodistischen Kirche, Art. 7,3 

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Wieder einmal wandere ich an der Höheren Fachschule in Ziegelbrücke vorbei. Vor Jahren als ich Distriktsvorsteher (eine Art Regionalverantwortlicher mit Aufsichtsfunktion) war, fand hier die einzige, je gegen mich erfolgte kircheninterne Untersuchung gegen mich statt. Eine Pfarrperson fühlte sich von mir ungerecht behandelt. Geleitet wurde das Verfahren, das zu meinen Gunsten ausging, durch eine Laienperson aus der Kirche. Genau dieser Frau bin ich drei Stunden bevor das Foto von der Fachschule entstand, zufällig auf dem Bahnhof Ziegelbrücke begegnet. Zuvor habe ich sie gut zehn Jahre nicht mehr gesehen.

Ich stand also auf dem Bahnhof und wartete auf den Zug nach Glarus, da glaube ich einige Perrons entfernt eben diese Frau zu sehen, zusammen mit ihrem Ehepartner. Ich mache mich bemerkbar, winke. Zaghaft winken die beiden zurück, doch ich kann gut erkennen, dass sie sich unsicher sind. Fragend schauen sie zu mir herüber. Ich hole meinen Schlauchschal hervor, zeige auf das Logo der Evangelisch-methodistischen Kirche, zu der wir beide gehören. Doch sie kann es wohl aus der Distanz nicht erkennen. Dann steige ich in den zwischenzeitlich eingefahrenen Zug ein.

Zuhause schreibe ich der Frau, will wissen, ob ich da eine wildfremde Person verunsichert habe, oder ob sie es wirklich gewesen ist. So sicher bin ich mir nicht mehr; in meinem Alter meint man ja manchmal Dinge oder Personen zu sehen, die es gar nicht gibt.

Nach einigen Tagen kommt die Antwort. Ja, sie war es. Meine Aktion mit dem Schlauchtuch habe sie jedoch vollends verunsichert. "Als du dann noch eine Schal geschwenkt hast, war ich mir nicht mehr sicher", schreibt sie.

So kann es gehen. Was helfen soll, irritiert erst recht. Fast ein wenig so, wie damals bei der Untersuchung gegen mich.

Jörg Niederer

Donnerstag, 4. Dezember 2025

Bei Fridolin

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Der Heilige Fridolin, Kantonspatron von Glarus, steht bei Näfels auf einem Kreisel, geschmückt mit vielen Luftballons.
Foto © Jörg Niederer
"Mit ihren Herden wieder hin, / ziehen die Schäfer an Fridolin." Bauernregel zum Namenstag von Fridolin am 6. März.

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Beim Namen Fridolin kam mir lange Jahre vor allem ein Dackel in den Sinn. Die Geschichte, geschrieben von Franz Caspar, dem Autor des noch bekannteren Buchs "Rösslein Hü", war in den meisten Kinderzimmern zuhause. So auch in meinem. Erst viel später wunderte ich mich, dass ein Dackel ausgerechnet den Namen eines Kantonsheiligen trägt, notabene des einzigen Menschen auf einem schweizerischen Kantonswappen.

Fridolin ist mir denn auch mehrfach im Kanton Glarus begegnet. Noch bin ich auf meiner Kapellentour nicht ganz fertig mit diesem Stand. Es fehlen noch etwa zehn Kilometer Glarus.

Wer ist nun dieser Heilige Friedolin, der stets mit Wanderstab und Bibel dargestellt wird? Selbst bei der stilisierten Figur auf dem Kreisel bei Näfels dürfen diese beiden Attribute nicht fehlen, auch wenn abgesehen vom Kopf und den Händen wenig an eine menschliche Gestalt erinnern.

Fridolin soll in Bad Säckingen DE das sogenannte Fridolinskloster gegründet haben. Das war im 6. Jahrhundert. Der adlige Fridolin wurde in der irischen Klosterschule des Erzbistums Armagh ausgebildet, war aber nie ein Mönch. Die Legende erzählt, wie dieser Fridolin sich um den Wiederaufbau des Klosters Poitiers in Gallien bemühte, um sich nach vollendetem Werk als Wanderprediger auf Missionsreise zu begeben. Diese habe ihn dann über Metz und Strassburg nach Chur geführt. Seine Kirchen- und Klostergründungen, auch die spätere in Säckingen, waren alle dem Heiligen Hilarius von Poitiers geweiht.

In den Besitz von Glarus kam Fridolin durch eine Schenkung der Brüder Ursus und Landolphus, wobei letzterer versucht haben soll, ihn nach Ursus' Tod um seinen Anteil zu betrügen. Darauf habe Fridolin Ursus vorübergehend vom Tod auferweckt, um diese Sache klipp und klar durch Ursus klären zu lassen.

Das ist denn auch der Grund, warum Friedolin Schutzheiliger gegen Erbschleicherei ist.

Endgültig zum Kantonspatron wurde Fridolin in der Schlacht zu Näfels am 9. April 1388, in der die Glarner unter dem Banner des Fridolin die habsburgische Übermacht aus der Eidgenossenschaft vertreiben konnten.

Kriegerisches habe ich in Glarus nicht vor. Das Erbe des Fridolin muss ich ihm auch nicht streitig machen. Aber wandernd fühle ich mich dem Mann aus Irland schon ein wenig verbunden. Fridolin, wir sehen uns!

Jörg Niederer

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