Ein Zitat
"Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen 'Dies gehört mir' und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: 'Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört'." Jean Jacques Rousseau (1712–1778)
Foto © Jörg Niederer
Hingesehen
Auch ein Vollpfosten kann ein vielfältiges Biotop für allerlei Lebensformen sein. Aber bekannt ist der Ausdruck vor allem als Beleidigung, und zwar offiziell geadelt vom Duden seit 2013. Wir haben es also mit einer relativ neuen Redewendung zu tun, wenn der Satz fällt: "Du bist so ein Vollpfosten". Gemeint ist, dass jemand richtig dumm ist. Normaler Weise kostet ein Pfosten so ab 6 bis 100 Franken, je nach Durchmesser und Holzart. Für Arjen Robben kostete der Vollpfosten, gesagt zu einem Schiedsrichter in einem Fussballspiel im Jahr 2011, 15'000 Euro Strafe. Vielleicht war das der teuerste Vollpfosten aller Zeiten.
Nach einigen Jahren sieht man dem Pfosten das Alter an. Dann ist er aus ökologischer Sicht besonders wertvoll, selbst wenn er eigentlich für seine Aufgabe zu morsch geworden sei sollte. So ein in die Jahre gekommener Vollpfosten kann zum Lebensraum werden von Moosen, Flechten, Käfern und Pilzen.
Als Luz Röhrich das Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten schrieb, gab es den Ausdruck Vollpfosten im übertragenen Sinn noch nicht. Unter seinem Eintrag zu "Pfosten" aber finden sich zwei andere Redewendungen aus dem niederdeutschen Kulturraum. "Dat Hus steiht up papierne Pöste" sagt man, wenn ein Anwesen verschuldet ist. "Dat sitt dao in de Pöste" wiederum drückt typisch familiäre Merkmale oder Verhaltensweisen aus. Sehr bekannt ist wohl auch der "Wink mit dem Zaunpfahl". Damit ist ein auch für einfache Gemüte unübersehbarer Hinweis auf einen Sachverhalt gemeint. So unübersehbar wie ein Zaunpfahl, den einer an den Kopf bekommt.
Gut möglich, dass nach den Feiertagen im ländlichen Umfeld der eine oder andere Weihnachtsbaum zu einem Pfosten weiterverarbeitet oder im Schrebergarten zur Bohnenstange wird. Wie auch immer: Ohne Voll- oder Hohlpfosten kommt die Menschheit schon lange nicht mehr aus. Diese müssen ja nicht immer an der Spitze eines Staatswesen zu stehen kommen.
Jörg Niederer
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