Freitag, 23. Januar 2026

Hoffnungspower

Ein Zitat

Stilles Warten, einige Minuten vor Beginn des OrgelWorts in der Kathedrale St. Gallen.
Fotos © Jörg Niederer
"Wir sind nie fertig mit Hoffnung." Peter Grüter, christkatholischer Pfarrer in St. Gallen

Hingesehen

Es gibt Anlässe wie kürzlich am Weltwirtschaftsforum Davos, die ausserordentlichen Zulauf haben, für die Riesensummen ausgegeben werden, die sich dann aber als langweilig, langfädig, selbstbeweihräuchernd und nichtssagend herausstellen. Anschliessend schämt man sich, dass man applaudiert hat, ja aufgestanden ist und Vorschusslorbeeren verteilt hat. Und dann gibt es Anlässe wie das OrgelWort in der Stadt St. Gallen, mit genialer Orgelmusik, herausragenden Texten, zu denen sich gerade einmal 35 Menschen einfinden und sich fragen, warum da nicht mehr gekommen sind. Gestern war ich dabei, als dieser Anlass im Rahmen der Gebetswoche für die Einheit der Christ:innen je zur Hälfte in der Kathedrale und der Kirche St. Laurenzen stattfand. Musikalisch und wörtlich ging es um die Hoffnung. An den Orgeln Christoph Schönfelder (katholisch) und Bernhard Ruchdi (reformiert). Sprachlich dicht äusserten sich die Seelsorgerin Hildegard Aepli (römisch-katholisch) der Pfarrer Peter Grüter (christkatholisch) und Pfarrerin Kathrin Bolt (reformiert).

Es war eine mutmachende Gegenwelt zu dem Bullshit der Mächtigen, die da in den beiden Sakralbauten in einer Stunde entstand und nicht mehr verging.

Hoffnung ist nicht das, was übrig bleibt, wenn nichts mehr übrigbleibt. Hoffnung ist nicht die Illusion von Ausweg. Für mich hat Hoffnung, so still und wohltemperiert sie manchmal daherkommt, Wucht. Es entsteht durch sie eine unaufhaltsame Dynamik, einem Stein gleich, der ins Rollen kommt und nicht mehr aufgehalten werden kann. Rock 'n' Roll halt, kraftvoll, unwiderstehlich, explosiv. Dynamit, so wie die Kirchenmusik der Afroamerikanerinnen Arizona Dranes (1889-1963) mit ihren verrückten E-Gitarren-Solo (siehe dazu Beitrag vom 5. Januar 2023!) oder Sister Rosetta Tharpe (1915-1973). Entstanden in der scheinbaren Ausweglosigkeit der Sklaverei wird da Hoffnung so richtig laut und unüberhörbar. Man wollte – und will es immer noch – Menschen hoffnungslos mundtot machen, doch sie sangen umso lauter. Nahm man ihnen die Stimme, sangen sie im Herzen.

Über solche Hoffnung habe ich am diesjährigen OrgelWort nachgedacht während ich den leiseren Hoffnungsworten und den vielfältigen und dynamischen Orgelklängen lauschte. Hoffnung halt, die sich nicht an orangen Häuptern und überheblichen Gesinnungen orientiert, sondern an der Hoffnung, wie sie schon Menschen aus biblischen Zeiten kannten. Hoffnung gegen alle Hoffnungslosigkeit.

Jörg Niederer

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