Mittwoch, 14. Januar 2026

Die Peitsche der Mineure

Ein Zitat

Die Larve einer Miniermotte überwintert in dem von ihr windungsreich in ein Brombeerblatt gefressenen Gang.
Foto © Jörg Niederer
"Steckst du im Tunnel, folge dem Licht." Andreas Tenzer (*1954)

Hingesehen

Bei einem Biohalt in der Natur entdeckt man mitunter kleine, verborgene Dinger. So etwa diese Larve einer Miniermotte in der von ihr gefressenen Blattmine in einem Blatt der Brombeere.

Der Frassgang beginnt da, wo die Linie ganz dünn ist. Frisch aus dem Ei geschlüpft, beginnt sich die winzige Larve durchs Blatt zu fressen. Dabei wächst sie, was dazu führt, dass der Frassgang immer breiter wird. In dieser silbrigen Spur erkennt man bei genauerem Hinsehen auch dunkle Stellen. Wohl die Ausscheidung der Mottenlarve. Sie selbst ist auch zu entdecken; ganz rechts, da wo die Silberlinie am Breitesten ist sieht man das kleine Würmchen.

Nun ist es Winter, und so stellt sich die Frage: Ist die Mottenlarve noch am Leben? Das kann durchaus sein, denn manche Miniermottenlarven überwintern auf diese Weise im Blatt.

Was ist es für eine Mottenart? Das ist nicht einfach zu sagen bei der Larve. Immerhin gibt es in Europa 230 Arten der Miniermotte. Weltweit sind 1000 Arten bekannt. In Frage kommen Stigmella aurella (die Goldschultrige Rosenminiermotte) oder Stigmella splendidissimella. Letztere hat keinen deutschen Namen, wird aber in Holland Zierliche Brombeerminiermotte genannt.

Miniermotten heissen übrigens so, weil sie Gänge fressen, und es damit den Mineuren gleichtun, die Tunnel durch Berge bohren. Oder müsste man sagen: die Mineure tun es den Miniermotten nach, die das Tunnelbohren schon seit Millionen von Jahren und damit deutlich vor den Menschen beherrschten.

Die Blattmine hat auch etwas künstlerisches. Silbrig windet sie sich über das Blatt, wie eine Peitschenschnur, deren Ende, beschleunigt auf Überschall, kurz vor dem lauten Knall fotografisch eingefroren wurde. Dass es zum Knall kommt beim Peitschenschwingen, setzt interessanter Weise voraus, dass die Peitschenschnur schon doppelte Schallgeschwindigkeit erreicht hat. Für mich eine neue Erkenntnis. Zu welchem (unnützen) Wissen mich doch so eine winzige Larve der Miniermotte gebracht hat an diesem Morgen.

Was man nun auch tun könnte: Über die Wendungen und Windungen des Lebens nachdenken.

Jörg Niederer

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