Ein Zitat
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| Foto © Jörg Niederer |
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Vorweg: Zum heutigen nationalen Trauertag empfehle ich die berührenden Worte auf SRF1 von meinem Kollegen Stefan Moll.
Nun zu einem anderen, der etwas zu sagen hat: Ich glaube, von ihm muss ich noch mehr lesen. Einst foppte er die ganze philologische und literarische Universitätselite, als er behauptete, Jeremias Gotthelf sei nur der Ghostwriter des Bauern Johann Ulrich Geissbühler gewesen. Das nahmen sie ihm sehr übel. Carl Albert Loosli starb im Jahr 1959, vier Monate, bevor ich das Licht der Welt erblickte. Er war eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Mit bissigen Beiträgen in vielen Berner Zeitungen fiel er auf. Geschöpft hatte er wohl aus seinen Erfahrungen in Waisenhäusern, im Paris der Dreyfuss-Ära, und auf Drogenentzug in der Waldau. Er war mit dem Schweizer Maler Hodler befreundet. Er setzte er sich für Verdingkinder und gegen Antisemitismus ein. Sein Anliegen war eine demokratischere, gerechtere Schweiz. Als man 1933 den jüdischen Philologen Jonas Fränkel von dessen Arbeit an den Gottfried-Keller- und Spitteler-Editionen ausschloss, war er einer der wenigen, die sich gegen diese antisemitischen Machenschaften wehrte.
Zu seinen Lebzeiten schon wurde er "Philosoph von Bümpliz" genannt.
In einen Leitartikel im Berner Boten schrieb er einst über den Glauben. Als Einstieg diente ihm die folgende Geschichte: "Ein Atheist, der sein Leben lang an der Existenz Gottes gezweifelt und aus seiner Überzeugung nie einen Hehl gemacht hatte, war gestorben und erschien nun vor dem höchsten Richterstuhl. da erkannte er seinen Irrtum und verzweifelte. 'Verdamme mich Herr! Ich sehe, du bist, und ich habe dich immer verleugnet!' Da lächelte der Richter milde und sprach: 'Gehe ein zu der ewigen Freude. Du hast mich immer verleugnet, das ist wahr; aber du tatest es aus ehrlicher Überzeugung. Das ewige Feuer ist nur da für die, welche meinen Namen auf den Lippen führen, ohne meinen Willen zu tun.' Und der Atheist ging zur ewigen Wonne ein."
In der Folge gibt es in dieser Kolumne noch weitere spannende Formulierungen über den Glauben. Etwa diese: "Nur ihr, die ihr glaubt, lästert Gott, indem ihr ihn so beschränkt denkt, wie ihr selber seid... Euer Glaube ist keine lebendige Kraft, die euer Handeln leitet, sonst würdet ihr nicht richten und nicht verdammen."
Oder: "Denn die Liebe, welche von Gott ist, lässt sich ebensowenig wie die Wahrheit, die auch von Gott ist, von Staates wegen ausbeuten."
Und zuletzt: "Der Wunder grösstes ist die Liebe. Nur wer liebt, ist gläubig; allein wer liebt, hat Gott. Uns fehlt weder die Kraft noch der Wille zum Glauben. Aber das Wunder der Liebe fehlt uns: der Liebe, die nicht richtet, die nicht zürnt, sondern duldet, erträgt, begreift."
Jörg Niederer

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