Samstag, 31. Januar 2026

Gerechtigkeit mit und ohne Augenbinde

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Die historische Justitia von Hans Dub steht seit 1994 wieder vor dem Rathaus in Zofingen. Frauen haben sie zurückgefordert.
Fotos © Jörg Niederer
"Die Gerechtigkeit ist nichts anderes als die Nächstenliebe des Weisen." Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646-1716)

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Ein wenig sieht sie aus wie aus einem Band von Asterix und Obelix entsprungen. Die Justitia von Hans (Johann) Dub (1575–1613) vor dem Rathaus Zofingen. Zwei der drei üblichen Attribute sind bei diesem Werk vorhanden. Das Richtschwert für die Entscheidungskraft und die Waage für Gerechtigkeit. Was fehlt, ist die Augenbinde für die Unparteilichkeit.

Die Justitia befand sich einst dort, wo seit 1893 der Stadtheld Niklaus Thut über Zofingen wacht. Am Frauenstreiktag vom 14. Juni 1991 verlangten die protestierenden Frauen die weibliche Justitia wieder zurück. So steht seit 1994 ein Replikat dieser Figur mit den männlichen Gesichtszügen vor dem Rathaus auf einem Sockel und zugleich auf Augenhöhe mit Niklaus Thut.

Die originale Figur befindet sich im Museum Zofingen.

Eine Augenbinden trug die Justitia erst so ab dem 15. Jahrhundert. Zuvor wurde sie oft blind dargestellt, oder hatte nur ein Auge offen. Beides symbolisierte, wie die Augenbinde, Unparteilichkeit. Doch schon immer wurde sie auch sehend und ohne Augenbinde dargestellt. Damit wird stärker betont, dass die Justitia genau hinsehen und die konkreten Lebensumstände mit ins Urteilen einbeziehen müsse.

Justitia mit und ohne Augenbinde hat also etwas mit dem Verständnis von Schuld zu tun. Soll man ohne Ansehen der Person bei allen gleich hart urteilen, oder gibt es strafmildernde Gründe in der Geschichte und den Lebensumständen eines Menschen? Soll ein Menschen, der aus Hunger stiehlt, genauso gehenkt werden wie einer, der aus Habgier stiehlt?

Ich gebe es zu. Mir leuchtet eine Justitia ohne Augenbinde mehr ein. Aber unparteiisch muss sie trotzdem sein. Gelb-orange Haare passen bestimmt nicht zu ihr.

Jörg Niederer

Freitag, 30. Januar 2026

Auf einer Million Franken sitzen bleiben

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"the money bank – Ort der Begegnung" ist ein Kunstprojekt, das unter Anleitung von Heinz Aeschlimann 2013 durch sechs junge Künstler in Zofingen verwirklicht wurde.
Fotos © Jörg Niederer
"Meiner Bank ist richtiges Gendern echt wichtig. Sie unterstützt auch alle Trans-aktionen" Paul Linus Urban, Das Witzebuch, Band 2, S.97

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Auf dem Alten Postplatz, direkt neben der Raiffeisenbank in Zofingen, steht das Kunstprojekt "the money bank – Ort der Begegnung". Wer etwas über die international bekannten Werke von Heinz Aeschlimann weiss, erkennt sofort die Formsprache des Künstlers. Diese an Puzzleteile erinnernde Gestalt taucht in seinen Werken immer wieder auf. Auch die zwei Aussparrungen sind typisch. Beim vorliegenden Werk werden diese Aussparrungen durch einsehbare Behältnisse ausgefüllt. Beim Kunstwerk handelt es sich um ein Geschenk der besagten Bank an die Region Zofingen. Entstanden ist es 2013 für eine internationalen Ausschreibung im Rahnen des Förderprogramms "Artist in Residence" durch sechs junge Künstler unter der Schirmherrschaft von Heinz Aeschlimann.

Nun war es gestern bei Regen nicht sonderlich einladend, auf diesem Kunstwerk – es ist als Sitzgelegenheit gedacht, also als eine lustig gestaltete Bank – Platz zu nehmen. Sonst hätte man sich am einen Ende auf Kleingeld setzten können, und am anderen Ende auf eine Million Franken. Diese Million wurde zuvor zu feinen Schnipsel geschreddert. Vermutlich handelt es sich dabei sowieso um ausrangierte Banknoten, die nun hier im öffentlichen Raum für keinen Menschen mehr einen grossen Wert ausmachen. Würde ein "Bankräuber" diese Fitzelchen entwenden, er bliebe auf einer Million Franken sitzen, und hätte doch gar nichts davon.

Da hat eine Geldentwertung stattgefunden zugunsten einer Kunstaufwertung. Das sollte noch viel öfter geschehen.

Jörg Niederer

Donnerstag, 29. Januar 2026

Der Biber vom Bahnhof Frauenfeld

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Ein Biber schwimmt direkt neben dem Bahnhof Frauenfeld in der Murg unter dem Fussgängersteg hindurch.
Fotos © Jörg Niederer
"Des Menschen Charakter ist sein Schicksal." Heraklit (um 520 - um 480 v. Chr.)

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Sonntagmorgen an der Murg, direkt beim Bahnhof Frauenfeld. Schon von weitem sehe ich ihn heranschwimmen, direkt auf den Steg zu, auf dem ich stehe. Auch ganz nahe taucht er nicht ab, schwimmt direkt unter mir hindurch. Erst auf der anderen Seite der Brücke taucht der Biber weg, und verschwindet irgendwo im Uferbereich.

Biber haben zurückgefunden in die Schweiz. Erste Auswilderungen im Jahr 1956 in Genf und an weiteren Orten haben heute zu einer Population von 4900 Tieren geführt. Überall im Schweizer Mittelland und in weiten Alpentälern sind sie heimisch geworden.

Da Biber Landschaften grossflächig umgestalten können und dabei Kulturland auch betroffen sein kann, da sie auch nicht Halt vor Obst- und anderen Bäumen machen, finden sich zunehmend Stimmen, die ihre Bejagung fordern.

Und kaum sind erste Fischotter in die Schweiz zurückgekehrt, heisst es auch von diesen Tieren, sie würden zu viel Fisch fressen, man müsse sie wieder vertreiben.

Dasselbe bei verschiedenen Wasservögeln. Diskutiert wird, ob Gänsesäger und Haubentaucher, ganz zu Schweigen von Kormoranen, wieder bejagt werden sollen, da sie zu zahlreich seien und den Fischern zu viel Fisch wegfressen. In der Konsequenz müsste es bei dieser geforderten Jagdstrategie doch auch den Eisvögeln an den Kragen gehen. Immerhin frisst ein einziger dieser farbenprächtigen Vögel täglich mindestens sechs Jungfische.

Eine diskutierte Bejagung von Kormoranen im Winter bringt aber nicht viel, weil die Vögel, die dann bei uns in der Schweiz sind, nicht die selben sind wie die, welche im Frühjahr und Sommer bei uns brüten.

Kormorane, die in grossen Kolonien brüten und mit ihrem scharfen Kot ganze Baumbestände abtöten können (genauso wie die Biber, indem diese Baumbestände unter Wasser setzen) schaffen so neue Lebensräume für andere Tiere und Pflanzen im Netzwerk der Natur.

Aufgrund von Forschungen weiss man heute, dass sich Prädatoren auf die Artenvielfalt positiv auswirken. Das gilt leider nicht für den masslos gewordenen Menschen, der mit seinem Verhalten genau diese überlebenswichtige Artenvielfalt seinen meist monetären Interessen opfert. Da könnte man nun auch den Wolf anfügen, bei dem die Bejagung schon intensiv in Gang ist, obwohl er einen zu vernachlässigenden Schaden unter Nutztieren anrichtet (es sterben vielfach mehr Schafe durch Krankheiten und durch Abstürze auf ungeschützten Alpen) und er zugleich das Schalwild besser in Schach hält als menschliche Jäger, und damit die Gesundheit des Waldes fördert.

Übrigens ist der Biber natürlich kein Prädator, sondern ein hundertprozentiger Pflanzenfresser. Er würde wohl weniger weite Ausflüge ins Zuckerrübenfeld unternehmen, wenn es da, wo er lebt, auch Wölfe gibt. Denn für diese ist ein fetter Biber ein gefundenes Fressen. (Siehe auch meine früheren Beiträge zum Biber!)

Jörg Niederer

Mittwoch, 28. Januar 2026

Auf einem Bein

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"Überall geht ein frühes Ahnen dem späteren Wissen voraus." Alexander von Humboldt (1769-1859)

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Zwei Graureiher stehen nebeneinander, jeder nur auf seinem rechten Bein. Ihr Federkleid sieht einem langen Lodenmantel gleich.
Fotos © Jörg Niederer
Man kann offensichtlich auch synchron stehen (Siehe dazu auch Beitrag von gestern!). Die beiden Graureiher bei der Insel in der Steinacher Bucht tun dies reglos nebeneinander, blicken scheinbar teilnahmslos in die selbe Richtung, haben in gleicher Weise ihr Federkleid etwas aufgeplustert und den Nacken eingezogen und balancieren je nur auf dem rechten Bein. Als hätten sie sich abgesprochen. Doch wer sagt denn, dass sie sich nicht wirklich abgesprochen haben? Wir denken oft, Tiere seien mehr als wir instinktgleitet. Doch manches was sie tun und lassen, verlangt Urteilsfähigkeit. Nicht nur der Gebrauch von Werkzeug ist ein Zeichen für Intelligenz. Nur weil wir bei vielen Tieren die Sprache, die sie miteinander sprechen, nicht verstehen, heisst dies doch nicht, dass sie nicht denken können. Eher ist es ein Zeichen dafür, dass unsere Intelligenz beschränkter ist, als wir uns einbilden.

Zumindest eines haben uns die Graureiher voraus. Sie können deutlich länger auf einem Bein stehen als wohl die meisten Menschen. Ach ja, Fliegen können sie auch, und Fische mit dem Schnabel fangen, oder Mäuse unter dem Boden hören. Vielleicht haben sie noch nie ein Buch geschrieben. Na und? Brauchen sie Bücher, um ihr Leben zu meistern, dort, wo die meisten Menschen im Winter bestimmt nicht im Freien übernachten möchten.

Noch vor 250 Jahren dachte man, Tiere funktionierten wie Maschinen, und Pflanzen seien keine Lebewesen. Es musste ein Alexander von Humboldt (1769-1859) kommen, um zu erkennen, wie alles auf dieser Erde miteinander vernetzt und in dauerhaftem Dialog verbunden ist, und folglich auf Gedeih und Verderben voneinander abhängig bleibt. Und es musste ein Charles Darwin (1809-1882) kommen, um uns zu zeigen, dass wir auch in dieses Tierreich gehören und gemeinsame Vorfahren mit anderen Spezies haben. Wobei: Auch heute gibt es Menschen, die davon nichts halten. In den USA seien es über 30% der Bevölkerung, die diesen Erkenntnissen grundsätzlich misstrauen.

Dieweil stehen die beiden Graureiher nach ihren Bräuchen auf einem Bein im See. Auf mich wirken sie irgendwie weise und klug. Ob sich so Intelligenz zeigt (dass die Graureiher so wirken / dass ich das erkenne)?

Jörg Niederer

Dienstag, 27. Januar 2026

Paartanz

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Zwei Lachmöwen im Gleichschritt. Blick zur Seite, Verneigung und dann los mit dem gemeinsamen Singen.
Fotos © Jörg Niederer
"Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel mit dir nichts anzufangen."
Augustinus von Hippo (354–430), Kirchenlehrer

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Ob es ein Paar ist, kann ich nicht sagen. Weibliche und männliche Lachmöwen sehen im Winter ziemlich gleich aus, sind lediglich anhand der Grösse zu unterscheiden. Hinzu kommt, dass man bei Vögeln nie ganz sicher sein kann, ob es sich um heterosexuelle Paare handelt oder um zwei Weibchen oder zwei Männchen. Jedenfalls beherrschen diese beiden Vögel den Paartanz perfekt. Blick zur Seite, dann die Verneigung und abschliessend das Einstimmen in den kichernden und lachenden Gesang. Dies wiederholen die beiden gleich einige Male, mit leichten Abweichungen von der Choreografie.

Jahrelange Übung oder spontane Performance? Auch das weiss ich nicht. Lustig anzusehen war es jedenfalls.

Es macht halt nicht nur Spass, den geschickten Tieren im Flug zuzuschauen. Und wie beim Linedance kann es sein, dass noch weitere Möwen sich an der Aufführung beteiligen.

Berühmt dafür sind die Flamingos. In diesem Filmausschnitt kann man sie bei ihrem Gruppen-Balztanz betrachten.

Jörg Niederer

Montag, 26. Januar 2026

Eine Abtauchende ist aufgetaucht!

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Die plump wirkende Eisente ist selten in der Schweiz zu Gast. Sie kann mehr, als man ihr auf den ersten Blick zutraut.
Fotos © Jörg Niederer
"Wenn der deutsche Schriftsteller in einen Satz taucht, hat man ihn die längste Zeit gesehen; bis er auf der anderen Seite seines Atlantiks wieder hervorkommt mit seinem Verbum im Mund." Mark Twain (1835-1910)

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Darf ich vorstellen: Eine dösende Eisente. Der seltene Wintergast in der Schweiz hat sich in Arbon unter die vielen Reiherenten gemischt, die am Rand des Hafens sich in der Bucht versammelt haben. Der scheinbar plumpe kleine Wasservogel hat besondere Begabungen. So kann er im Verlauf von 2 Minuten bis 50 Meter tief tauchen. Wie die Männchen im Prachtkleid aussehen, kann man sich bei der Vogelwarte anschauen. Für mich war das am vergangenen Sonntag nicht die einzige bewusste Erstsichtung. So konnte ich auch die Sturmmöwe und den Schwarzhalstaucher meiner Sammlung fotografierter Vögel beifügen. Was es auch gerade noch hat in der Steinacher Bucht: Eisvögel, eine Eiderente, Schellenten, Kormorane, Graureiher, Höckerschwäne, Lachmöwen, Mittelmeermöwen, Schnatterenten, Stockenten, Grosse Brachvögel, Bekassinen, Gänsesäger, eine entwichene Hausente und noch so einige mehr. Es lohnt sich also, dort einmal genauer aufs Wasser hinauszuschauen.

Jörg Niederer

Sonntag, 25. Januar 2026

Kleiderfrage

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Kleider spielen eine grosse Rolle bei Weber-Butikk in St. Gallen. Schaufensterauslage mit Modepuppe und drei Hunden.
Fotos © Jörg Niederer
"So spricht der Herr, der Gott Israels! Du hast die Worte gehört und sie dir zu Herzen genommen. Du hast dich demütig vor deinem Gott gebeugt. Denn du hast gehört, welches Unheil ich angekündigt habe für diesen Ort und seine Bewohner. Deshalb hast du dich vor mir gebeugt, deine Kleider zerrissen und vor mir geweint. Und ich habe dich erhört – Ausspruch des Herrn. –" Bibel, 2. Chronik 34,26b+27

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Wann habe sie das letzte Mal aus Empörung oder Trauer ihr Kleid zerrissen? Als Kind habe ich einmal einem anderen Kind aus Wut das T-Shirt zerrissen. Aber aus Trauer habe ich noch nie eines meiner Kleider zerstört. Zur Zeit des biblischen Königs Joschija war das Zerreissen eines Kleides Ausdruck tiefen Schmerzes und Trauer. Joschijas Trauer gründete auf den Worten des zu seiner Zeit wieder entdeckten göttlichen Gesetzes, das im Tempel unerwartet ans Tageslicht gekommen war. Diese Schrift hatte ihm die Augen geöffnet.

Heute sind Kleider Massenware. Sie werden zu tiefsten Preisen produziert. Sie zu zerreissen wäre eine billige Form der Busse. Bei Joschija blieb es nicht beim Kleiderzerreissen. Joschija begann, die religiösen Missstände in seinem Hoheitsgebiet anzugehen. Diese bedrohten das soziale Gefüge seines Landes. Ob diese Reform auch soziales Unrecht auszumerzen versuchte, davon schreibt der Chronikschreiber nichts. Andere, Propheten wie Amos, haben den Fokus genau darauf gelegt.

Damit sind wir wieder bei den Kleidern. Würde ein T-Shirt heute nur 20 Rappen teurer verkauft, und würde man dieses Geld der Näherin geben, dann würde diese Näherin doppelt so viel verdienen, wie sie jetzt verdient. Hier könnte unsere Form von Busse ansetzen. Statt Kleider immer billiger zu kaufen, können wir dazu beitragen, dass Menschen auf dieser Welt gerechtere Löhne erhalten. Die Clean Clothes Campaign zeigt, wie heutige Busse, also Umkehr, geschehen kann. Denn unser soziales Gefüge ist in Gefahr, weil wir masslos geworden sind auf Kosten anderer Menschen dieser Welt.

Jörg Niederer

Samstag, 24. Januar 2026

Wiedergängerblockade

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Der Marienstein beim Feldenmoos und Dürrenbach an der Gemeindegrenze von Hedingen. Das Marienmonogramm wurde von mir mit roter Farbe hervorgehoben.
Fotos © Jörg Niederer
"Viel kann im Nirgendwo passieren." Alex White (*1981) in "Star Trek: Deep Space Nine - Wiedergänger"

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Als Wiedergänger versteht man Verstorbene, die aus irgend einem Grund keine Ruhe finden und so in dieser Welt weiter herumspuken. Wenn nun an einem Ort ein Mord begangen worden war oder ein Selbstmörder beerdigt wurde, richtete man dort gelegentlich einen Stein auf, mit einer bannenden Inschrift, um das Herumgeistern des Wiedergängers zu verhindern.

Als so einen Bannstein interpretierte 1981 Dr. Hans Kläui von der Genealogisch-Historischen Forschungsstelle den Marienstein beim Feldenmoos und Dürrenbach, nahe der Gemeindegrenze von Hedingen. Von mir rot hervorgehoben findet sich auf der flacheren Seite dieses einsamen Steins auf weiter Flur ein Marienmonogramm. Kläui datierte es ins 15. Jahrhundert, noch vor der Reformation. Auf dem Stein sind noch weitere Verzierungen und möglicherweise Schriftzeichen eingemeisselt, die aber kaum noch lesbar sind.

Was genau an diesem Ort geschehen ist, oder ob es sich gar nicht um einen solchen Bannstein handelt, sondern um einen Grenzstein des Klosters Kappel, wie Dr. A. Sigg vom Staatsarchiv des Kantons Zürich vermutet, ist noch nicht restlos geklärt. Mir leuchtet Kläuis Argumente mehr ein. Grenzsteine, auch die von Klöstern, sind anders beschriftet und behauen. Die Ursache für die Steinsetzung des Mariensteins von Hedingen wird wohl noch lange ein Geheimnis bleiben.

Jörg Niederer

Freitag, 23. Januar 2026

Hoffnungspower

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Stilles Warten, einige Minuten vor Beginn des OrgelWorts in der Kathedrale St. Gallen.
Fotos © Jörg Niederer
"Wir sind nie fertig mit Hoffnung." Peter Grüter, christkatholischer Pfarrer in St. Gallen

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Es gibt Anlässe wie kürzlich am Weltwirtschaftsforum Davos, die ausserordentlichen Zulauf haben, für die Riesensummen ausgegeben werden, die sich dann aber als langweilig, langfädig, selbstbeweihräuchernd und nichtssagend herausstellen. Anschliessend schämt man sich, dass man applaudiert hat, ja aufgestanden ist und Vorschusslorbeeren verteilt hat. Und dann gibt es Anlässe wie das OrgelWort in der Stadt St. Gallen, mit genialer Orgelmusik, herausragenden Texten, zu denen sich gerade einmal 35 Menschen einfinden und sich fragen, warum da nicht mehr gekommen sind. Gestern war ich dabei, als dieser Anlass im Rahmen der Gebetswoche für die Einheit der Christ:innen je zur Hälfte in der Kathedrale und der Kirche St. Laurenzen stattfand. Musikalisch und wörtlich ging es um die Hoffnung. An den Orgeln Christoph Schönfelder (katholisch) und Bernhard Ruchdi (reformiert). Sprachlich dicht äusserten sich die Seelsorgerin Hildegard Aepli (römisch-katholisch) der Pfarrer Peter Grüter (christkatholisch) und Pfarrerin Kathrin Bolt (reformiert).

Es war eine mutmachende Gegenwelt zu dem Bullshit der Mächtigen, die da in den beiden Sakralbauten in einer Stunde entstand und nicht mehr verging.

Hoffnung ist nicht das, was übrig bleibt, wenn nichts mehr übrigbleibt. Hoffnung ist nicht die Illusion von Ausweg. Für mich hat Hoffnung, so still und wohltemperiert sie manchmal daherkommt, Wucht. Es entsteht durch sie eine unaufhaltsame Dynamik, einem Stein gleich, der ins Rollen kommt und nicht mehr aufgehalten werden kann. Rock 'n' Roll halt, kraftvoll, unwiderstehlich, explosiv. Dynamit, so wie die Kirchenmusik der Afroamerikanerinnen Arizona Dranes (1889-1963) mit ihren verrückten E-Gitarren-Solo (siehe dazu Beitrag vom 5. Januar 2023!) oder Sister Rosetta Tharpe (1915-1973). Entstanden in der scheinbaren Ausweglosigkeit der Sklaverei wird da Hoffnung so richtig laut und unüberhörbar. Man wollte – und will es immer noch – Menschen hoffnungslos mundtot machen, doch sie sangen umso lauter. Nahm man ihnen die Stimme, sangen sie im Herzen.

Über solche Hoffnung habe ich am diesjährigen OrgelWort nachgedacht während ich den leiseren Hoffnungsworten und den vielfältigen und dynamischen Orgelklängen lauschte. Hoffnung halt, die sich nicht an orangen Häuptern und überheblichen Gesinnungen orientiert, sondern an der Hoffnung, wie sie schon Menschen aus biblischen Zeiten kannten. Hoffnung gegen alle Hoffnungslosigkeit.

Jörg Niederer

Donnerstag, 22. Januar 2026

Auf in den Nebel

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Der Fruchtstand einer Waldrebe wurde vom Raureif in ein vergängliches Glitzerwunder verwandelt.
Fotos © Jörg Niederer
"Jeglicher Zauber geht verloren, wenn du versuchst, ihn einzufangen." Helga Schäferling (*1957)

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Aus dem Zugfenster sehen wir eine sonnige Winterzauberlandschaft. An uns vorbei ziehen mit Raureif behangene weissgefärbte Bäume auf grünen Wiesen. Dann wendet sich die Fahrt dem Ausgangspunkt der Wanderung zu. In Affoltern am Albis ist von der Pracht noch eine Ahnung übriggeblieben. Die Sonne schafft es gerade noch so, einen kaum wahrnehmbaren Schatten zu werfen. Kurz steigen wir im Wald auf eine kleine Anhöhe nahe Ottenbach, dann geht es hinunter zur Reuss in eine Nebelsuppe, die wir nur zu gut von unserem Wohnort her kennen. Von nun an ist es eine Wanderung voller Überraschungen. Was wird wohl als Nächstes schemenhaft auftauchen und wieder verschwinden? Entlang des Flusses sind wir fast allein. Es ist still bei einem der 30 Naturschutzgebiete entlang der Reuss.

Für einmal ist das Weiterwandern auf der Kapellentour kein Aufstieg ins Licht, sondern ein Abstieg in den Nebel. Wer nur hat diese Strecke für diesen Tag ausgesucht?

Ein Vorteil gibt es aber: Wir sind umgeben von Raureif. Die Eiskristalle verzaubern uns und alles, lassen die kleiderdurchdringende Kälte immer einmal wieder vergessen. Ein Storch fliegt in vielleicht 20 Meter Höhe direkt über uns hinweg. Ein Trupp Schwanzmeisen zwitschert mit den Wintergoldhähnchen um die Wette. Enten fliegen, überrascht von den Schritten der einsam Wandernden, auf die gegenüberliegende Flussseite.

Es ist eine Reise vom Kanton Zürich in den Kanton Aargau. Es ist eine Reise nach innen.

Jörg Niederer

Mittwoch, 21. Januar 2026

Kleinstadtbaum

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Die von Reifekristallen überzuckerte Linde auf dem Alten Postplatz in Zofingen ist auch in der kalten Jahreszeit eine Augenweide.
Fotos © Jörg Niederer
Die Kleinstadt ist ein Ort, an dem "... jeder von jedem alles weiss und trotzdem das Lokalblatt kauft, um zu sehen, wieviel davon der Redakteur zu veröffentlichen wagt." Danny Kaye (1913-1987)

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Ich kann mich nicht mehr an die genaue Zahl erinnern. Aber im Superblock in Winterthur habe ich gelesen, dass es 16-tausend-und-ungrad Bäume gibt in der Stadt Winterthur. Alles Grossstadtbäume, ob gross, ob klein, ob gesund, ob krank. In Winterthur ist jeder von ihnen statistische erfasst. Jeden Tag läuft ein baumzählender Beamter oder auch eine baumzählende Beamtin baumzählend durch die Strassen, um ja sicher zu gehen, dass da nicht plötzlich einer dieser Grossstadtbäume sich auf und davongemacht hat, um zu einem Feld-, Wald- und Wiesenbaum zu mutieren, oder noch schlimmer, um in Rauch aufzugehen oder als Gartenlaube zu enden.

Gestern war ich in Zofingen. Ich weiss nicht, ob die dort wissen, wie viele Bäume auf ihrem Stadtgebiet gedeihen oder gerade an Salzverkrustung leiden. Eines aber weiss ich: In Zofingen sind auch grosse Bäume klein. Denn es sind alles Kleinstadtbäume, wie die Linde auf dem Alten Postplatz. Eine richtig grosse, schöne Kleinstadtlinde ist das, besonders auch, wenn die Äste sich schneeweiss bepudert gen Himmel strecken. Nicht dass ich sie nun umarmt hätte. Auch darunter gesetzt habe ich mich nicht an diesem eiskalten Morgen. Und doch hat mich ihr Anblick innerlich erwärmt, hat mir gut getan und Freude bereitet.

Jörg Niederer

Dienstag, 20. Januar 2026

Kanton Zürich zum Letzten

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Die Evangelisch-methodistische Kirche in Affoltern am Albis ist die Letzte, die ich auf meiner Kapellentour im Kanton Zürich erwandert habe.
Fotos © Jörg Niederer

"Ich solle noch sagen was meine Leidenschaft ist, neben Jesus. Das ist das Wandern. Ich wandere gerne und wenn ich Zeit habe, male ich auch gerne Aquarelle."
Urs Baumann, Pfarrer in der EMK Affoltern am Albis anlässlich einer Predigt in der dortigen Viva Kirche. 

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Auf meiner Kapellentour war ich bisher in den Kantonen Schwyz, Glarus und vor allem Zürich unterwegs. Nun endet bald die Zeit im Wirtschaftskanton und es geht in den weiss besockten Kanton Aargau, da, wo ich bisher in meinem Leben am meisten Zeit verbracht habe. Doch vorher durfte ich noch einmal vor einer Methodistenkirche stehe: derjenigen in Affoltern am Albis. Die Kapelle an der Zürichstrasse duckt sich etwas verschämt zwischen die mehrstöckigen Wohnhäuser. Architektonisch ist das Gemeindezentrum einmalig. Eine zweite derartige Konstruktion gibt es in der methodistischen Schweiz nicht mehr. 

An diesem "Ort der Begegnung", wie auf zwei Seiten aussen am Mauerwerk zu lesen ist, sind meine Frau und ich erst ganz allein. Doch dann fährt ein Auto vor, aus dem ein Ehepaar entsteigt. Es ist der aktuelle Liegenschaftsverwalter, der mich nicht kennt, mir dann aber doch abnimmt, dass ich irgendwie auch zu dieser Kirche gehören muss. Die beiden scheinen in Eile zu sein, und so frage ich gar nicht erst, ob er mich durch das Anwesen führen könnte. Nach kurzem Austausch von Höflichkeiten trennen sich unsere Wege wieder.

Nun wird es sehr lange Zeit dauern, bis ich wieder eine methodistische Liegenschaft im Kanton Zürich erwandern werde. Im Aargau warten die Rüeblitorten auf uns, und viele Erinnerungen aus vergangenen Zeiten.

Jörg Niederer


Montag, 19. Januar 2026

Gulasch und ein Knoten aus Stahl

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Der "Knoten gegen das Vergessen" vom Kunstschlosser Wilfried Kofler im Geländer der Hafenpromenade von Bregenz.
Foto © Jörg Niederer
"Wegen Gottes Gnade will ich noch gnädiger werden." Frank Moritz (*1967), Methodistenpfarrer

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Die aktuell bestehenden Bregenzer Bahnhofsgebäude mit ihren lichtgrünen Elementen wurden erst 1989 errichtet. Damals wurde auch ein neuer Übergang über die Geleise erstellt, und die bestehende Gulaschbrücke, ein Fussgängersteg, abgerissen. Zwischenzeitlich ist schon der nächste Bahnhofsneubau im Gange.

Um den Weiterbestand der Gulaschbrücke wurde einst heftig gestritten. Daran erinnert ein Knoten in einer der Geländerstangen an der Seepromenade von Bregenz. Eingeschmiedet wurde der Knoten vom Bregenzer Kunstschlosser Wilfried Kofler (1949-2017) in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Einem "Knopf im Nastuch" gleich soll er an ein gebrochenes Versprechen erinnern. Das Versprechen nämlich, die Gulaschbrücke nach Vollendung des Bahnhofneubaus wieder aufzurichten. Anfänglich lagerte man die zerlegte Brücke an der Stelle des heutigen Parkplatzes Seestadtareal ein. Doch der Stadtrat lehnte die 3,5 Millionen Schilling teure Wiedererrichtung am 15. Januar 1991 ab, und die Gulaschbrücke wurde verschrottet. Damit verschwand nach fast 100 Jahren das letzte Zeugnis des alten und ersten Bahnhofs.

An der Bezeichnung "Gulaschbrücke" war der aus Italien stammende Wirt des Gasthauses Helvetica schuld, und der Arlbergtunnel. Via Arlbergtunnel reisten ab 1884 unzählige Arbeitsmigrant:innen aus Italien und Südtirol in die Schweiz und nach Süddeutschland. Über die Gulaschbrücke gelangten diese Reisenden zu den Bodenseeschiffen, um ihre Weiterfahrt auf dem Wasserweg fortzusetzten. Zuvor aber verköstigte der Helvetica-Wirt sie unter der Brücke mit Brot und Gulasch.

Das alles erfuhr ich gestern nach dem Gottesdienst in der Methodistenkirche Bregenz auf einem kurzen Spaziergang dem Bodensee entlang von meine Berufskollegen Frank Moritz.

Übrigens: Die Gulaschbrücke ist auf einem Foto im Wikipedia-Artikel zum Bahnhof Bregenz abgebildet.

Jörg Niederer

Sonntag, 18. Januar 2026

Musik im Heiligtum

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Der Steinkreis im Bislikerhau bei Affoltern am Albis wurde erst vor einigen Jahren wieder entdeckt.
Foto © Jörg Niederer
"Die Bauleute arbeiteten sehr gewissenhaft. Die Aufsicht über sie führten die Leviten Jahat und Obadja ... Andere Leviten, die mit Musikinstrumenten umgehen konnten, gaben damit den Takt für die Arbeit der Lastenträger und aller übrigen Arbeiter." Bibel, 2. Chronik 34,12-13

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Die Region um Affoltern am Albis nennt man auch Stonehenge im Säuliamt. Der fotografierte Steinkreis ist gerade einmal 2 Kilometer von dieser Schweizer Gemeinde entfernt. Ist es ein prähistorisches Observatorium? Ist es ein Kultplatz? Vielleicht ist es auch beides. Heute Sonntag soll der Steinkreis dafür stehen, dass Menschen schon seit Jahrtausenden versuchen, dem Ursprung des Lebens auf die Spur zu kommen. Vielleicht geschah es genau dort im Wald bei Affoltern auch mit Musik und Tanz.

Dazu die folgenden Gedanken zum oben zitierten Bibelvers.

Mitten im Bericht über die Tempelrennovation zurzeit von König Joschija und dem damit verbundenen Fund der Schriftrollen mit dem göttlichen Gesetzes findet man diesen etwas überraschenden Hinweis zu den Arbeitsbedingungen beim Tempelbau. Damals hat man etwas getan für die Moral der Arbeiterinnen und Arbeit, indem man sie musikalisch motivierte. Da wurden Lasten von hübschen Klängen zusätzlich beschwingt von A nach B transportiert, die Maurer mauerten im Takt, die Schreiner schreinerten im Takt, die Künstler künstelten im Takt, die Architekten planten und kontrollierten im Takt. Der Tempel wurde im Takt intakt.

Wie viel Musik steckt in einem Leben? Wir jammern ja gelegentlich über die Dauerberieselung durch Musik. Verteilt von unzähligen Radios, erlauscht aus unzähligen Mobiltelefonen. Es gibt Menschen, die selbst in der Nacht die Musik nicht abstellen. Musik ist überall. Mit Musik scheint alles besser zu gehen. An manchen Arbeitsplätzen ist sie nicht wegzudenken. Und selbst Kühe sollen mehr Milch geben mit Musik im Stall. Hat dich Musik schon zu besonderen Entdeckungen geführt? Offensichtlich haben die levitischen Musiker selbst das Wiederfinden von Gottes Gesetz rhythmisch untermalt und vielleicht sogar provoziert. Die Methodist:innen haben seit je mit Musik den Glauben verkündigt. Musik transportiert die christliche Hoffnung oft besser als Worte. Kein Wunder also, wurde der Tempel zur Zeit Joschijas musikalisch untermalt erneuert.

Gemäss Neuem Testament sind wir Menschen Tempel Gottes. Hole dir doch passende Musik, und beginnen im Rhythmus dieser Musik den eigenen "Tempel" aufzurichten und zu erneuern!

Jörg Niederer


Samstag, 17. Januar 2026

Veränderung

Ein Zitat

Die belebte Altstadt von Liestal beim Einnachten.
Foto © Jörg Niederer
"Die beste Zeit für Veränderung ist jene Zeit, in der es keine Veränderung braucht." Jürgen Werner (*1963)

Hingesehen

Am 17. Oktober 2023 war ich zum letzten Mal in der Altstadt von Liestal. Etwas später schrieb ich über den Stabhof, einst ein Gasthaus, heute eine Coop-Filiale (Siehe Beitrag vom 15. Dezember 2023!). Aufgefallen sind mir damals die schönen Wirtshausschilder, ein Schlüssel für den einstigen Gasthof Schlüssel und den Baslerstab. Beide stachen goldig aus der blauen Bauverkleidung hervor. 

Was soll ich sagen: Gestern war ich wieder einmal in Liestal, mehr als zwei Jahre später, um Abschied zu nehmen von einem Berufskollegen und einstigen Vorgesetzten, der in seinem 85 Lebensjahr verstorben ist. Dabei stellte ich fest, dass der Stabhof immer noch eingekleidet ist in die blaue Baufolie. Als hätte sich an diesem Bauvorhaben in den letzten zwei Jahren gar nichts getan. Als wäre die Zeit stillgestanden.

Beim Stabhof geschah die Veränderung wohl von mir unbemerkt im Innern. Dass auch in Liestal etwas gegangen ist, zeigte sich dann am Bahnhof. Vor zwei Jahren war der Bahnhofsausbau noch in vollem Gang. Auf den Perrons war nebst den Bauverkleidungen nur wenig Platz für auf Züge Wartende. Gestern zeigte sich der Bahnhof nun in seinem neuen, modernen Kleid, sauber und noch kaum gebraucht.

Veränderung. Manchmal nehmen wir sie wahr, oft aber auch nicht. So sah ich gestern in manche Gesichter von Menschen, die ich lange nicht mehr gesehen habe, und war überrascht, wie sehr sie sich verändert haben, oder eben auch nicht. Eines aber ist sicher: Veränderung ist unausweichlich, ob wir wollen oder nicht.

Jörg Niederer

Freitag, 16. Januar 2026

Wieder einmal Winterwandern

Ein Zitat

Jörg Niederer im Winterwald beim Aufstieg von Zürich Altstetten nach Uitikon Waldegg.
Foto © Sabine Möckli
"Der Sommer macht mir heisse Plage, / Die Herbstluft ist veränderlich; / Drum stimmt die Liebe mit mir ein: / Der Winter soll mein Frühling sein." Johann Christian Günther (1695-1723)

Hingesehen

Der meteorologische Winter 2025/2026 ist zur Hälfte Geschichte. Seit meine beiden grossen Zehen mit Arthrose gesegnet sind, ist das Gehen auf weichem, stark nachgebendem Untergrund beschwerlicher geworden. Das gilt insbesondere für Schnee. So schaute ich vergangenen Dienstag bei der Weiterwanderung auf der Kapellentour mit etwas Sorge auf die zu erwartende Winterlandschaft zwischen Zürich-Altstetten und Bonstetten. Tatsächlich war ich fast 80% des Weges auf Schnee unterwegs; und o Wunder, es ging sich ausgezeichnet. Mit Stöcken war selbst die Gefahr, auf glattem Untergrund auszugleiten, ein beherrschbares Risiko. Dank Sonnenschein zeigte sich die Winterlandschaft von ihrer besten Seite. All dies Vorteilhafte hob meine Stimmung ins Himmelweite. Auch die gelegentlichen Pflotsch-Stellen an besonders sonnenexponierten Lagen nahe den Bäumen konnten der Dichte und Wärme der Wanderschuhe nichts anhaben. Es war ein weiterer, wunderbarer Tag in meinem Leben. Das tut, wie man so sagt, der Seele gut.

Jörg Niederer

Donnerstag, 15. Januar 2026

Niedergang

Ein Zitat

Die unscheinbare Kapelle, angebaut an das Wohnhaus der Evangelisch-methodistischen Kirche an der Friedhofstrasse in Zürich-Altstetten.
Foto © Jörg Niederer
"Jede Generation ist ein bisschen weiter weg von der Kirche. Das hat mit den Sozialisierungsmechanismen zu tun, die nicht mehr funktionieren wie früher. In den Familien mit kirchlich distanzierten Eltern ist eine religiöse Erziehung nicht mehr automatisch gegeben, und in den Kirchen gibt es Sozialisierungsangebote, die nicht mehr nachgefragt werden." Eva Baumann-Neuhaus, Wissenschaftliche Projektleiterin am Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI) in St. Gallen.

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Auf meiner Kapellen-Wandertour zu Lokalitäten in der Tradition der Methodistenkirchen war die Evangelisch-methodistische Kirche von Zürich-Altstetten die letzte in den Grenzen der Stadt Zürich. Sie ist eine dieser Bauten, die mit Wohnraum kombiniert ist und wenig Charme aufweisen. Neben dem Wohnhaus wirkt der Kirchenanbau fast schon provinziell. Anders als die methodistischen Vereinshäuser von Zürich 4 oder Zürich Zelthof gibt der Bau in einem Wohnquartier an der Friedhofstrasse wenig her. Lieb gemeint würde man von Understatement sprechen.

Die methodistische Kirchenlandschaft in der Stadt Zürich ist im Umbruch. Verschiedene Kirchengebäude dienen heute primär einem anderen als dem gottesdienstlichen Zweck. Zwar finden christlich-spirituelle Anlässe nach wie vor statt, doch der Gottesdienstbesuch und das Gemeindeleben ist teils stark zurückgegangen. Im Jahr 1980 zählte man in den Stadtzürcher Methodistenkirchen insgesamt noch 1445 Mitglieder und einen Freundeskreis von 503 Personen. Heute sind es noch 256 Mitglieder und der Freundeskreis umfasst lediglich 138 Personen. Wie wird wohl die methodistische Kirche in der Stadt Zürich nach weiteren 50 Jahren aufgestellt sein? Wird es gelingen, wieder relevanter für die Menschen vor Ort zu werden?

Jörg Niederer

Mittwoch, 14. Januar 2026

Die Peitsche der Mineure

Ein Zitat

Die Larve einer Miniermotte überwintert in dem von ihr windungsreich in ein Brombeerblatt gefressenen Gang.
Foto © Jörg Niederer
"Steckst du im Tunnel, folge dem Licht." Andreas Tenzer (*1954)

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Bei einem Biohalt in der Natur entdeckt man mitunter kleine, verborgene Dinger. So etwa diese Larve einer Miniermotte in der von ihr gefressenen Blattmine in einem Blatt der Brombeere.

Der Frassgang beginnt da, wo die Linie ganz dünn ist. Frisch aus dem Ei geschlüpft, beginnt sich die winzige Larve durchs Blatt zu fressen. Dabei wächst sie, was dazu führt, dass der Frassgang immer breiter wird. In dieser silbrigen Spur erkennt man bei genauerem Hinsehen auch dunkle Stellen. Wohl die Ausscheidung der Mottenlarve. Sie selbst ist auch zu entdecken; ganz rechts, da wo die Silberlinie am Breitesten ist sieht man das kleine Würmchen.

Nun ist es Winter, und so stellt sich die Frage: Ist die Mottenlarve noch am Leben? Das kann durchaus sein, denn manche Miniermottenlarven überwintern auf diese Weise im Blatt.

Was ist es für eine Mottenart? Das ist nicht einfach zu sagen bei der Larve. Immerhin gibt es in Europa 230 Arten der Miniermotte. Weltweit sind 1000 Arten bekannt. In Frage kommen Stigmella aurella (die Goldschultrige Rosenminiermotte) oder Stigmella splendidissimella. Letztere hat keinen deutschen Namen, wird aber in Holland Zierliche Brombeerminiermotte genannt.

Miniermotten heissen übrigens so, weil sie Gänge fressen, und es damit den Mineuren gleichtun, die Tunnel durch Berge bohren. Oder müsste man sagen: die Mineure tun es den Miniermotten nach, die das Tunnelbohren schon seit Millionen von Jahren und damit deutlich vor den Menschen beherrschten.

Die Blattmine hat auch etwas künstlerisches. Silbrig windet sie sich über das Blatt, wie eine Peitschenschnur, deren Ende, beschleunigt auf Überschall, kurz vor dem lauten Knall fotografisch eingefroren wurde. Dass es zum Knall kommt beim Peitschenschwingen, setzt interessanter Weise voraus, dass die Peitschenschnur schon doppelte Schallgeschwindigkeit erreicht hat. Für mich eine neue Erkenntnis. Zu welchem (unnützen) Wissen mich doch so eine winzige Larve der Miniermotte gebracht hat an diesem Morgen.

Was man nun auch tun könnte: Über die Wendungen und Windungen des Lebens nachdenken.

Jörg Niederer

Dienstag, 13. Januar 2026

Ein Japaner aus China in Zürich

Ein Zitat

Eine Dolde des Japanischen Papierbusches, noch bevor die goldgelben Blüten zu sehen sind, ist aufgrund seiner behaarten Kelchröhrchen schon jetzt wunderschön.
Foto © Jörg Niederer
"Zeichnen ist eine Form des Nachdenkens auf dem Papier." Saul Steinberg (1914-1999), Karikaturist

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Bald schon wird er goldig gelb blühen, als eine der ersten Pflanzen im Jahr. Darauf bezieht sich auch der zweite Teil seiner lateinischen Bezeichnung "Edgeworthia chrysantha". "Chrysantha" stammt nämlich aus dem Griechischen und bedeutet "goldene Blüten". Wer genau hinsieht, erahnt unter den fein behaaren Kelchröhrchen die gelben Blütenblätter. Der "Japanische Papierbusch" wie er auf Deutsch genannt wird, stammt ursprünglich aus China und Myanmar. In Japan wurde er als Zierstrauch eingeführt. Dort wird aus seinen langen Bastfasern in einem aufwändigen Verfahren Japanpapier hergestellt. Dieses Papier ist zäh und leicht transparent und wird unter anderem für Kaligrafien verwendet.

Auch bei uns ist der 1,5 Meter hohe Busch ein Zierstrauch. Meine Frau bemerkte ihn am Rand des Friedhofs Sihlfeld in Zürich und war fasziniert von diesen silbrig schimmernden, warm bepelzten Blütendolden. Mal schauen, ob wir bald einem blühenden Exemplar begegnen. Dann werden wir den von den Blüten ausgehenden süssen Duft riechen können, der auch viele Insekten anlockt.

Jörg Niederer

Montag, 12. Januar 2026

Kommunistinnen im Umfeld der Kirche

Ein Zitat
Die Bronzeplastik "Frau" von Alis Guggenheim steht in direkter Nachbarschaft zum Hauptsitz der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz an der Badenerstrasse in Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Für die Schweizer bin ich nur eine Jüdin. Für die Juden bin ich nur eine Kommunistin. Für die Kommunisten bin ich nur eine Künstlerin. Für die Künstler bin ich nur eine Frau. Für die Frauen nur ein Fräulein mit einem Kind."
Alis Guggenheim (1896–1958)

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Die Bronzeplastik "Frau" von Alis Guggenheim steht in einem Park, der auf Google Maps noch irrtümlich als Rosa-Luxemburg-Park benannt ist. Tatsächlich wollten einige in Zürich diesen namenlosen Park direkt neben dem Hauptsitz der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz so benennen. Der Stadtrat entschied dann aber anders, ohne wirklich stichhaltige Gründe zu liefern. Zwischenzeitlich ist ein anderer Platz auf Zürichs Letzibach-Areal nach dieser berühmten politischen Aktivistin und Sozialistin benannt. Rosa Luxemburg (1871-1919) studierte von 1890 bis 1898 an der Universität Zürich Nationalökonomie, Philosophie, Geschichte und Mathematik. Nur in Zürich konnte sie zu jener Zeit gleichberechtig als Frau mit den Männern studieren.
Viele Jahre bin ich auf dem Weg zum Hauptsitz, der sogenannten Zentralverwaltung der Evangelisch-methodistischen Kirche, an dieser Frauen-Plastik von Alis Guggenheim vorüber gegangen. Gelegentlich war sie für wenige Tage bekleidet. 1928 wurde die "Frau"  es ist Guggenheims Erstlingswerk  an der Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit ausgestellt. Doch erst 1999 stellte man die Bronzestatue an ihrem heutigem Standort in der Grünanlage des alten Aussersihler Gemeindehauses auf.
Alis Guggenheims Werke finden sich im Aargauer Kunsthauses in Aarau, im Jüdischen Museum der Schweiz in Basel, im Israel Museum in Jerusalem, in der Kunstsammlung der Stadt Zürich und in der Kunstsammlung des Kantons Zürich.
Ich finde es sympathisch, dass das Werk einer jüdischen Kommunistin vor dem Hauptsitz einer Kirche steht, die sich in ihrem ersten Sozialen Bekenntnis von 1908 für die Anliegen der Arbeitnehmenden eingesetzt hat.
Jörg Niederer

Sonntag, 11. Januar 2026

Glaubensfreiheit

Ein Zitat

Ausschnitt aus einem Glasfenster in der Herz-Jesu-Kirche in Oerlikon. Die Speisung der 5000. Jesus teilt Brot und Fisch aus.
Foto © Jörg Niederer
"Joschija war acht Jahre alt, als er König wurde. 31 Jahre regierte er in Jerusalem. Er tat, was dem Herrn gefiel, und folgte ganz dem Vorbild seines Vorfahren David." Bibel, 2. Chronik 34,1+2

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Zuerst in eigener Sache. Heute Abend bin ich Gastredner im Abendgottesdienst von EMK Young Züri Oberland. Um 19.00 Uhr gibt es Worship in der Evangelisch-methodistischen Kirche an der Bahnstrasse 31 in Uster. Ich werde über die Sozialen Grundsätze aus autobiografischer Perspektive reden. Nach 27 Jahren Mitwirkung an diesem bedeutenden ethisch-kirchlichen Grundlagentext traue ich mir zu, dazu Wesentliches sagen zu können.

Nun wieder die üblichen sonntäglichen Gedanken zum obigen Bibelvers.

Ein Achtjähriger auf dem Königsthron. Wenn da nicht auch noch andere im Hintergrund die Fäden gezogen haben. In der damaligen Zeit waren etwa die Königsmütter bedeutende Persönlichkeiten und hatten viel zu sagen.

Wie auch immer: Joschija war sehr jung, als er zu regieren begann. Ein Kind, das Massstäbe setzte. Das Urteil des Chronikschreibers über ihn war: "Er tat, was dem Herrn gefiel". Im Folgenden wird präzisiert, wann Joschija den Glauben seiner Väter bewusst angenommen hatte: "Im achten Jahr seiner Königsherrschaft... fing er an, nach dem Gott seines Vorfahren David zu fragen." (2. Chronik 34,3). Von da an soll er alles getan haben, um diesem einen Glauben zum Durchbruch zu verhelfen.

Was Joschija tat bei der religiösen Säuberung seines und der angrenzenden Länder widerspricht den heutigen Vorstellungen von Religionsfreiheit. Die Sprengung der Buddhastatuen im Bamiyantal (Afghanistan) durch die Taliban oder die Zerstörung der Marabu-Mausoleen durch die Ansar al Islam in Mali sind Beispiele aus jüngerer Zeit. 

Wären die Babylonier bei der Eroberung von Joschijas Königreich Juda später ebenso radikal gegen den ihnen fremden Glauben der Israeliten vorgegangen, gäbe es heute kein Israel und hätte es nie ein Christentum gegeben.

Das sollte uns nachdenklich machen. Mein persönlicher Glaube mag so sein, wie das Land nach der Säuberung des Joschija. Da hat kein fremder Gott Raum in meinem Denken und Glauben. Christus allein soll mein Leben prägen.

Aber in der Gesellschaft darf es keine Vertreibung von Andersgläubigen geben. Vielmehr sollen wir ihnen Zeugnis sein für Gottes Liebe. Das kann man nicht tun, indem man die Ausdrucksformen ihres Glaubens verbietet oder zerstört. Oder würden Sie den Menschen vertrauen, die Sie in der Ausübung Ihres Glaubens behindern?

Jörg Niederer

Samstag, 10. Januar 2026

Hotel und Hospiz, Familiengrab und Elektro-Maserati

Ein Zitat

Die Diakonie Bethanien hat sich einen eindrücklichen neuen Hauptsitz gebaut an der Buckhauserstrasse in Zürich-Altstetten.
Foto © Jörg Niederer
"Trachte darnach, dass das Tier / dich nicht verleugne am Jüngsten Tag. / ... / trachte darnach, dass der Mensch / dich nicht verleugne am Jüngsten Tag. / ... / Trachte darnach, dass der Stern / dich nicht verleugne am Jüngsten Tag." Aus dem Gedicht "Tier, Mensch, Stern" von Erika Burkhart (1922-2010) 

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Seit ich auf meiner Kapellentour das Jahr 2025 beschloss (Siehe Beitrag vom 1. Januar 2026!), ging es an zwei weiteren Tagen weiter kreuz und quer durch die Stadt Zürich, vorbei an vier Kindertagesstätten von Bethanien und Bethesda, auch zwei Methodistenkirchen waren mit Zürich Nord in Oerlikon und Zürich 4 beim Stauffacher unter den "Sehenswürdigkeiten". In dem historischen Haus von Zürich 4 befindet sich auch das Netz 4 mit seinen vielen sozialen Angeboten. Dann stolperten wir über ein weiteres Altersheim der Bethesda Alterszentren AG und kamen am Hauptsitz des Bischofs und der Zentralverwaltung der Evangelisch-methodistischen Kirche vorbei. In dieser Liegenschaft an der Badenerstrasse 67+69 war einst das Verlagshaus CVB Buch + Druck zu finden. Sie gehört immer noch der Genossenschaft CVB Immobilien. Eingemietet in die unteren Räume findet sich mit der Streetchurch eine diakonisch-kirchliche Arbeit der Evangelisch-reformierten Kirche. Weiter kamen wir zu zwei Restaurants. Eines beim Bethesda-Alterszentrum Schmiedhof, das andere an unserem Endpunkt, dem Hauptsitz der Diakonie Bethanien. Dort assen wir denn auch eine Lauch-Flammenkuchen und tranken eine heisse Ovomaltine.

Die Diakonie Bethanien hat sich einen eindrücklichen neuen Hauptsitz gebaut an der Buckhauserstrasse in Zürich-Altstetten.
Foto © Jörg Niederer
Was gab es auf diesem verwirrlichen Weg sonst noch alles zu sehen und zu erleben? Da war um 14 Uhr die Schweigeminute zum Gedenken an die Toten und Verletzten der Brandkatastrophe in Crans-Montana. Während am Bahnhof in Zürich viele gemeinsam schweigend still standen, ging das Leben an der Badenerstrasse trotz Glockengeläut ungebremst weiter, als hätte es diesen seltenen nationalen Trauertag nicht gegeben. Da hielten sich selbst die Spatzen in der Mentona-Moser-Anlage geradezu still an diesem kalten Tag. Auch mit genauer Adressangabe verirrten wir uns kurz auf der Suche nach einer Bethanien-Kita, die im selben Haus untergebracht ist wie das Geburtshaus Delphys. An diesem Ort, so lasen wir, haben schon 4453 Babys das Licht der Welt erblickt. Den Friedhof Sihlfeld erreichten wir über die Goldbrunnen-Strasse. Im Friedhof dann wenig Gold, aber Brunnen gab es, sowie viele alte und einige neue Gräber. Selbst eine Heinze fand sich an diesem stillen Ort. Vorbei am Oval des Stadions Letzigrund, bietet an der Badenerstrasse in Altstätten eine Maserati-Vertretung exklusive Occasionen an und einen Elektroboliden für schlappe 415'000 Franken. Das ideale Vehikel für einen Pfarrer im Ruhestand.

Dann zeigt ein Wegweiser den richtigen Weg zur Diakonie Bethanien und zum Placid-Hotel, und wieder einmal stehe ich vor dem beeindruckenden Hochhaus, in dem sich nebst Büroräumen auch besagtes Vierstern-Hotel, eine Kita und das Restaurant Buckhuser befindet. Anfänglich fand sich hier auf einem Stockwerk auch ein Sterbehospiz. Geplant war auch, dass die Bethanien-Diakonissen in diese Gebäude umziehen. Da sich das nur 10 Meter breite Hochhaus jedoch in einer Gewerbezone befindet, und dauerhaftes Wohnen an dieser Stelle nicht gestattet ist, sind die Schwestern an ihrem alten Standort beim Spital Bethanien geblieben.

Nun gibt es in Zürich nur noch zwei methodistische Orte, die ich nicht besucht habe. Einmal das von Diakonie Bethanien geführte Eltern-Kind-Haus, dessen Standort aus den selben Gründen wie bei Frauenhäusern geheim ist. Und dann die Methodistenkirche in Altstätten.

So gibt es im direkten städtische Umfeld von Zürich mindestens 24 Liegenschaften und Angebote, die noch heute im näheren oder weiteren Sinn irgend etwas zu tun haben mit der Evangelisch-methodistischen Kirche. Zürich ist damit ein methodistischer Ballungsort.

Jörg Niederer

Freitag, 9. Januar 2026

Der Philosoph von Bümpliz

Ein Zitat

Eine Wandergruppe im Schneetreiben in der Nähe von Sumiswald beim Aufstieg auf den Stiereberg.
Foto © Jörg Niederer
"Der Wunder grösstes ist die Liebe. Nur wer liebt, ist gläubig; allein wer liebt, hat Gott." Carl Albert Loosli (1877-1959)

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Vorweg: Zum heutigen nationalen Trauertag empfehle ich die berührenden Worte auf SRF1 von meinem Kollegen Stefan Moll.

Nun zu einem anderen, der etwas zu sagen hat: Ich glaube, von ihm muss ich noch mehr lesen. Einst foppte er die ganze philologische und literarische Universitätselite, als er behauptete, Jeremias Gotthelf sei nur der Ghostwriter des Bauern Johann Ulrich Geissbühler gewesen. Das nahmen sie ihm sehr übel. Carl Albert Loosli starb im Jahr 1959, vier Monate, bevor ich das Licht der Welt erblickte. Er war eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Mit bissigen Beiträgen in vielen Berner Zeitungen fiel er auf. Geschöpft hatte er wohl aus seinen Erfahrungen in Waisenhäusern, im Paris der Dreyfuss-Ära, und auf Drogenentzug in der Waldau. Er war mit dem Schweizer Maler Hodler befreundet. Er setzte er sich für Verdingkinder und gegen Antisemitismus ein. Sein Anliegen war eine demokratischere, gerechtere Schweiz. Als man 1933 den jüdischen Philologen Jonas Fränkel von dessen Arbeit an den Gottfried-Keller- und Spitteler-Editionen ausschloss, war er einer der wenigen, die sich gegen diese antisemitischen Machenschaften wehrte.

Zu seinen Lebzeiten schon wurde er "Philosoph von Bümpliz" genannt.

In einen Leitartikel im Berner Boten schrieb er einst über den Glauben. Als Einstieg diente ihm die folgende Geschichte: "Ein Atheist, der sein Leben lang an der Existenz Gottes gezweifelt und aus seiner Überzeugung nie einen Hehl gemacht hatte, war gestorben und erschien nun vor dem höchsten Richterstuhl. da erkannte er seinen Irrtum und verzweifelte. 'Verdamme mich Herr! Ich sehe, du bist, und ich habe dich immer verleugnet!' Da lächelte der Richter milde und sprach: 'Gehe ein zu der ewigen Freude. Du hast mich immer verleugnet, das ist wahr; aber du tatest es aus ehrlicher Überzeugung. Das ewige Feuer ist nur da für die, welche meinen Namen auf den Lippen führen, ohne meinen Willen zu tun.' Und der Atheist ging zur ewigen Wonne ein."

In der Folge gibt es in dieser Kolumne noch weitere spannende Formulierungen über den Glauben. Etwa diese: "Nur ihr, die ihr glaubt, lästert Gott, indem ihr ihn so beschränkt denkt, wie ihr selber seid... Euer Glaube ist keine lebendige Kraft, die euer Handeln leitet, sonst würdet ihr nicht richten und nicht verdammen."

Oder: "Denn die Liebe, welche von Gott ist, lässt sich ebensowenig wie die Wahrheit, die auch von Gott ist, von Staates wegen ausbeuten."

Und zuletzt: "Der Wunder grösstes ist die Liebe. Nur wer liebt, ist gläubig; allein wer liebt, hat Gott. Uns fehlt weder die Kraft noch der Wille zum Glauben. Aber das Wunder der Liebe fehlt uns: der Liebe, die nicht richtet, die nicht zürnt, sondern duldet, erträgt, begreift."

Jörg Niederer

Donnerstag, 8. Januar 2026

Gelbe Eisblumen

Ein Zitat

Makroaufnahme: Gelb scheinende Eisblumen haben sich auf der Aussenfläche eines Briefkastens der Post gebildet.
Foto © Jörg Niederer
"Alles ist Wechselwirkung." Alexander von Humboldt (1769-1859)

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Resublimation nennt man es, wenn ein gasförmiger Stoff in den festen Zustand übergeht. Dann entstehen unter günstigen Bedingungen Eisblumen aus Wasserdampf. Dazu braucht es eine hohe Luftfeuchtigkeit und eine heruntergekühlte Fläche. Meist ist das eine Glasscheibe. Daran gefriert der Wasserdampf und bildet sechseckige Strukturen, Sternchen, Schneeflocken, Stäbchen oder auch farnartige Gebilde.

Offensichtlich reicht dazu auch schon ein freistehender Briefkasten. An einem kalten Wintermorgen schmücken Eiskristalle im markenrechtlich geschütztem Farbton "RAL 1004 Goldgelb" den Briefsammler der Schweizer Post. Doch das Wunder ist von kurzer Dauer. In der Sonne schmilzt die faszinierende Formenvielfalt im Nu dahin.

SRF-Meteo erklärt anhand einer Analogie mit Legosteinen, warum es wohl sehr unwahrscheinlich ist, dass wir zwei identisch geformte Eiskristalle entdecken, aber auch, dass es bei ganz kleinen Schneekristallen zu einer Wiederholung der Form kommen kann. Massgeblich ist die Menge der Wassermoleküle: "Nur schon ein kleiner Schneekristall von 1 mm Durchmesser besteht aus 100 Trillionen Wassermolekülen - eine Zahl mit 20 Nullen (gemäss Buch 'Schnee' vom Schnee- und Lawinenforschungsinstitut in Davos). Es versteht sich von selbst, dass es unvorstellbar viele Möglichkeiten gibt, daraus einen Schneekristall zu bauen. Übrigens hätten all diese Legosteine in keinem Kinderzimmer der Welt Platz: Sogar im Legoland in Ulm/D kommen 'nur' 55 Millionen Legoteilchen zusammen."

Eiskristalle aus nur 6 Wassermolekülen sehen immer wieder identisch aus. Doch so eine Eisblume ist für uns Menschen von blossem Auge nicht zu erkennen.

Daher kann man sagen: Von Eisblumen, die wir sehen können, entdecken wir wohl nie zwei identische.

Jörg Niederer

Mittwoch, 7. Januar 2026

Natur

Ein Zitat

In die Aare geworfene Fahrräder und Einkaufswagen bei der Bahnhofunterführung in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Die schmutzige Natur des sauberen Menschen liegt in der nachlässigen Art, seinen Abfall zu beseitigen." Daniel Mühlemann (*1959)

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Im Uferbereich färbt die Sonne das Wasser der Aare wie ein türkiser Strand in der Südsee. Mit Sicht auf den Grund entdecke ich schnell ein weggeworfenes Damenfahrrad. Ein Mountainbike liegt links neben dem Birkenstamm. Rechts davon rosten zwei Einkaufwägelchen nahe beieinander; orange leuchten ihre Handgriffe. Weiterer Müll verrottet da schon seit Monaten im Wasser. Ein Schirmständer, ein Eisengitter, ein in sich verdrehter Flachstahl, Reste eines Klappstuhls, ein Laufrad und eine Vielzahl kleiner Wohlstandshinterlassenschaften.

Immer wenn ich in Olten am Bahnhof etwas Zeit habe, besuche ich diese kleine Terrasse, die in Verlängerung zur Hauptunterführung direkt am Fluss liegt. Da, bei der neuen Brücke ist ein Zweifaches an Natur zu erkennen. Einmal die natürliche Natur, das Wasser, die Steine, Bäume, Büsche, Tauben, der Himmel und die Sonne. Dann die Natur des Menschen, die sich in allerlei Schönem und Hässlichem manifestiert. Kein Ort, an dem es Menschen gibt, die von seiner verschwenderischen Schaffenskraft unberührt bleibt. Doch die Natur des Menschen passt zur natürlichen Natur oft wie die Faust aufs Auge, sicher aber nicht wie die Sahne auf die Torte. Die Natur des Menschen ist immer wieder einmal ungeniessbar, leider.

Jörg Niederer

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