Mittwoch, 16. September 2026

Pinkelnde Pilze

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Rotrandige Baumschwämme. Beim linken Pilz kann man anhand der Tropfen die als Guttation bezeichnete Absonderung von überschüssigem Wasser gut erkennen.
Foto: © Jörg Niederer
"Mit Menschen ist es wie mit Pilzen. Zuerst sieht man die Auffälligen. Aber die sind meistens giftig. Die Guten muss man länger suchen." Autor:in unbekannt

Entdeckt

Google sagt, bei den Pilzen auf dem Foto handle es sich um Rotrandige Baumschwämme. Ob es stimmt, kann ich nicht beurteilen. Dagegen bin ich sicher, dass der eine Pilz Wasser absondert. Man nennt diesen Vorgang, der nebst den Pilzen auch bei Pflanzen vorkommt, "Guttation".

"Gutta" ist ein lateinisches Wort und bedeutet "Tropfen" oder "Tröpfchen", auch "kleiner Fleck".

Bei bestimmten klimatischen Bedingungen, etwa wenn hohe Luftfeuchtigkeit vorliegt, es zugleich heiss ist oder dann um Null Grad Celsius, sondern einige Pilzarten überschüssiges Wasser ab. Das geschieht besonders auch zu Zeiten, in denen der Pilz stark wächst und daher mit dem Wasser auch viele Nährstoffe über das Myzel aus dem Holz gewinnen muss. Bei der Guttation handelt es sich also nicht um ein Schwitzen. Mit Schwitzen wird ja die Körpertemperatur reguliert. Eher könnte man sagen: der Pilz pinkelt. Denn die abgesonderten Tröpfchen bestehen nicht nur aus Wasser, sondern auch aus organischen Stoffen, etwa Aminosäuren. Pflanzen bei der Guttation geben so unter anderem auch zuvor aufgenommene Pflanzenschutzmittel ab (was für Insekten, die davon trinken, tödlich enden kann). Nebst der Regulierung des Wasserhaushalts entsorgen Pilze auf diese Weise Abfallprodukte. Es empfiehlt sich also nicht, diese Wassertropfen an den Pilzen zu trinken. Sie können für den Menschen schädliche Substanzen enthalten. Bei Giftpilzen kann deren Gift auch in den Guttationstropfen enthalten sein. Zudem sind diese Tropfen, auch wenn sie von ungiftigen Pilzen stammen, geschmacklich weit entfernt von reinem Wasser.

Jörg Niederer

Dienstag, 15. September 2026

Atemberaubend

Links: Aussicht vom Chuderhüsi-Turm: V.l.n.r. Wetterhorn, Schreckhorn, Finsteraarhorn Gross Fiescherhorn, Eiger, Mönch, Jungfrau. Davor sieben Hengste und Guggisgrat. Recht: der Chuderhüsi-Turm.
Foto: © Jörg Niederer

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"Da liegt a junger Schrofndottl, / Er hat a Bergtour gmacht im Mai: / Gar langsam ist er aufikommen, / Aber untn g'wosn glei." Tiroler Marterl für einen abgestürzten Bergsteiger

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186 besteigbare Türme gibt es in der Schweiz. Erstaunlich, bedenkt man, dass viele von ihnen für nichts anderes gut sind, als um die Aussicht zu betrachten. Einer davon ist der Chuderhüsiturm. 195 Treppenstufen führen auf eine Höhe von 37 Metern. Diese Höhe braucht es auch, um über die mächtigen Tannen hinweg die Aussicht zu geniessen. Die ist dann auch bemerkenswert. Besonders der Blick zu den Berner Alpen ist atemberaubend. So sagt man zumindest, denn der Aussicht wegen hat noch niemand aufgehört zu atmen.

Auf dem Foto sind von links nach rechst die folgenden Alpengipfel zu sehen: Wetterhorn (3692 m ü. M.), Schreckhorn (4078 m ü. M.), Finsteraarhorn (4274 m ü. M.), Gross Fiescherhorn (4049 m ü. M. Der etwas niedrigere, schneebedeckte Gipfel rechts hinter dem Finsteraarhorn.), Eiger (3.967 m ü. M.), Mönch (4.110 m ü. M.) und Jungfrau (4.158 m ü. M.). Auf keinem bin ich je gestanden und werde es wohl auch nie. Dafür sieht man bei der Bergkette direkt vor den Alpenriesen die Sieben Hengste und den Guggisgrat. Die Sieben Hengste bestieg ich eins in jugendlichen Jahren von Beatenberg aus. Damals verbrachte ich Zeit in einem Sonntagschullager und durfte einige der Leitenden begleiten in diese atemberaubende (schon wieder!) Karstlandschaft. Es war meine erste grosse Bergtour. Da möchte ich unbedingt noch einmal hin. Vorerst aber bleibt das Schauen aus Distanz.

Jörg Niederer

Montag, 14. September 2026

Suchbewegung

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Oben: Auf der Martinsegg versammelten sich die Methodist:innen einst in diesem Bauernhaus. Unten: Coupe Prune, gegessen auf der Aussichtsterrasse vom Chuderhüsi.
Foto: © Jörg Niederer
"Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande." Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)

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Kennst du den Blog von Thomas Widmer, auch Wanderpapst genannt? Er verbindet Wanderungen mit dem Kulinarischen. Dabei fotografiert er gerne auch das, was er oder auch seine Begleitung sich einverleiben. Eigentlich ein No-Go, Fotos von Essen zu posten. Bei Widmer hat es aber eine wanderergänzende Bedeutung. So weiss man, wo man unterwegs gut (oder auch nicht) speisen kann. Heute mache ich es auch einmal so. Den Coupe Prune und das alkoholfreie Bier genoss ich im Chuderhüsi. Das ist ein Gasthaus auf 1100 Metern Höhe nördlich von Röthenbach im Emmental. Ein Wanderbus bedient den Ort an Wochenenden jeweils einmal am früheren Morgen und einmal am späteren Nachmittag. Geführt wird das Haus von der christlichen Organisation El Rafa, im Speziellen von Menschen mit Suchtproblemen. Von der Terrasse des Hauses aus hat man einen fantastischen Ausblick auf Schrattenfluh, Hohgant, Brienzer Rothorn, Sieben Hengste und natürlich die Giganten der Berner Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau im Zentrum. Am vergangenen Samstag wurden wir zusätzlich mit Technoklängen des dreitägigen KuMuKu Festivals auf der Chapfwacht beschallt. Das Bum-Bum war weitherum zu hören.

Nun aber zum eigentlichen Thema. Wie findet man den Ort, an dem Methodist:innen einst in Privathäusern zusammengekommen sind. Auf dieser Wanderung von Bowil hinauf zum Chuderhüsi liegt etwa auf 1000 Höhenmetern der Weiler Martinsegg. In den Konferenzverhandlungen von 1981 steht, dass dort bei Familie Moser Predigten stattgefunden haben. Nun hat es auf der Martinsegg mehr als ein Bauernheimet. Welches es ist, versuche ich jeweils herauszufinden, indem ich im Telefonbuch nachschaue, ob dort immer noch (in diesem Fall) die Familie Moser lebt. Dumm, wenn es dann die falschen Mosers sind, die unweit davon wohnen.

Also frage ich in relativer Nähe zum gesuchten Haus auch ortsansässige Personen. Ein junger Mann, der mit einer Motorsense das Strassenbord schnitt, und zufällig selbst im Nachbarhaus des gesuchten Objekts wohnte, zeigte mir den Platz, an dem sich früher abends Menschen einfanden zur Predigt. Er wusste aber noch von weiteren Orten in näherer Umgebung. Es war halt bei den zahlreichen Freikirchen im Emmental üblich, sich bei Privaten zu versammeln. Unglücklicher Weise entschied ich mich, auf einem etwas anderen Weg hinauf zur Martinsegg zu wandern. Angekommen fragte ich wieder eine ältere Frau, die aber erst zwölf Jahre hier wohnte und keine Ahnung von lokalen christlichen Aktivitäten hatte. Mutig läutete ich im grössten der Bauernhäuser. Dort wusste man auch nichts von Gottesdiensten, aber im Haus weiter unten, man sehe es von hier oben, da habe eine Frau Moser Sonntagschule gegeben. Das sei aber schon 30 oder 40 Jahre her.

Hätte ich den zuhause geplanten Weg genommen, wäre ich an besagten Haus vorbeigekommen. Noch einmal hinuntersteigen um mein obligatorisches Selfie vor dem Anwesen zu machen (Solche Selfies sind ja fast so verpönt wie Bildern von Essen!) wollte ich nicht mehr. Also fotografierte ich das Bauernhaus so gut wie es eben ging von meinem erhöhten Standort aus.

Was folgte war der restliche Aufstieg zum Chuderhüsi, das Besteigen des nahen  Aussichtsturms und den Abstieg zum Wanderausgangspunkt beim Bahnhof Bowil. 540 Höhenmeter bei 13 Wanderkilometern. Eine Etappe mehr auf meiner Kapellentour, vielleicht die Königsetappe im Emmental.

Jörg Niederer

Sonntag, 13. September 2026

Eine Stadt für alle

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Bild: Terrakotta von Walter Loosli (Köniz) in der Kirche von Bowil: "Der Stamm Jakobs". Aufgrund der Schlangen in den Ecken und dem Engel zwischen Baum und Mensch könnte es aber auch die Vertreibung aus dem Paradies darstellen.
Foto: © Jörg Niederer
"Der Umfang der Stadt beträgt neun Kilometer. Der Name der Stadt lautet von jetzt an: 'Hier-ist-Gott.'" (Bibel: Ezechiel 48,35)

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Die endzeitliche Gottesstadt ist klein, die Ezechiel hier in einer Vision beschreibt. Die Seiten des quadratischen Grundrisses messen 4500 Ellen, das sind etwa 2.25 km. Zum Vergleich: Ninive hatte damals eine Länge von 5 km und eine Breite von 2,3 km. Babylons Stadtmauer war 18 km lang.

Nur ein kleine Stadt, schon damals. Heute gibt es Städte mit 42 Millionen Einwohnern (Jakarta, Indonesien), und selbst Zürich ist etwa dreimal so gross wie die Stadt, die von Ezechiel beschrieben wurde. Ganz anders das neue Jerusalem, welches als Vision davon, was nach dieser Welt kommt, in Offenbarung 21,16 gezeigt wird. Wir müssen es uns als Würfel vorstellen mit einer Kantenlänge von 12'000 Stadien, das entspricht 2160 km. Warum war dagegen Ezechiels Stadt so klein?

Weil es nicht um Grösse geht. Das vorherrschende Element ist die Gleichförmigkeit. Vier gleichlange Seiten mit je drei gleich angeordneten Toren auf jeder Seite. Die Tore sind benannt nach den zwölf Stämmen Israels.

Alle werden gleich behandelt. Keiner hat das bessere Teil bekommen.

Gleichheit: Manche denken jetzt an Gleichmacherei. Doch was spricht gegen Gleichbehandlung in einer Welt des Ungleichgewichts. Das war doch immer wieder die Botschaft der Propheten, dass es Gott nicht gefällt, wenn die einen durch Unrecht und Gier Reichtum anhäufen auf Kosten der andern. Das ist auch heute eines, wenn nicht das grösste Problem, dass die 12 Superreichen soviel Vermögen (und damit Einfluss) besitzen wie die gesamte ärmste Hälfte der Weltbevölkerung. Gottes neue Stadt soll dagegen ein Ort sein, wo jeder Mensch den gleichen Zugang zu Gott und Leben hat. Für jeden steht die Tür offen. Jeder Mensch soll seinen Anteil haben am Segen Gottes. Das ist nicht Gleichmacherei, sondern Gottes Gerechtigkeit. Denn diese Stadt heisst nicht "Hier-ist-der-Mensch", sondern "Hier-ist-Gott". Und das ist etwas ganz anderes.

Jörg Niederer

Samstag, 12. September 2026

Wer will schon betteln?

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Berufsreisende in der Stosszeit im Hauptbahnhof Bern.
Foto: © Jörg Niederer
"'Sie faule, verbummelte Schlampe', / Sagte der Spiegel zur Lampe. / 'Sie altes, schmieriges Scherbenstück', / Gab die Lampe dem Spiegel zurück. / Der Spiegel in seiner Erbitterung / bekam einen ganz gewaltigen Sprung." Joachim Ringelnatz (1883-1934)

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Ich warte an der Haltestelle auf den Anschluss für die Weiterreise, da fragt mich eine hektisch herumeilende Frau, ob ich ihr für die Notschlafstelle 10 Franken hätte. Während ich zum Portemonnaie greife, und der Bettlerin fünf Franken gebe, beobachtet eine ältere Dame dies mit Argusaugen. Die bettelnde Frau hackt nach, ob ich nicht noch weitere fünf Franken hätte. Dann eilt sie weitere zu einer andern Person und dann zu dieser älteren Dame, welche uns beobachtet hat. Dort kommt sie aber an die Falsche. Nicht nur gibt die Dame ihr nichts, sondern ruft der davoneilenden Frau nach, sie müsse halt arbeiten gehen.

Ich spreche die ältere Dame an: "Haben Sie noch nie gebettelt? Machen Sie es einmal, das ist gar nicht so einfach, das ist demütigend." Die Dame entgegnet, sie hätte ein Leben lang gearbeitet, damit sie nicht betteln müsse. "Betteln ist auch arbeiten", entgegne ich. "Wissen sie, dass Heinrich Bullinger, der Nachfolger von Reformator Zwingli, sich sein Studiengelt zusammenbettelt musste." Die ältere Dame beton noch einmal, dass sie das nicht nötig habe, und dass jeder und jede den Lebensunterhalt selbst erwirtschaften müsse. Sie sei nie jemandem etwas schuldig geblieben. "Sie mussten noch nie die Hilfe anderer in Anspruch nehmen?", frage ich. "Ich bin nicht zu dem geworden, ohne die Vielen, die mir in meinem Leben geholfen haben. Kein Mensch kommt aus ohne dass ihm andere helfen. Auch sie wären heute nicht da ohne die Pflege ihrer Eltern, ohne die Lehrerinnen und Lehrer, ohne das Spitalpersonal. Wir alle brauch einander und kommen nicht immer allein zurecht." Zwischenzeitlich hören die anderen Wartenden unserem Gespräch zu. Die Dame gibt widerwillig zu, dass wir ohne andere Menschen nicht leben könnten. Dann schweigt sie, und auch ich fahre nicht weiter fort mit meiner Strassenpredigt.

Was ich dort bei der Haltestelle nicht gesagt habe: Auch in meiner Familie gibt es Personen, die zu bestimmten Zeiten ihres Lebens betteln mussten. Sicher hatten sie sich zum Teil selbst in diese Situationen manövriert. Aber da war auch das Schicksal und viel Pech. Jedenfalls kenne ich keinen Frau und keinen Mann, die von sich sagen würden, dass sie gerne betteln. Daran denke ich jeweils, wenn mich jemand fragt, ob ich ihm etwas Kleingeld habe. Betteln ist keine angesehene Arbeit. Aber es ist gerade deshalb Arbeit.

Jörg Niederer

Freitag, 11. September 2026

Bahnfahrterlebnisse

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Jugendliche auf dem Hauptbahnhof Zürich, einer trägt eine Krone auf dem Kopf.
Foto: © Jörg Niederer
"Denn woher [kommt] diese noch so allgemeine Herrschaft der Vorurteile und diese Verfinsterung der Köpfe bei allem Licht, das Philosophie und Erfahrung aufsteckten?" Friedrich Schiller (1759-1805)

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Mitunter Seltsames ereignet sich, wenn man sich in der Zürcher Bahnhofshalle in ein Café setzt. Meist geht es keine 20 Minuten, bis etwas geschieht, das den normalen Bahnalltag durchbricht. So wie bei diesem Jugendlichen auf dem Foto, der in einer grossen Selbstverständlichkeit und nicht etwa am Dreikönigstag mit Krone auf dem Haupt vorüber schlenderte.

Gestern begab sich anderes Kurioses und zugleich Verstörendes, als ich am frühen Morgen in Frauenfeld in den bereits gut besetzten Zug nach Winterthur stieg. Schon beim Einstieg war das Gedränge von einer gewissen Ungeduld der Reisenden geprägt. Da drängten einige hinein, noch bevor die, welche den Zug verlassen wollten, ihm alle entstiegen waren. Irgendwie fand ich den Weg zu den Abteilen, suchte mir eines aus, in dem eine muslimische Frau mit Kopftuch alleine sass und auf ihrem Notebook arbeitete. Höflich fragte ich sie, ob ich mich zu ihr setzen dürfe, da drängte sich eine andere weiblich gekleidete Person durch den schmalen verbliebenen Raum zwischen Abteil und mir just auf den Platz, den ich anvisiert hatte. Schon draussen war sie mir unter anderen Reisenden als Transperson aufgefallen.

Nun, ich gab mich in mein Schicksal, und setzte mich halt ins gegenüberliegende Abteil zu zwei Frauen. Kaum hatte ich mich gesetzt, also gerade einmal zwei Sekunden später, geschah das Seltsame. Die Transperson schaute erstmals die Frau an, der sie nun schräg Vis-à-vis sass, erkannte diese als Muslima, sprang wie von der Tarantel gestochen auf und eilte in ein Abteil mit anderen, ihr wohl genehmeren Menschen.

Die Muslima und ich schauten uns verwundert und amüsiert an.

Was also war geschehen. Eine Person aus einer oft diskriminierten Minderheit wollte nicht am selben Ort sitzen, an dem eine andere Person aus einer anderen, oft diskriminierten Minderheit sass. Nicht nur kam die Transperson bei mir durch ihr Vordrängeln nicht gerade sympathisch herüber, sondern sie war auch noch von Vorurteilen geplagt, und sich nicht zu schade, diese durch ihr Verhalten deutlich sichtbar zu zeigen.

Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende. Später erzählte ich von diesem Erlebnis in einer Tischrunde. Da meinte eine der Frauen, die lange in einem sozialen Brennpunkt in Zürich gearbeitet hatte: "Das kenne ich. Bei uns wollten die Alkoholiker auch nicht bei den Drögelern am selben Tisch sitzen."

Vorurteile plagen alle Menschen. Besonders traurig finde ich es, wenn diese zwischen sonst schon benachteiligten Randgruppen der Gesellschaft zelebriert werden. Statt dass man die Chance ergreift, gemeinsam sich besser zu positionieren, ebnet man anderen einflussreicheren Kreisen den Weg zu mehr Macht. So kann es geschehen, dass die Mehrheit in Kantonsparlamenten den Töchtern von Muslimas vorschreibt, wie sie in der Schule gekleidet sein müssen. Und wiederum andere Mehrheiten in Parlamenten streichen die Sozialhilfe zusammen, um für Landesverteidigung mehr finanzielle Mittel freizusetzten. Es soll ja sicher nicht denen gegeben werden, die schon nichts haben oder darauf angewiesen sind; die auch gar nicht damit vernünftig umgehen können und überhaupt nicht zu uns guten Bürger:innen passen.. So verwehrt man dringend benötigte Mittel für Frauenhäuser, für die "selbstverschuldeten" Randständigen, oft "Sozialschmarotzer" genannt, für diskriminierte und marginalisierte Menschen.

Da kommt mir eine andere, jüngst erlebte Geschichte in den Sinn von einer Frau, die einer anderen in aller Öffentlichkeit nachrief, sie solle halt arbeiten. Diese Geschichte werde ich dann im morgigen Blog erzählen.

Jörg Niederer 

Donnerstag, 10. September 2026

Wil mit Schloss

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Schlosswil. Rechts das Schloss Wyl, das dem Dorf den Namen gibt.
Foto: © Jörg Niederer
"Es rentiert nicht, aber es lohnt sich" Matthias Steinmann zum Erwerb und Unterhalt von Schloss Wyl

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Einst siedelten hier die Römer. Heute steht
das Dorf Schlosswil auf der Seitenmoräne des eiszeitlichen Aargletschers. Seit 1146 befand sich hier das Stammland der im 15. Jahrhundert ausgestorbenen Freiherren von Wiler. Von 1812 bis 2010 wirkte 
im später weiter ausgebauten Schloss die Behörde des Amtsbezirks Konolfingen. Seit 2011 kümmert sich die "Steinmann Stiftung Schloss Wyl" von Matthias Steinmann und seiner Firma Berakom um das Anwesen.

Der Stiftungszweck sieht allerlei Aufgaben bei der Verwaltung des Schlosses vor. Angeboten werden in den historischen Räumen Standesamtliche Trauungen, Hochzeitsfeiern, Anlässe von Behörden und Privaten, Vorträge und Lesungen, Seminarien, Workshops, Ausstellungen, besondere Aktivitäten für Schulen, Konzerte, Führungen, Theater und mehr.

Den rund 700 Bewohner:innen vom Ort Schlosswil scheinen die neuen Besitzverhältnisse zu passen. Die eigene Selbständigkeit als politische Gemeinde hat man vor einigen Jahren aufgegeben. Aufgrund einer Volksabstimmung fusionierten Grosshöchstetten und Schlosswil am 1. Januar 2018.

Wäre ich nicht auf meiner Kapellentour unterwegs, ich wäre wohl nie an diesen idyllischen Ort mit dem weitherum sichtbaren Schloss gekommen. Das Wandern abseits der breiten Massen hat halt auch seinen Reiz.

Jörg Niederer

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