Freitag, 3. Oktober 2025

Die grossen Vögel von Hohenems

Ein Zitat

Beim Nibelungenbrunnen in Hohenems startete die kürzeste Uhu-Expedition aller Zeiten.
Foto © Jörg Niederer
"Die Stadt [Babylon] wird nie mehr besiedelt, sondern bleibt für alle Zeiten unbewohnt... Nur wilde Tiere hausen an diesem Ort. Die Häuser werden von Eulen bevölkert, Straußenhennen wohnen dort, Bocksgeister springen umher." Jesaja 13,20+21 (Erwähnung von Eulen in der Bibel.)

Hingesehen

Hohenems im Vorarlberg hat einiges zu bieten: das Jüdische Museum, den jüdischen Ortsteil, den jüdischen und den muslimischen Friedhof, das Franz-Schubert-Museum, das Elisabeth-Schwarzkopf-Museum, wegen Handschriften von 1755 und 1779 das Nibelungenmuseum, einen wunderschönen Schlossplatz, den Schlossberg mit der Ruine zuoberst, diverse Wandermöglichkeiten, und noch vieles mehr. Doch wegen all dem wanderte ich nicht kurzentschlossen von Heerbrugg nach Österreich. Es war ein besonderer Vogel, dem ich auf die Spur kommen wollte.

Die Naturführung über einen der grössten Raubvögel unserer Breiten wurde von Daniel Nussbaumer geleitet. Nein, nicht von dem Daniel Nussbaumer, den nun viele hier als pensionierten Methodistenpfarrer kennen. Von einem jüngeren, aber mindesten ebenso vogelaffinen Daniel Nussbaumer. Besammelt hatten sich die gut zehn Personen beim Nibelungenbrunnen auf dem Schlossplatz. Von dort ging es nicht etwa stundenlang bergauf. Gerade mal 100 Meter weit führte die Expedition, an eine Stelle, an der die Felswand des Schlossbergs gut einsehbar war. Das Spektiv, ein modernes Fernrohr, war schon auf die richtige Stelle ausgerichtet. Und tatsächlich: Direkt aus der Stadt Hohenems heraus konnte man ihn entdecken, den Uhu. Nun, das Fotos von ihm ist von schlechtester Qualität. Zu weit weg war der grösster, nachtaktiver Greifvogel unserer Breiten.

Der Uhu von Schlossberg in Hohenems.
Foto © Jörg Niederer

Im Vorarlberg gibt es fast in jedem Seitental ein Uhu-Revier. Dass Uhus so nahe an den Lichtern und Häusern von Hohenems leben, liegt wohl daran, dass kein anderes Revier mehr frei war. Es handelt sich um relativ junge Vögel, vielleicht drei Jahre alt.

Action kam nicht gross auf. Zwei-, dreimal wurde der Vogel von Krähen entdeckt, doch lange beschäftigen diese sich nicht mit dem für sie gefährlichen Greifer.

Daniel Nussbaumer liess uns beim Warten auf das Einnachten einige von einer Waldohreule ausgewürgte Gewölle untersuchen. Es ging darum, anhand der Knöchelchen herauszufinden, was dem Kauz da als Nahrung gedient hatte. In allen Fällen waren es Rötelmäuse.

Weiter erkläre der Naturführer anhand einer Waldkauz-Schwungfeder, warum Eulen geräuschlos fliegen können, und warum ihre Ohren in unterschiedlicher Höhe am Kopf angebracht sind. Auch dass die Eule der wohl älteste abgebildete Vogel Europas ist, erfuhren wird. So fand man doch in Frankreich über 30'000 Jahre alte Höhlenzeichnungen von einer damals auch in Europa lebenden amerikanischen Eulenart.

Für alle, die nun auch die Uhus von Hohenems anschauen möchten: Der Vogel ist nur mit Spektiv zu finden, und das ist alles andere als einfach an dieser grossen, gut strukturierten Felswand. Daniel Nussbaumer suchte ihn gut zwei Stunden, bis er fündig wurde. Und wir waren die Nutzniesser und dankten es ihm mit herzlichem Applaus.

Jörg Niederer

Donnerstag, 2. Oktober 2025

Die Verwandlung der Waldleichen

Ein Zitat

Rottannen-Baumstrünke nach einiger Zeit der Verwitterung. Faszinierend, wie mit der Zeit Farbe in die Sache kommt.
Foto © Jörg Niederer
"Die Axt ist schon an die Baumwurzel gesetzt: Jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen." Bibel, Lukas 3,9

Hingesehen

Das Burgerholz in Frauenfeld, direkt angrenzend zur Autobahn, ist in einigen Bereichen ein typischer Wirtschaftswald, eine Rottannen-Monokultur. Nadelbäume in Reih und Glied, alle Abstände gleich, viel abgestorbenes Astwerk in den unteren lichtarmen Bereichen. Damit die Bäume besser wachsen, wurde ausgelichtet. Zurück blieben die Stümpfe der noch jungen Bäumchen. Kein schöner Anblick. Doch dann schaue ich genauer hin, entdecke die Individualität der Verwitterung auf den Schnittflächen. Die Jahrringe präsentieren sich in verschiedenartige Farbnuancen. Gelbe, weisse und blaue Farbtöne herrschen vor, auch braun und schwarz leuchtet es am Waldboden.

Die Farbenpracht entsteht im Zusammenspiel mit der Vergänglichkeit. Jeder Baumstumpf wird zur Einmaligkeit. Kein Schnitt gleich mehr dem andern. Die Jahrringe erzählen eine traurig kurze Geschichte. Doch das Leben ist viel mehr als ein Zählen von Tagen, Monaten und Jahren. Da ist ein Leben nach dem Tod. Da ist Verwandlung.

Jörg Niederer

Mittwoch, 1. Oktober 2025

Waldkaviar

Ein Zitat

Der Fischeierschleimpilz (Tubifera Ferruginosa) zeigt sich auf einem alten Baumstamm in seiner vollen Schönheit.
Foto © Jörg Niederer
"Wie wenig bleibt vom Waldzauber in der Pilzsuppe übrig!" Herkunft unbekannt

Hingesehen

Auf dem fast schwarzen Holz eines alten Baustumpf leuchtet es orangefarbig. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich ein Schleimpilz in seiner ganzen Schönheit. An einer Stelle haben seine Fruchtkörper sich in Herzform versammelt. "Es sieht aus wie Kaviar", meint meine Begleiterin. "Man sollte ihn 'Kaviarschleimpilz' nennen." Und siehe da; das haben auch andere so gesehen. Der deutsche Name ist denn auch "Fischeierschleimpilz" oder "Lachseierschleimpilz".

Schleimpilze bewegen sich. Sie wandern dahin, wo sie ihre Nahrung finden. Dabei hat man auch schon erstaunliche Fähigkeiten entdeckt, so etwas wie Intelligenz. Denn in einem dreidimensionalen Labyrinth finden Schleimpilze jeweils den direktesten Weg an ein Ziel.

Auch dieser Schleimpilz bewegte sich. Nach drei Tagen hatte er sich etwa 2 Zentimeter tiefer in einen Holzspalt hineingearbeitet. Das war vor einem halben Monat. Gestern war dann vom Schleimpilz nur noch ein kümmerlicher Rest zu finden, der ein wenig aussah, wie dunkle Erde, die man an einem Randstein von der Schuhsohle abgestreift hatte. Seine Sporen werden auch von Fliegen weiterverbreitet, deren Kinderstube sie im Schleimpilz erfuhren.

Irgendwer hat auch den Geschmack des Fischeierschleimpilzes getestet. Er soll "unbedeutend" sein. Als ein Wunder der Natur ist dieser Schleimpilz aber alles andere als unbedeutend. Ein wichtiger Teil im Prozess der Zersetzung organischen Materials.

Jörg Niederer

Dienstag, 30. September 2025

Was frisst denn der Vogel da?

Ein Zitat

Ein jugendlicher Kampfläufer im Neeracherried hat ein grösseres Insekt erbeutet.
Foto © Jörg Niederer
"Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Würde der Städter kennen, was er frisst, er würde umgehend Bauer werden." Oliver Hassencamp (1921-1988)

Hingesehen

Es ist kein seltener Vogel der hier auf dem Bild zu sehen ist. Ein Kampfläufer im Jugendkleid. Ihren Namen haben die Wattvögel von ihren Kämpfen, die sie auf Arenen in den Brutgebieten um die Weibchen ausfechten. Dann tragen sie sehr individuelle Prachtkleider, bei dem der voluminöse und aufrichtbare Kragen eine wichtige Rolle spielt. Aktuell ist diese Schnepfenart auf dem Durchzug in südlichere Regionen.

Was ich aber nicht sicher erkennen kann: Welches Insekt hat der Vogel hier erbeutet bei seinem ruhelosen Herumstochern im sumpfigen Boden? Die KI irrt wohl deutlich mit ihren Spinnenvorschlägen, hat doch das Tier auf dem Bild nicht acht, sondern nur sechs Beine. Andere Vorschläge sind: Zikade, Köcherfliege, Heuschrecke und Libellenlarve. Ich tendiere zu Libellenlarve. Was denkst du, was da in Kürze im Verdauungstrakt des Kampfläufers landen wird?

Jörg Niederer

Montag, 29. September 2025

Holy Club-Podcast zu den Sozialen Grundsätzen

Ein Zitat

Das Writing-Team zu den Sozialen Grundsätzen, bei dem ich 2015 in Washington D.C. mitwirken konnte.
Foto © Jörg Niederer
"'To reform the nation' – die Nation, das Land verändern. Das hat John Wesley schon früh als eines der wichtigsten Ziele der methodistischen Bewegung benannt." Aus dem Geleitwort der methodistischen Deutschen Zentralkonferenz zu den revidierten Sozialen Grundsätzen von 2024  

Hingesehen

Nun ist er da, der Holy Club-Podcast zu den Sozialen Grundsätzen der Evangelisch-methodistischen Kirche, von dem ich schon in einem früheren Blog-Beitrag (Siehe Beitrag vom 18. September 2025!) geschrieben habe. Darin durfte ich Auskunft geben über diesen besonderen Text der Kirche, der Anregung ist für einen ethisch verantworteten Lebensstil als Christ:innen. Da ich den gesamten Prozess der Revision von 2006 bis 2024 miterlebt haben, gab es im Interview auch viel zu sagen. Sarah Staub hat das Gespräch, das über eine Stunde dauerte, geschickt auf 45 Minuten zusammenkürzt.

Das Foto zeigt ein sogenanntes Writing Team (Schreibteam), bei dem ich (3. von rechts) mitwirken durfte bei der Neuformulierung von einigen Abschnitten der Sozialen Grundsätze.

Jörg Niederer

Sonntag, 28. September 2025

Gebetsentscheid

Ein Zitat

Gemeinsame Gebetszeit an einer Retraite in Montmirail. So kommt Farbe ins Leben hinein.
Foto © Jörg Niederer

"Als es Tag wurde, rief er [Jesus] seine Jünger zu sich. Er wählte zwölf von ihnen aus, die er auch Apostel nannte."
Bibel, Lukas 6,13 

Hingesehen

Ich frage mich, welche Kriterien und welches Verfahren Jesus bei der Auswahl der Apostel angewandt hat. Gab es ein Casting, bei dem sich die einen Jünger blamierten und andere das Publikum berührten? Hatte Jesus überhaupt die Wahl? Gab es mehr als 12 in Frage kommende Jünger? Musste sich Jesus erst noch als Headhunter in den Fischerhäfen und an den Zöllen herumtreiben, bis er fündig wurde? Mussten die Jünger Prüfungen bestehen oder Studien absolvieren, bevor sie als Botschafter für Jesus Christus ausgesandt wurden? Spielte das Alter eine Rolle? Warum waren es nur Männer und nicht auch Frauen? Und wer bitte ist dieser Bartholomäus, und hatte er einen Bart? Warum wählte Jesus auch politisch zwielichtige Typen aus wie etwa Simon der "Zelot" (auf Deutsch "der Eiferer")? Bei Judas Iskariot, dem Verräter, hatte sich Jesus wohl total vergriffen. Warum stellte sich Jesus also diese kuriose Gruppe von Jüngern zusammen, um gerade sie zu lehren und zu beauftragen? (Siehe Lukas 6,12-16!)

Warum? Da hätte es wohl bessere Dreamteams gegeben, eine schlagfähigere, gebildetere und homogenere Truppe.

Vielleicht liegt die Antwort in dem, was als Einleitung steht: "Einmal in diesen Tagen stieg Jesus auf einen Berg, um zu beten. Die ganze Nacht betete er zu Gott." (Lukas 6,12).

Eine ganze Nacht betend auf einem Berg. Intensive Zeit im Gespräch mit Gott. Keine Vernunfts- und keine Bauchentscheidung. Eine Gebetsentscheidung, geboren an einem speziellen Ort, unter dem Sternenhimmel Abrahams, auf dem Gipfel des Fragens. Dort, bei Gott, findet Jesus die Antwort und seine zwölf Apostel.

Heute ist Sonntag. Du kannst heute auf einen "Berg" gehen, um zu beten.

Jörg Niederer 

Samstag, 27. September 2025

Zu Besuch bei Rothirschs

Ein Zitat

Einer der Platz-Rothirsche, ein Gerader Vierzehnender, röhrt, um seine Vorherrschaft zu festigen auf der Wideregg.
Foto © Jörg Niederer
"Alter Hirsch nennt man den altgedienten Soldaten. … Der Ausdr. ist der Jägersprache entnommen, wo er das überständige Tier bez. - Auch eine alte Predigt, einen Vortrag, die schon vor Jahren gehalten worden sind und aus Verlegenheit noch einmal dargeboten werden, nennt man einen alten Hirsch..." Lutz Röhrich, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Freiburg, Basel, Wien 1973, S. 388 

Hingesehen

Schon von weitem hörte man das Brüllen. Je näher man dem Beobachtungsstandort kommt, wird es lauter und mehrstimmig. Rothirsche. Jetzt in der Brunstzeit festigen sie ihre Vormachtstellung laut und eindrücklich.

Rothirsche lassen sich in vielen Wildparks bewundern. Aber in freier Natur ist es noch einmal etwas anderes. In Appenzell Innerrhoden ist die Revierjagt in vollem Gang. Dann jeweils versammelt sich das jagdbare Wild mit Vorliebe im Jagdbanngebiet Säntis. Da dürfen sie in der Regel nicht gejagt werden. Das wissen die stattlichen Wiederkäuer. So treffen auf der Wideregg schon seit vielen Jahren die verschiedenen Rudel aufeinander. Dort sind sie sicher vor den Jäger:innen. Wir beobachten sie in etwa 400-500 Metern Entfernung von einem idealen Standort auf der gegenüberliegenden Talseite aus. Dabei werden die Hirsche nicht gestört. Und doch scheinen sie zu wissen, dass wir uns dort aufhalten, schauen doch einige Tiere immer wieder zu uns herüber.

Ein stattlicher "Gerader Vierzehnender" hat alle Hufe voll zu tun, um weniger potente Nebenbuhler von seinem Rudel fernzuhalten. Immer wieder vertreibt er andere Stiere. Einer von ihnen setzt sich etwa hundert Meter entfernt ins Gras. Er weiss, dass er keine Chance hat. Der Vierzehnender kontrolliert unterdessen durch Abschnuppern und Lecken der Hirschdamen ihre Empfänglichkeit. Ab und zu muss er seine angestaute Aggression durch heftige Attacken auf den Boden abreagieren. Wie ein Pflug wirft er dabei die Scholle auf. 

Ich fotografiere durch die Spektive meiner Begleiter. Das gibt eher bescheidene Bilder. Mit zunehmender Dämmerung und aufziehenden Nebelschwanden wird die Beobachtung immer schwieriger. Zumindest entdecken wir ganz oben auf der Krete, da wo der Wanderweg hinauf zum Kronberg verläuft, noch vier Gämsen. Dann kommt das Nachtsichtgerät zum Einsatz. Mit ihm zeichnen sich immer mehr Rothirsche ab, die den sicheren Wald verlassen und auf die Wiese hinausziehen. Gut dreissig Tiere zählen wir, und es werden immer mehr. So wird es wohl die ganzen Nacht weitergehen. Wir aber fliehen nach dieser erfolgreichen Expedition vor dem zu erwartenden Regen hinab ins Tal.

Jörg Niederer

Empfohlen

Ein Fotohotspot am Bielersee

Ein Zitat Foto: © Jörg Niederer "E See im hälle Sunneglanz, / wit hintrem grüene Hügelland / e grosse Chranz vo stolze Silberchron / un...